(Achtung: Enthält massive Spoiler!)
Ich mag Okkult-Horror. Früher wurde es einem auch recht einfach gemacht: Man nahm den religiösen Unfug vorzugsweise der katholischen Kirche zum Anlass für einen schönen Horrorreißer, beispielsweise „Der Exorzist“, der viel Raum für vulgäre und blasphemische Eruptionen sowie reichlich Ekeliges und Schockierendes bot, versetzte das Publikum damit in Angst und Schrecken und geeichte Genre-Liebhaber in Verzückung, während kirchliche Institutionen Zeter und Mordio ob der aus ihrer Sicht geschmacksverirrten Ausschlachtung ihrer Heiligtümer zu Unterhaltungszwecken schrien.
In eine etwas andere Kerbe schlägt hingegen „The Rite“ des schwedischen Regisseurs Mikael Håfström („Zimmer 1408“), eine auf einem angeblich autobiographischen Roman basierende US-Produktion aus dem Jahre 2011 mit Anthony Hopkins („Der Elefantenmensch“, „Das Schweigen der Lämmer“) und Colin O'Donoghue (bisher diverse TV-Serien) in den Hauptrollen. Michael Kovak (O'Donoghue), durch die Einbalsamierung seiner eigenen, früh verstorbenen Mutter traumatisierter Sprössling einer Leichenbestattersippe, entschließt sich zu einem Theologiestudium, möchte aufgrund seiner Zweifel aber nicht das Priesteramt bekleiden und entscheidet sich dagegen. Man lässt aber nicht locker und überredet ihn zu einer Reise in den Vatikan, um an einer Exorzismus-Schulung teilzunehmen. Immer noch zweifelnd macht man ihn mit Pater Lucas (Hopkins) bekannt, der ihm anhand eines von seinem eigenen Vater schwangeren 16-jährigen Mädchens einen echten Fall dämonischer Besessenheit zeigt und ihn an der versuchten Teufelsaustreibung teilhaben lässt. Auch das hilft nicht, Michaels Skepsis zu überwinden, doch nach dem Tod der Besessenen schlüpft der Dämon in Pater Lucas und überzeugt Michael von seiner Existenz.
Über weite Strecken liest bzw. sieht sich „The Rite“ fast wie ein Werbefilm für die rückwärtsgewandte katholische Kirche, als wolle man um Verständnis für ihre extrem fragwürdige Methoden der vermeintlichen Teufelsaustreibung werben. Die katholischen Amtsinhaber sind allesamt nette Typen, vielleicht auch mal etwas forsch und verschroben wie Pater Lucas – dieser wiederum ist aber fast so etwas wie Seelsorger, Psychologe und Mediziner in einem innerhalb seines kleinen Dorfs. Man gibt sich weltoffen, eloquent und nachsichtig im Umgang mit Skeptikern; kritische Töne werden lediglich durch Michael laut, der die Notwendigkeit von Exorzismen anzweifelt. Was man von diesen zu sehen bekommt, hat dann auch nicht viel mit hammerharter Psychofolter oder Misshandlungen zu tun, sondern gibt sich zunächst betont unspektakulär.
Statt ausufernden Horrors bekommt man die Protagonisten charakterisiert und recht stimmige Bilder voll herbstlicher Melancholie präsentiert, sozusagen ein Abbild des seelischen Zustands Michaels. Generell hat man eher das Gefühl, sich in einem religiösen Mystery-Drama denn in einem Horrorfilm zu befinden. Durch die überzeugenden schauspielerischen Leistungen, das Charisma Hopkins und die ästhetische Ausleuchtung und Kameraarbeit hat das sogar richtiggehend Stil, der darüber hinwegsehen lässt, dass die Spannung eher auf der Strecke bleibt.
Irgendwann besinnt sich „The Rite“ dann aber doch stärker auf seinen Horroranteil – insbesondere, wenn der Dämon von Pater Lucas Besitz ergreift und mit Michael kommuniziert. Es macht mir als Genrefreund einerseits Freude, Hopkins in solch einer Rolle zu sehen, andererseits ist das aber schon verstärkt das Standard-Exorzisten-Horror-Programm, das abgespult wird, nur eben – wie auch bereits zuvor in Bezug auf die Verrenkungen etc. des besessenen Mädchens – ein paar Stufen abgeschwächter, weniger schockierend, kaum tabubrechend. Und letztlich vorhersehbar: Michaels wiedererlangter Glaube hilft ihm, den Dämon zu besiegen und Pater Lucas zu retten. Symbolisch richtet er das Kreuz in seiner Hand wieder auf, das er ebenso symbolisch als wütendes, um seine Mutter trauerndes Kind zerdrückte.
Das ist mir entschieden zu viel Kitsch und zu wenig „Churchploitation“, um mich wirklich begeistern zu können. Aber auch aus dem Versuch einer objektiven Perspektive heraus ist „The Rite“ mit seinen halbherzigen Horroranteilen in einem religiösen Drama weder Fisch noch Fleisch. Aus dem Versuch, es allen Recht zu machen, könnte die Vergrätzung breiter Teile des Publikums werden, während nur noch fanatische Hardliner applaudieren und sich bestätigt fühlen. Es mag sein, dass ich damit etwas übertreibe, aber so kurz nach meiner Sichtung ist das ungute Gefühl, das ich irgendwann verspürt habe, noch zu präsent, als dass ich es ignorieren und die technisch wie atmosphärisch gelungenen Aspekte des Films hervorheben könnte.