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Es ist ein Bild größtmöglicher Tristesse, das sich hier vor dem Betrachter aufbaut - Satellitenstadt, breite, stark befahrene Straßen, sozialer Wohnungsbau und eine mit dem notwendigsten eingerichtete Standardwohnung. Und mittendrin eine junge Mutter, Anna (Noomi Rapace), die ihren 8jährigen Sohn Anders (Vetle Qvenild Werring) am liebsten an sich binden möchte, um ihn keinen Moment aus den Augen zu verlieren. Doch das wissen die Sozialarbeiter zu verhindern, die sie darauf hinweisen, das Anders in seinem Kinderzimmer schlafen und wieder regelmäßig zur Schule gehen muss.

Welche Anstrengung diese Forderung für Anna bedeutet, macht Noomie Rapace überzeugend deutlich, so feingliedrig und zerbrechlich wirkt sie in dieser freudlosen Umgebung. Doch sich zu wehren, hat keinen Sinn, denn die Sozialarbeiter drohen damit, die Ansprüche von Anders Vater nochmals in Betracht zu ziehen, falls sie sich nicht an ihre Regeln hält. Darin liegt die für Anna größtmögliche Horrorvorstellung, denn ihr Umzug an diesen anonymen Ort, war eine Flucht vor ihrem gewalttätigen Mann. Trotz der Versprechungen der Behörden, das dieser sie nicht finden wird, lebt sie in ständiger Angst vor ihm.

Gezwungenermaßen bringt sie Anders am nächsten Tag in die Schule und muss vor dem Gebäude warten, weil ihr die Schulleitung den Aufenthalt auf dem Schulhof nicht erlaubt. Spontan beschließt sie, zu einem nahen Elektromarkt zu fahren, um sich ein Baby-Phon zu kaufen, damit sie ihren Sohn auch nachts überwachen kann, während er im Kinderzimmer schläft. Dort lernt sie Helge (Kristoffer Joner) kennen, der sie bei der Auswahl berät, aber dem es schwer fällt, mit Anna zu kommunizieren.

"Babycall" entfaltet hier das Szenario einer kranken Sozialisation. Nicht die verängstigte Anna, sondern die Menschen in ihrer Umgebung verhalten sich ignorant, ohne Einfühlungsvermögen und teilweise übergriffig, wie der männliche Sozialarbeiter, der offensichtlich Gefallen an der verunsicherten Frau gefunden hat. Einzig Helge, dem es langsam gelingt, Annas Vertrauen zu gewinnen, wirkt sympathisch, aber der 40jährige Junggeselle hat ein gestörtes Verhältnis zu seiner Mutter, die im Sterben liegt.

Hätte sich "Babycall" weiter auf diese Konstellation konzentriert, wäre der Film zwar schwer erträglich geblieben, hätte aber als kritische Sozialstudie funktionieren können. Doch die Macher nutzen die Einsamkeit und Schutzlosigkeit der jungen Frau zunehmend, um daraus ein wirres Horror-Szenario zu entfalten. Aus dem Babyphon, das eigentlich nur den schlafenden Anders bewachen sollte, dringt eine männliche Stimme, die offensichtlich ein Kind bedroht. Sie erfährt von Helge, das es manchmal zu Frequenz - Überlagerungen verschiedener Babyphone kommen kann, aber die Zuordnung zu einer konkreten Wohnung ist unmöglich, da zu viele Wohneinheiten in Frage kommen.

Doch damit nicht genug - weitere seltsame Ereignisse konfrontieren Anna. Ein merkwürdiger Junge taucht auf, der sich mit Anders befreundet hat, ein See stellt sich als als Parkplatz heraus, um später wieder zum See zu mutieren, immer wieder hört sie Stimmen aus dem Babyphon und auch Anders Vater scheint ihren neuen Aufenthalt gefunden zu haben. Anstatt bei seiner anfänglichen Linie zu bleiben, versucht "Babycall" wieder das spätestens seit "The sixth sense" bekannte Ratespiel aufzuziehen, das die unerklärlichsten Erscheinungen zu einem logischen Ende führt. Unabhängig davon, ob der Betrachter die Lösung voraussieht oder überrascht wird, entscheidend ist, das der Film dabei keine Spannung entwickelt.

"Babycall" bleibt bis zum Schluss ein Zwitter aus einem sozialkritischen Film und einem Mystery-Thriller, womit er beiden Genres nicht gerecht wird. Einzig Noomi Rapace kann den zähen, wenig unterhaltenden Film vor der Beliebigkeit bewahren (4/10).

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