Man ist es ja gewohnt, in der Adventszeit mit den kitschigsten und scheußlichsten Weihnachtsfilmen bombardiert zu werden. Die zahlreichen Streaming-Plattformen quillen davon über, und es ist harte Arbeit, sich aus dem dort verteilten Zuckerguss wieder herauszukämpfen, aber zumindest ich bin in dieser Zeit ja nachsichtiger und lasse auch die x-te papierdünne, völlig belanglose Lovestory vor Schneelandschaften – wenn auch nicht immer klaglos – über mich ergehen. Doch so viele von diesen zuckrigen Weihnachtsgeschichten mit ihren nicht selten idiotischen Storylines ich in den vergangenen Jahren auch gesehen habe, so kommt doch immer noch keine an die bizarre Schrulle namens „Wenn Träume wahr wären“ heran, die Walt Disney Pictures in Gemeinschaftsarbeit mit Silver Screen Partners II, Téléfilm Canada und Northpole Picture Company of Canada 1985 produzierte.
Um nichts weniger als die Wiederentdeckung des Geists der Weihnacht soll es hier gehen, wenn die unglückliche und ganz und gar nicht weihnachtlich gestimmte Ginny (Mary Steenburgen) als Supermarktangestellte mühsam das Geld für sich, ihren jüngst arbeitslos gewordenen Mann Jack (Gary Basaraba) und ihre beiden kleinen Kinder Abbie und Cal (Elisabeth Harnois und Robbie Magwood) nach Hause bringen muss, um die hungrigen Mäuler zu stopfen, und Erzengel Gideon (Harry Dean Stanton) dazu auserkoren wird, ihr die Lebensfreude rechtzeitig zur Weihnachtszeit zurückzubringen. Was sich da allerdings in den folgenden Minuten vor unseren Augen entspinnt, ist ein trostlos düsteres Drama, so frei von jeglicher Besinnlichkeit, dass man sich am liebsten in der nächstgelegenen Pfütze ertränken möchte.
Die Ausgangssituation ist bereits deprimierend genug, da setzt das Schicksal nicht eins, nicht zwei, sondern gleich drei drauf: Ginny verliert ihren Job, Jack wird bei einem missglückten Banküberfall erschossen, und die Kinder ertrinken, nachdem der kopflose Bankräuber ausgerechnet Ginnys Wagen mit ihren Kindern auf der Rückbank stiehlt und bei seiner Flucht vor der Polizei über eine Brücke in den eiskalten Fluss rast. Wenigstens ist Gideon zur Stelle, um das Unglück abzuschwächen und die tot geglaubten Kinder wieder lebendig zu machen, aber bei Jack ist das nicht ganz so einfach. Er wird so lange tot bleiben, bis Ginny wieder zum Weihnachtsfan mutiert, was – so viel sei verraten, denn wir sind ja letztlich bei Disney – schließlich auch geschieht.
Damit also nicht genug, dass „Wenn Träume wahr wären“ eine geradezu depressive Stimmung verbreitet, kommt er am Ende auch noch mit der verlogenen Moral um die Ecke, man müsse nur genug an Weihnachten glauben, um alles gut werden zu lassen. Dann nämlich dreht sich die Zeit zurück, tote Familienmitglieder sind wieder am Leben, die Chefs werden freundlicher und gönnen überforderten Familienmüttern doch einen freien Tag, anstatt sie zu feuern, und verzweifelte Familienväter begehen keine Banküberfälle mit Todesfolge, weil ihnen vorher für ein paar Dollar ihr Wagen abgekauft wird – und die sich finanziell kaum über Wasser halten könnende Familie hat am Ende ein paar Weihnachtsgeschenke unterm Tannenbaum, denn bekanntlich kann niemand glücklich sein, der zu Weihnachten keine Geschenke vorweisen kann. Materielles über alles, Halleluja. Fantasy schön und gut, Weihnachtsfilm schön und gut, aber es gibt Grenzen – und hier werden sie für mich eindeutig überschritten.
Doch auch davon abgesehen gibt es einige kuriose Entscheidungen. Dazu gehört etwa Gideon, der hier als Geist mit völlig willkürlich eingesetzten Zauberkräften auftritt, der zerschmetterte Glaskugeln wieder ganz machen und auf ihn abgefeuerte Fußbälle durch sich durchfliegen lassen kann, ja wie gesagt sogar Kinder vor dem sicheren Ertrinken retten kann, dabei aber jederzeit im abgeranzten Landstreicheroutfit herumläuft und – weil er sich stets in der Nähe von Kindern, vor allem Abbie, aufhält – nicht so selten so wirkt, als sollte man doch lieber die Polizei verständigen. Nicht einmal vermeintlich optimistische Szenen wie Abbies Besuch beim Weihnachtsmann können die Düsternis aufbrechen, sondern sorgen für zusätzliche Irritation, wenn dem alten Knaben Gottstatus verliehen wird, dem die verstorbenen Seelen früher oder später am Nordpol als Helferleine dienen (und offenbar nicht in den Himmel kommen).
„Wenn Träume wahr wären“ fühlt sich nicht an wie ein Weihnachtsfilm, sondern eher wie ein Postapokalypse-Film, in dem die Überlebenden nach dem Atomschlag zwar bereits wieder Straßen und Häuser aufgebaut und wie vorher zu leben gelernt haben, aber immer noch von einer tiefen Traurigkeit erfüllt sind, weil sie erst wieder ins alte Leben zurückfinden müssen. Mir ist völlig schleierhaft, wie das Drehbuch so abgesegnet werden konnte – ohne Zauber, ohne Besinnlichkeit, ohne Freude, kurzum: ohne Leben und Esprit, dafür Schicksalsschlag über Schicksalsschlag und eine Stimmung, die sich auch auf Beerdigungen gut machen würde. Spätestens das abgelieferte Endprodukt hätte dann deutlich machen müssen, wie weit der Film sich von dem entfernt hat, was einen Weihnachtsfilm eigentlich ausmacht. Da können die guten Schauspieler noch so sehr gegenanstrampeln – vergeblich. Sehr seltsam und missglückt, aber fraglos nicht ohne Reiz. 4/10.