Review

Season 1-7

Season 1
erstmals veröffentlicht: 20.05.2016

Keine Überraschung, dass die Briten eine solche Serie an den Start bringen können. Aber die Amerikaner? Vielleicht ist das Remake von Showtime deswegen noch eine Spur interessanter als das Original, denn die amerikanische Unterschicht wurde auf diese Weise noch selten portraitiert. „Shameless“ ist ein kongenialer Gegenentwurf zu vielen, selbst derberen oder zeitgemäßeren Sitcoms, denn es präsentiert den patchworkartigen Familienentwurf der Gallaghers (und ihrer Verbindungspfeiler aus der Nachbarschaft) nicht als Lifestyle-Entscheidung, sondern als Notentwurf. X-köpfiges Gewusel von Kindern und meist verantwortungslosen Erwachsenen jeder Form und Farbe vermittelt einen Kontrollverlust, den William H. Macy in seiner Rolle mit Brillanz vorlebt – er ist derjenige, auf den der Titel „Shameless“ geprägt ist.

Im Kontrast zu Emily Rossum, die ebenso stark in der Hauptrolle agiert, macht sich das Dilemma der skizzierten Lebenssituation bemerkbar: Es zeigt Individuen, die den inneren Drang haben, sich normal zu entwickeln, von ihrem Umfeld aber doch andere Dinge als „normal“ vorgelebt bekommen und diese letztendlich auch oft selbst als ihren eigenen Weg akzeptieren. Wo Komödie wegen des unglaublichen Verhaltens der Protagonisten mit der Tragödie der Nähe zum echten Leben zusammenkommen, spielt „Shameless“ seine Stärken mit aller Wucht aus und erschafft ein soziales Portrait, das innerlich zerreißt.
(8/10)

Season 2
erstmals veröffentlicht: 05.06.2016

Schon in der zweiten Staffel wächst “Shameless” von der teils karikaturistischen Unterschichten-Satire zur meisterhaften Mischung aus Relief Comedy und sozialem Drama, das vortreffliche Beobachtungen bei der Dynamik familiärer Strukturen und der individuellen Ausprägung der Rollenteilnehmer vornimmt. Um diesen Status zu erreichen, müssen die Drehbuchautoren manchmal sehr tief ins Depri-Fach greifen. Regelmäßig wird man als Zuschauer Zeuge des Potenzials der verschiedenen Gallaghers, aber auch der Verhinderung von dessen Ausbreitung wegen der verzwickten Familiensituationen. Mögliche Kultfiguren wie jene von William H. Macy bekommen durch den realistischen Anstrich viele Zacken in die Krone, unterbinden sie doch eine bessere Zukunft der Sympathieträger der Serie wie Emmy Rossum (Fiona), Jeremy Allen White (Lip) oder Cameron Monaghan (Ian), was in der zweiten Staffel sogar noch mehr für die Gallagher-Mutter Monica (Chloe Webb) gilt.

Als reines Comedy-Ventil fungiert Stephanie Fantauzzi in der Rolle der Brasilianerin Estefania, ein ständig nackter oder in Telefonsex verwickelter Running Gag an der Seite von Justin Chatwin, der seinerseits wiederum anfangs in den Hintergrund tritt, um erst später wieder in den Alltag der Gallaghers einzugreifen.
(9/10)

Season 3
erstmals veröffentlicht: 07.08.2016

Jetzt schwingen sich die in Staffel 2 so klug gesponnenen Familienbände doch wieder in Überspitzungen, die aus einer ausgewogenen Milieustudie wenigstens zeitweise unglaubwürdige Comic Reliefs herausholen anstatt glaubwürdiger Figuren. Zumindest die Vorgänge um Kevin, Veronica und deren Mutter sind nur schwer ernstzunehmen, obwohl gerade das Pärchen mit dem innigen Kinderwunsch bei den wichtigsten Sympathieträgern der Serie bleibt.
Auf Kurs bleibt hingegen alles, was sich um den zentralen Zweck dreht, den Gallagher-Haushalt beisammen zu halten. Hier wird die totale Überforderung Fionas immer noch sehr spürbar gemacht, ebenso wie ihre Selbstaufgabe, die sie ohne zögern zu geben bereit ist. Was dann an anderer Stelle wiederum nachvollziehbare Probleme verursacht... und so weiter. So spielt das Grundkonzept der Serie weiterhin seine Stärken aus, zumal die Schwerpunkte gegenüber der Vorgängerstaffel wieder angenehm variiert werden, ohne wichtige Figuren außer Acht zu lassen. Lediglich übertreiben es die Drehbuchautoren manchmal in der Zuspitzung des einen oder anderen Handlungsstrangs.
(7/10)

Season 4
erstmals veröffentlicht: 29.06.2016
Mit den Babyproduktionsversuchen im Akkord betrat die bis dahin so leichtfüßig zwischen der „bright“- und der „dark side of life“ schwebende Serie unerwartete Comicgefilde, obwohl sämtlichen Charakteren das Comichafte bei genauerem Hinsehen schon immer in den Knochen lag. Doch im Abgang hat „Shameless“ beim Versuch, sich noch weiter in seine Abnormität zu steigern, etwas von seiner Tiefgründigkeit verloren.

