Review

Gesamtbesprechung

Sydney Bristow ist erst Mitte 20. Aber schon jetzt ist sie von Beruf Top-Agentin. Nicht nur zunächst bei SD-6, einer tiefbösen Verbrecherorganisation, die weltweit mit allem schmuggelt, was streng verboten ist, und nichts Geringeres als die Weltherrschaft anstrebt. Nein, auch bei der CIA, die SD-6 zerschlagen will. Denn selbstverständlich gehört sie zu den Guten. Dazwischen findet sie freilich noch Platz für ein Studium und ein Privatleben. In dem sich die Leute übrigens ziemlich wundern müssen, dass sie im Auftrag der Bank, für die sie angeblich arbeitet, in so jungen Jahren jedesmal von einem Tag auf den anderen in aller Herren Ländern der Welt herumjettet, deren Sprachen sie – na klar! – alle beherrscht. Jetlags kennt sie dabei nicht, denn sie ist fit wie eine Olympionikin – vor allem in Kampfsportarten, in denen ihr kaum ein Mann gewachsen ist. Überdies hat sie – nicht nur für eine Frau – überdurchschnittlich viel Ahnung von Technik, Waffen und eigentlich überhaupt allem, was es so gibt. Und die Technik, die uns „Alias“ zeigt, ist nicht von dieser Welt. Selbstredend sieht Ms. Bristow blendend aus, selbst wenn sie sich mit komischen Perücken verkleidet, merkwürdigen Klamotten und schrägen Brillen. Schauspielern kann sie ebenfalls sehr gut, sie ist ein Verwandlungsgenie, auf das jeder reinfällt – vor allem in Nachtclubs, offenbar bevorzugter Aufenthaltsort für Bösewichte weltweit.


Kurzum: Für sie ist keine Mission impossible und selbst 007 sieht neben ihr aus wie 0815.


Ein total unrealistischer Mega-Schmarren? Natürlich! Aber wie das Ganze in eine Drama-Serie gesteckt und uns Zuschauern serviert wird – das macht so viel Spaß wie selten zuvor. „Alias“ hat Charme und Chuzpe, ist hochdramatisch und manchmal knallhart, aber immer menschlich-emotional.


Allein die hier grob umschriebene Handlung samt den persönlichen Hintergründen ist so dreist irreal, dass man im Prinzip kopfschüttelnd abschalten müsste. Eine auf dem ganzen Globus hyperaktive Familie mit Papa Top-Agent, Tochter Top-Agent und dann auch noch Mama Top-Agent kann eigentlich nicht ernst genommen werden. Aber das ist ein Clou von „Alias“: Die persönlichen Beziehungen zwischen den Protagonisten und diese selbst sind trotzdem glaubwürdig in Szene gesetzt. So herrschen in dieser außergewöhnlichen Familie Liebe und Zuneigung, Verrat und Enttäuschungen wie in (fast) jeder anderen Familie auch. Die Beziehungen zu und zwischen den anderen Personen werden ebenfalls in repräsentativen Szenen klar umrissen, sodass ihre Aktionen in dem irrealen Umfeld nachvollziehbar und so oft mitreißend sind.


Abgesehen davon mag die Handlung von „Alias“ unrealistisch sein – Spannung vermittelt sie allemal. Denn sie ist eine actionreiche Mischung aus der Jagd nach fortschrittlichster Technik mit beinah genauso fortschrittlichen Mitteln, die den interessierten Zuschauer immer wieder faszinieren, sowie den damit eng verwobenen Beziehungen zwischen den Akteuren, die sich immer weiter entwickeln und zuspitzen. Dazu gesellen sich eine gehörige Brise Mystery, die einen archaischen Kontrapunkt zur kühlen modernen Technikbezogenheit setzt, und eine Prise Humor (herrlich vor allem der komplexbeladene Technikfreak Marshall – der Neffe von Bonds Q?). Und immer wenn man meint, jetzt sei alles geregelt, kommt etwas unerwartet Neues. Und immer wieder diese grausamen Cliffhanger, die einen bis zur nächsten Folge oder gar bis zur nächsten Season mit schwitzenden Händen warten lassen. Die durchaus vorkommenden Logiklöcher – Wie zum Beispiel und Teufel kann ein überaus fähiger Agent zwölf Jahre lang für ein Verbrechersyndikat arbeiten und es nicht merken? – wollen wir dabei lieber geflissentlich übersehen...


Dass die äußeren und inneren Geschehnisse so gut inszeniert werden können, liegt auch an den zwar nicht Weltklasse, für eine TV-Serie aber überdurchschnittlich agierenden Darstellern. Für Jennifer Garner sollte die Serie nicht nur zufällig der Startschuss für eine Hollywood-Karriere als Hauptdarstellerin sein. Insbesondere reibt man sich jedoch die Augen, wie viele Hollywood-Stars sich in umgekehrter Richtung auf Gastrollen in „Alias“ einlassen. So sehen wir in einer tollen Doppelfolge der ersten Staffel Quentin Tarantino als durchgeknallten Ex-Agenten und später den ziemlich alt aussehenden Roger Moore. In der zweiten Staffel dann geben sich die Stars die Klinke geradezu in die Hand: zum Beispiel Faye Dunaway, Ethan Hawke und Christian Slater, um nur einige zu nennen. Das Staraufgebot ist zwar nicht notwendig, denn die Lust am Zuschauen ergibt sich ohnehin aus den vielen, hervorragend getimeten Ereignissen, ist aber freilich nett anzusehen.


Passend, wenn auch an einigen Stellen übertrieben, wird die Musik eingesetzt. In den – übrigens für TV-Verhältnisse superb choreografierten – Actionszenen ziemlich techno-ähnlich, in den menschelnden Szenen alternativ-poppig. In den späteren Staffeln wird die Musik allerdings klassisch-konservativer.


Die Produzenten verstehen es, im Laufe der Staffeln ordentlich Abwechslung hineinzubringen und die Spannung zu halten. Dabei ist die dramaturgische Grundlage wegen der sich andauernd überschlagenden Ereignisse am Ende jeder Staffel eine ganz andere als die zu Beginn. Dies muss so sein, um die Spannung weiter zu halten und dem Zuschauer nicht immer dieselben Konstellationen vorzusetzen. Dennoch setzen nach drei, vier Staffeln gewisse Abnutzungserscheinungen ein, da immer wieder neuer Verrat, neue Super-Verbrecherorganisationen, neue von den Toten Auferstandene auf den Plan treten, womit der Zuschauer aber stets ohnehin rechnet. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die fünfte Staffel – in der auch noch Sydney schwanger ist und neues Stammpersonal eingeführt wird – vorzeitig beendet werden musste, mit dem bedauerlichen Ergebnis, dass am Ende im Parforceritt der story ark einem einigermaßen runden Ende zugeführt wurde, das allerdings einige Fragen offen lässt. Trotz dieses Endes bleibt „Alias“ jedoch die beste Agentenserie dieser Art.


Knapp 8 von 10 Punkten.


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