Review

„Kein Vergnügen, sondern eine Aufgabe!“


Reise nach Agatis, das ist der Titel von Marian Doras jüngstem abendfüllenden Spielfilm, der gewissermaßen das Genre des Horrorfilms streift und möglicherweise genug psychische und physische Folter beinhält, um von Kritikern in die um die Jahrtausendwende herum etablierte Kategorie des „torture porn“ gesteckt zu werden. Er könnte auch durchaus als Psychogramm eines Byron'schen Helden durchgehen, weist jedoch zugleich auch Elemente eines Thrillers auf. Dennoch besteht bei diesem Film, der fernab aller Konventionen des Hollywood-Mainstreams entstanden ist, gar keine Notwendigkeit einer Etikettierung. Vielmehr knüpft Marian Dora mit diesem Film nahtlos an sein bisheriges Gesamtwerk an. So erinnert Reise nach Agatis von der Machart her stark an Doras vorheriges Werk Melancholie der Engel.
Beeindruckend ist hierbei, dass der Film binnen drei Tagen gedreht worden ist, der Cast lediglich aus drei Schauspielern besteht und Dora von Kamera über Schnitt bis hin zu Vertonung praktisch alle Bereiche selbst übernommen hat. Trotzdem ist Reise nach Agatis alles andere als eine typische Low-Budget Produktion, denn obschon man die Namen
aller Beteiligten vermutlich an zwei Händen abzählen kann (wenn nicht sogar nur an einer), so fällt dies dem Zuschauer, der dieses Hintergrundwissen nicht besitzt, weder anhand der Story auf, noch macht es sich beim Sounddesign und Soundtrack, beim Schnitt, oder beim Anspruch bemerkbar.
Wurde Marian Doras Cannibal noch vor wenigen Jahren  beschlagnahmt - und Insider mutmaßen, dass dieses Schicksal über kurz oder lang auch Melancholie der Engel droht - so hat sich der Extremfilmer bei seinem neuesten Werk vergleichsweise zurückgehalten und kratzt erstmals an dem, was der Otto-Normalbürger gemeinhin noch als annähernd massentauglich durchgehen lassen würde. Nichtsdestotrotz ist Dora mit Reise nach Agatis klar erkennbar bei seinen Leisten geblieben. Der künstlerische Anspruch ist sehr hoch gehalten. Verträumte, romantisch verklärte Aufnahmen und Kameraeinstellungen konterkarieren die sadistischen Ausschweifungen des Protagonisten Rafael.
Eine wiederum sehr poetische Note steht auf sprachlicher Ebene den durchaus verbal expliziten Ausbrüchen konträr gegenüber. Bediente sich Dora in Melancholie der Engel noch bei großen Dichtern der deutschen Literaturgeschichte, wie Goethe, Mörike oder Büchner, so bekommt Reise nach Agatis einen besonders individuellen Touch dadurch, dass sämtliche Gedichte aus der Feder der mitwirkenden Schauspielerin Lisa Dombrowsky persönlich stammen. Eine weitere Parallele zu den vorherigen Werken stellt Marian Doras Fokus auf die männlichen Charaktere dar. War dieser Fokus in Cannibal durch die pure Abwesenheit von Frauen (die Vorleserin im Intro mal außen vor gelassen) noch überdeutlich, so offenbart er sich sowohl in Melancholie der Engel, als auch in diesem Werk darin, dass der Zuschauer den Perspektiven der weiblichen Figuren nicht folgen kann. Marian Dora verletzt hiermit gekonnt die Erwartungshaltung des Publikums, welches in der Regel die Perspektive des Opfers einzunehmen versucht. Gewehrt
wird sich damit aber nicht nur gegen das Mainstream-Horrorkino, sondern vor allem gegen ein starres Publikum, welches nicht in der Lage ist umzudenken, denn Um- und Mitdenken sind hier gleichermaßen gefragt. Wer aus purer Gewohnheit heraus versucht den Opfern (bzw. hier konkret den weiblichen Charakteren) zu folgen, der wird über kurz oder lang scheitern und ab einem gewissen Punkt auf Unverständnis stoßen. So drängt sich dem Zuschauer praktisch von Anfang an die Frage auf, wieso die beiden Frauen die Reise überhaupt antreten, so wie analog dazu nicht erklärt werden kann, wieso die beiden Frauen in Melancholie der Engel die Reise zum Gehöft antreten und warum sie sogar bleiben.
Diese Fragen jedoch will weder der eine noch der andere Film
beantworten, denn weder die Fragen, noch ihre Antworten besitzen eine Relevanz, sollen hier doch in erster Linie festgefahrene Denkmuster aufgebrochen werden. Der Zuschauer soll hier zum Mittäter gemacht werden und nicht in einer Opferrolle verbleibend den Film über sich ergehen lassen. Sicherlich ist dies eine für viele Rezipienten unangenehme Perspektive, jedoch lassen sich Marian Doras Filme nicht
einfach mal so bei einem gemütlichen Abend mit Popcorn konsumieren. Es ist schlichtweg kein Vergnügen sich mit den Filmen auseinanderzusetzen, sondern vielmehr eine Aufgabe!
Während Marian Dora mit Melancholie der Engel einen überaus komplizierten Film erschaffen hat, der es selbst dem hinterfragenden und spurensuchenden Zuschauer recht schwer machte, ihn auf allen Ebenen vollends zu erfassen, so ist Reise nach Agatis hier weniger verschachtelt und leichter zu verstehen, obschon er deswegen nicht minder wertvoll ist. Vielmehr könnte man Reise nach Agatis auch durchaus als Einstieg in das filmische Werk des Marian Dora bewerten, der dem geneigten Rezipienten möglicherweise bereits erste grundsätzliche Herangehensweisen an einen Marian Dora Film aufzeigen könnte und auf den in der Spielzeit rund doppelt so lange laufenden und wesentlich komplexeren Melancholie der Engel vorbereiten könnte. Doch obwohl - trotz vieler Querverweise und Anspielungen, die zumindest auf dem Gebiet der Intertextualität versteckte Metaebenen andeuten - dem Hauptplot in Reise nach Agatis verhältnismäßig einfach zu folgen ist, so hat Marian Dora einmal mehr etwas geschaffen, was in der heutigen Zeit sehr rar geworden ist: Nämlich einen Film, der den Zuschauer wirklich fordert und dazu zwingt, sich von jeglichen Vorurteilen und Erfahrungen zu befreien und ganz genau hinzusehen. Denn war es bei Filmen früher noch sehr gebräuchlich bei Unverständnis tiefer zu schürfen und findet man in den Bibliotheken dieser Welt durchaus über den ein oder anderen älteren und komplexeren Film diverse Sekundärliteratur, so scheint diese hinterfragende und untersuchende Herangehensweise im 21. Jahrhundert durch mitgelieferte Audiokommentare des Regisseurs oder Making Ofs abgelöst worden zu sein.

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