Die vierte Staffel bleibt weiterhin dabei, Schicksalsschlag auf Schicksalsschlag zu stapeln, bis die persönlichen Krisen zu exzessiven Dramen ausarten, nur um das Ganze dann mit einem Schulterzucken doch wieder ans Komödiantische auszuliefern – eine grundsätzlich gelungene Rezeptur, die sich jedoch aufgrund ihrer permanenten Wiederholung seit dem dritten Jahr leicht abzunutzen beginnt. Aber nur ein Blick in die Augen von William H. Macy, während er in seinem finalen Auftritt der vierten Staffel vor dem pathetisch in die Kamera strömenden Licht des Morgengrauens seinen Trotz in den Himmel schreit, und man weiß, warum es immer noch lohnenswert ist, den Gallaghers zuzuschauen. Von allzu übertriebenen Drehbucheinfällen hält man sich diesmal glücklicherweise fern, dennoch wird mit Franks Leber-Odyssee und Fionas zunehmender Verantwortungslosigkeit eine Menge harter Tobak aufgetischt, der um nicht minder aufwühlende Subplots erweitert wird, in denen fast jede Nebenfigur im Zentrum stehen darf.

Was dann allerdings kurz nach Einsetzen des Abspanns von Episode 12 geschieht, hat man vorhersehen können...
(8/10)

Season 5
erstmals veröffentlicht: 09.07.2017

Nach der intensiven, aber nicht mehr ganz so übertriebenen vierten Staffel wenden sich die Autoren jetzt also doch wieder dem völlig überzogenen Irrsinn zu, der die dritte Staffel ausgemacht hatte. Steve Howey ist dabei mal wieder mittendrin statt nur dabei: Zwischen Vaterfreuden, Beziehungsstress und Collegefieber hüpft er wie auf Crack durch einen brennenden Ring nach dem anderen und verknüpft dabei auch noch fröhlich die zahlreichen Subplots. Die Beziehungseskapaden im Plotstrang von Hauptdarstellerin Emmy Rossum werden inzwischen sogar dermaßen übertrieben, dass man irgendwann kaum mehr als Kopfschütteln für ihre Figur übrig hat – was gefährlich ist, da ihre Sympathiewerte auf dem Spiel stehen. Einmal Scheiße bauen – kein Problem bei diesen Rehaugen, zumal die Serie es verstand, ihre Überforderung in der Rolle als Ersatzmutter einer Großfamilie sehr nachvollziehbar zu gestalten. Aber sieben, acht, neun, zehn Mal? Irgendwann geht auch dem verständnisvollsten Zuschauer die Hutschnur hoch, wobei die Rückkehr eines alten Bekannten nicht gerade eine Hilfe ist. Dass ihr Vorbildcharakter bröckelt, erkennt man vor allem an Debbie (Emma Kenney), die ihrer großen Schwester als Frühstarterin in jeder Beziehung nacheifert. Auch sie möchte man in mancher Szene gegen die Wand klatschen, aber in gewisser Weise macht „Shameless“ gerade dies ja so hervorragend: Selbst in den abgedrehten Momenten erzeugt sie hohe Empathie für ihre Figuren, deren Anzahl inzwischen so hoch geworden ist, dass einige von ihnen über längere Zeit aus dem Fokus rücken (Carl, Sheila).

Und während sich sämtliche Gallaghers und Freunde munter ihre Sympathien verspielen, holt einer wieder auf: ausgerechnet Oberhaupt Frank, der zwar immer noch nichts für seine Familie tut, in einem autarken Subplot jedoch das Kunststück fertig bringt, mit seiner eigenwilligen Art jemandes Schutzengel und bester Zuhörer zu sein. Trotz der Entfernung von der Realität Chicagoer Armenviertel bleibt der Blick auf das dysfunktionale Leben einer Arbeiterfamilie also ein ganz besonderer.
(7/10)

