Review

„Grüne Stubenfliege"

Das lange Zeit brach liegende Superheldengenre hatte in den letzten Jahren nicht nur eine enorme Produktivität zu verzeichnen, sondern zudem eine erstaunliche charakterliche Vielfalt zu bieten. Von der knallbunten Coming-of-age-Story (Spiderman), zum düsteren, psychologisch durchleuchteten und philosophisch aufgeladenen Selbstfindungstrip (Batman), über die ebenso altmodisch-sakrale wie überraschend emotionslose Erlösergeschichte (Superman), bis zur süffisant-selbstironischen Narzissmus-Show (Iron Man), wurde so ziemlich jede denkbare Variation des heroischen Vigilantismus durchgespielt.

The Green Hornet fällt in mehrfacher Hinsicht aus dieser illustren Reihe, da die Titelfigur in keines der erwähnten Schemata passt, aber auch keine neue Facette einbringt. Vielleicht liegt es daran, dass hier der Sidekick weitaus mehr zu bieten hat als der eigentliche Held. Der Chinese Kato ist Kampfsportexperte, Chauffeur und Technikgenie in Personalunion und wirkt wie ein Destillat aus Alfred, Robin und Tony Stark. Sein Boss Britt Reid, Erbe des Zeitungsimperiums seines ungeliebten Vaters, ist hauptberuflich Partylöwe und notorischer Schürzenjäger. Anders als bei Bruce Wayne ist dies allerdings keineswegs bloße Fassade, sondern tatsächliches und offenbar ausschließliches Hobby. Darüber hinaus besitzt er keinerlei Fähigkeiten, die über die Norm hinausgehen.

Die Idee nächtens den maskierten Rächer zu spielen, entsteht dann auch folgerichtig aus einer bierseligen Laune heraus und hat nichts mit einer Entdeckung der eigenen Andersartigkeit, einer inneren Stimme oder gar Berufung zu tun. Vielmehr reizt es ihn in erster Linie, all die coolen Erfindungen Katos auszuprobieren, der den Fuhrpark des verstorbenen Reid Senior (Tom Wilkinson in einer Minirolle) mit einer Reihe (Waffen-)technischer Gadgets angereichert hat, die sicher auch dem guten alten Q ein anerkennendes Lächeln wert gewesen wären.

Der eher im spleenigen Independent-Kino beheimatete Franzose Michel Gondry liefert in seiner ersten Hollywood-Mainstream-Produktion eine Mixtur aus Buddy-Komödie und Superheldenabenteuer, die definitiv mehr Unterhaltungs- als Erinnerungswert besitzt. Die Handschrift des für seine schrägen visuellen Einfälle bekannten Regisseurs ist dabei nur in ganz wenigen Szenen sichtbar und straft seiner in diversen Interviews getätigten Behauptung er habe hier vielmehr Freiheiten als vermutet gehabt, deutlich Lügen. Der nachträglich übergestülpte 3D-Effekt passt da bestens ins Bild des offenbar vornehmlich wirtschaftlichen Kalküls. Außer einem größeren Loch im Geldbeutel des zahlenden Zuschauers hat er keinerlei nennenswerte Auswirkungen.

Dass die grüne Hornisse nicht so richtig sticht, liegt neben dem austauschbaren Inszenierungsstil und dem schwachbrüstigen Drehbuch aber vor allem an der blassen Vorstellung von Hauptdarsteller Seth Rogen. Das ist um so erstaunlicher, da es sich bei dieser Comic-Verfilmung um eine Herzensangelegenheit des Superbad-Stars handelt. So hat Rogen nicht nur am Skript mitgearbeitet, sondern stemmt den Streifen auch maßgeblich als ausführender Produzent.
Mag sein, dass ein paar flapsige Sprüche und mehr oder weniger witzige Kabbeleien mit dem maskierten Kompagnon etwas zu wenig sind, um das Kinopublikum für sich zu gewinnen. Mit einer schärferen Prise Selbstironie und eines wesentlich deutlicheren schwarzhumorigen Grundtons hätte diese Rechnung aber durchaus auch aufgehen können. Allerdings schwächelt das Buch noch in anderer Hinsicht: Exposition und Finale sind spürbar zu lang geraten. The Green Hornet kommt nur mühsam in Fahrt und lässt sich viel zu viel Zeit mit dem Beschnuppern des späteren Heldenduos. Gegen Schluss verliert sich der Film in einer nicht enden wollenden Actionszene, die Redundanz mit Rasanz verwechselt.

Ein ungeschriebenes Gesetz des Actionkinos lautet: Ein Held ist nur so gut wie sein Gegenspieler. Und auch auf diesem Gebiet ist das grüne Insekt eher flügellahm. Ob sich der letztjährige Oscar-Gewinner Christoph Waltz mit dem Part des Hornissen-Gegners einen großen Gefallen getan hat, darf zumindest bezweifelt werden. Gondry ist eben kein Tarantino und der russische Gangster Chudnofsky allenfalls ein Westentaschen-Landa. Für die Wahl seiner ersten großen Rolle in einem potentiellen Hollywood-Blockbuster hätte man dem gebürtigen Österreicher jedenfalls mehr Fingerspitzengefühl gewünscht und vor allem zugetraut.

The Green Hornet war zunächst eine Hörspielserie für das Radio (1936) und kam erst nach dem Umweg über eine TV-Serie zu Comic-Ehren (1941). Seit den 1960er Jahren ist es sehr ruhig um die grüne Hornisse geworden. An diesem Zustand wird auch der erste Kinoauftritt nicht all zu viel ändern können.
Trotz eines ordentlichen Budgets von über 120 Millionen Dollar und einer Reihe bekannter Namen (Seth Rogen, Cameron Diaz, Christoph Waltz, Tom Wilkinson) wirkt das ganze Projekt über weite Strecken einfach zu uninspiriert und oberflächlich. Das schwache Skript und die fehlbesetzte Hauptrolle tragen daran klar die Hauptschuld. Nimmt man die ganze Chose nicht zu ernst und dämpft die eigene Erwartungshaltung, kann man dem Film einen gewissen Unterhaltungswert zwar nicht absprechen. Fledermäusen und Spinnen können Stiche dieser Hornisse aber definitiv nichts anhaben. Von Tony Starks Metallrüstung mal ganz zu schweigen. Eine grüne Stubenfliege könnte kaum ungefährlicher sein.

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