Schon in Peter Jacksons "In meinem Himmel" konnte Saoirse Ronan auf ganzer Linie überzeugen und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder auf der großen Leinwand zu sehen sein wird. Der Film "Wer ist Hanna?" ging in der Kinowelt leider ein wenig unter, was entweder am nichtssagenden Titel liegen könnte oder aber an der zu geringen Bedienung der Werbetrommel. Regisseur Joe Wright (Der Solist, Abbitte), der eigentlich für ruhige Töne in seinen Filmen bekannt ist, inszenierte hier erstmals einen rasanten Thriller mit Action, ohne das der Film zu einem 08/15 Actionthriller degradiert wird und liefert hier einen sehr spannenden Film mit vielen unerwarteten Wendungen ab, der völlig zu Unrecht so wenig Aufmerksamkeit geschenkt bekommen hat. Es ist erneut ein Film, in dem ich in Vorfeld nicht viel Erwartungen hatte und positiv überrascht wurde, auch wenn "Wer ist Hanna?" garantiert nicht die Filmwelt verändern wird.
Hanna (Saoirse Ronan) ist 16 Jahre alt und lebt schon ihr ganzes junges Leben im Wald mit ihrem Vater (Eric Bana). Ihr Vater hat sie zu einer wahren Kampfmaschine trainiert und bereitet sie auf den Tag X vor. Doch wer ist Hanna? Was für ein Spiel spielt ihr Vater? Warum will die skrupellose Agentin Marissa (Cate Blanchett) unbedingt den Tod von Hannas Vater? Als der "Tag X" anbricht muss sich Hanna durch die große weite Welt kämpfen und landet an allen möglichen Orten wie zum Beispiel in Marokko oder auch in Berlin. Bei ihrem Trip durch Marokko lernt Hanna eine Aussteigerfamilie kennen und freundet sich mit der pubertierenden und völlig überdrehten Tochter an. Als sie bemerkt, dass sie von zwielichtigen Gestalten verfolgt wird muss Hanna eine Entscheidung treffen und das tun, was sie am besten kann : Kämpfen um zu überleben. Zudem muss sie noch ihren Vater am vereinbarten Treffpunkt finden, der für sie allerdings ein unerwartetes Geheimnis auf Lager hat.
Die Geschichte macht gleich zu Beginn unglaublich viel Spaß und vor allem Lust auf mehr. Innerhalb kürzester Zeit werden unfassbar viele Fragen in den Raum geworfen, wovon nur ganz Wenige eher unbefriedigend beantwortet werden. Die Puzzleteile fügen sich dann im Laufe des Films immer mehr zusammen und so bleibt permanent eine sehr packende Spannung in der Luft. Die Actionszenen sind ziemlich gut in Szene gesetzt und überspannen den Bogen, z.B. mit unnötigen Effekten oder Wackelkamera, zu keinem Zeitpunkt. Untermalt werden diese tollen Szenen mit dem grandiosen Sound der "Chemical Brothers", die über den ganzen Film hinweg für atemberaubende Musik sorgen. Das Erzähltempo ist sehr rasant und wird zu keiner Sekunde ermüdend, da immer irgendwas passiert und man vor allem auch immer mehr über Hanna und ihrer wahren Geschichte erfahren möchte. Vor allem der Showdown am Ende ist unheimlich packend erzählt und zögert auch nicht mit schockierenden Szenen. Da sich der Höhepunkt in Berlin abspielt, hat man sich als Szenario den längst stillgelegten Spreepark ausgesucht, der eine besondere und sehr unheimliche Aura ausstrahlt. Denn das Besondere hieran ist : Der Spreepark sieht in der Realität tatsächlich so verwahrlost, kaputt und verlassen aus wie in diesem Film. Was mir nicht ganz so gut gefallen hat war die aller letzte Szene, denn ich hätte mir noch ein viel intensiveres Ende gewünscht. Der Film endet praktische genauso wie er beginnt, was vom Stil her sicherlich sehr authentisch wirkt, aber die Story nur zu 90% befriedigend abschließt.
Die Schauspieler machen hier durch die Bank alle einen fantastischen Job. Das größte Duell findet hier eindeutig zwischen Saoirse Ronan und Cate Blanchett statt, die beide auf Augenhöhe agieren, was für Ronan eine mehr als beachtliche Leistung ist. Zusätzlich tut es gut, endlich mal wieder Eric Bana in so einer Form zu erleben, der seit Längerem keine vernünftige Rolle mehr verkörpert hat. Hier überzeugt er schauspielerisch auf ganzer Linie, auch wenn manche Verhaltenssituationen seiner Rolle für fragwürdig erklärt werden darf. Als besonderes Bonbon gibt es dann doch Tom Hollander (Fluch der Karibik, Abbitte), als psychopathischen Killer mit 2 Skinheads im Schlepptau. Hollander verkörpert diese Rolle wirklich sehr beeindruckend und immer wenn dieser, fast schon pervers wirkende, Psychokiller auftaucht, hat man wirklich angst um die herum stehenden Protagonisten. Leider kommt von ihm gegen Ende zu wenig und er mutiert beinahe zum Statisten, obwohl man aus seiner Figur noch viel mehr hätte heraus holen können. Trotzdem bleibt dies ganz klar ein Film, wo die beiden Damen dominieren. Auch Cate Blanchetts Rolle als mörderische Agentin hat viele psychopathische Züge und ihr handeln fördert richtig den inneren persönlichen Hass gegen diese Person. Besonders wenn man ihre Motive erfährt lässt es einen das Blut in den Adern gefrieren und man hat in ihr definitiv eine wirklich fiese Hassfigur gefunden, was aber positiv gemeint ist und vor allem erst durch die große schauspielerische Leistung von Cate Blanchett zur Geltung kommt. Und was Ronan hier mit ihren damals 17 Jahren so alles abliefert ist einfach sehr beeindruckend. Man nimmt ihr in jedem Moment ihre Rolle voll ab und kann sogar streckenweise erkennen, dass sie wohl auch viel Spaß in dieser Rolle hatte. Klar, welches Teenager-Mädchen wollte denn nicht schon immer ein paar Skinheads so richtig windelweich klopfen?
"Wer ist Hanna?" ist ein Thriller mit ein bisschen Action, der aber fast schon in Richtung Arthouse geht. Zwar schrabbt dieser Film sehr knapp an einem Meisterwerk vorbei, ist aber dank der grandiosen Schauspielerleistung und den vielen (wirklich) unerwarteten Wendungen auf jeden Fall als Geheimtipp zu bezeichnen und sollte auf alle Fälle von jedem Filmfan und besonders von jedem Videothekenbesucher unter die Lupe genommen werden.
Fazit : Ziemlich unterschätzter Thriller mit einer Cate Blanchett in Hochform, einem Eric Bana in positiver Comeback-Manier, einem "wahnsinnigen" Tom Hollander und einer überragenden Saoirse Ronan. Ich hoffe wir bekommen noch viel von diesem jungen Talent zu sehen!
8,5/10