Season 6
erstmals veröffentlicht: 24.02.2018

Der Erfolg von Unterschichten-TV wird gerne dadurch erklärt, dass sich die Zuschauer bei dessen Konsum geistig und sozial überlegen fühlen (und nebenbei nach einem langen Arbeitstag nicht mehr geistig anstrengen wollen). Bei "Shameless" liegt die Sachlage anders: Die Serie bietet seit jeher einen Ausweg aus der Klammer des sozialen Gefängnisses, hinter dessen Gitterstäben man sich als Teil der "normalen" Gesellschaft wiederfindet. Was die Gallaghers anstellen, würde man selbst im Traum nicht in Erwägung ziehen; und doch schlängeln sie sich aus den Konsequenzen ihres haarsträubenden Handelns, das praktisch nur aus falschen Entscheidungen zu bestehen scheint, jedes Mal aufs Neue heraus - und leben somit ein trotz aller Probleme in gewisser Weise ungezwungenes Leben.
Die sechste Staffel rückt keinen Millimeter von diesem Erfolgsgeheimnis ab und fährt weiterhin gut damit. Weil die Figuren erwachsener werden, teilen sich die Handlungsstränge möglicherweise ein wenig mehr in Einzelabschnitte auf als früher, am Ende fließt jedoch alles zurück in das von Fiona (Emmy Rossum) zusammengehaltene Familienkonstrukt. Die Suche nach Stabilität bleibt für den im Herzen vernünftigen Teil der Gallaghers (Fiona, Lip, Ian, mit Abstrichen Debbie) stets spielbestimmend, doch ihre eigenen Charaktereigenschaften oder auch äußere Umstände (begünstigt allerdings durch das Milieu, in dem sie sich aufhalten) setzen sie immer wieder vor die Trümmer ihrer Anstrengungen.

Vielleicht ist das sechste Jahr bislang das ereignisreichste und vor allem jenes, das beim Zuschauer die meisten Aggressionen wegen dummer Entscheidungen der Figuren auslöst. Debbie wird dank ihrer unglaublichen Sturköpfigkeit beim Austragen einer Schwangerschaft somit regelrecht zur Hassfigur; auch Lip lebt mit seinem Good-Will-Hunting-Syndrom eine Phase durch, in der man ihm am liebsten links und rechts eine scheuern möchte. Und das sind nur zwei Beispiele einer Unmenge an völlig absurden Ereignisketten, zu denen unter anderem auch Hausversteigerungen, Knarrenverkäufe, brennende Nachbarn, eine Dreiecksbeziehung, ein Mordauftrag und das Leben in einer autonomen Hippie-Kommune (mit Gaststar Sherilyn Fenn) gehören; nicht zuletzt das Staffelfinale, das die Regeln typischer Heile-Welt-Sitcoms wie "How I Met Your Mother" aufgreift und ins Gegenteil verkehrt.

In anderen Serien ist die Anhäufung derart extremer Handlungsstränge stets ein Zeichen für schwindende Kreativität. Hier vielleicht auch, aber irgendwie funktioniert es trotzdem noch fast so gut wie in den ersten Staffeln. Schwer zu sagen warum.
(8/10)

Season 7
erstmals veröffentlicht: 18.12.2018

Nach sieben Staffeln ist zwar auch "Shameless" nicht mehr vor absurden Drehbuchwendungen gefeit. Man muss ja schließlich irgendwie alle vorherigen Familienkatastrophen in den Schatten stellen, um halbwegs relevant zu bleiben. Nachdem Frank am Ende der sechsten Staffel die Hochzeit seiner Tochter gecrasht hatte und als Quittung vom eigenen Nachwuchs gemeinschaftlich im Fluss versenkt wurde, ist es nicht mehr so einfach, auf dem Teppich zu bleiben. Das Herz hat die Fatality-Soap aus den tiefsten Schmutzschichten der amerikanischen Gesellschaft allerdings am rechten Fleck bewahrt, so dass die ein oder andere Übertreibung ebenso wie manch vorhersehbare Wendung gar nicht mehr so stark ins Gewicht fällt.

In fast all seinen Subplots jedenfalls bleibt die Serie um William H. Macy und Emmy Rossum jedenfalls auf einem erstaunlich hohen Niveau, das es schwer macht, den typischen Qualitätsabfall auszumachen, der fast jede lang laufende, geskriptete Show irgendwann heimsucht. Vielleicht liegt es daran, dass die Häufung der Pannen und falschen Entscheidungen erst recht das Lachen der Verzweiflung betont, das so zentral für ihre moralische Aussage ist.
Interessant, dass dieses Kleben an Pech oder Unvermögen auch dann noch an den Figuren haftet, wenn sie sich grundsätzlich in eine positive Richtung entwickeln: So wagt Fiona den Schritt zur Eigentümerin eines Waschsalons und spekuliert mit Immobilien, Ian ist auf bestem Wege, die turbulenten Zeiten mit Mickey hinter sich zu lassen, Frank zeigt neben seinen vielen hässlichen Visagen auch mal ein wenig Herz und selbst für Liam beginnt mit dem Schulstart ein wichtiger neuer Abschnitt im Leben (was auch bedeutet, dass er ab sofort nicht mehr nur als niedliche Requisite im Bild hockt). Die Gallaghers sind aber allesamt Stigmatisierte, die ihrer Herkunft nicht entrinnen können. Und je öfter das Schicksal zuschlägt, desto verständnisvoller blickt man auf eine Fiona, die trotz allem am Ende noch einen Tanz für ihren Vater übrig hat.
(8/10)

weitere Staffelbesprechungen können folgen.

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