"Where are you going? Nowhere? Can I come?"
Shay (verletzlich und liebenswert: Hanna Mangan Lawrence) ist zwar erst siebzehn Jahre jung, aber das harte Leben hat das unsichere, introvertierte Mädel bereits abgeworfen. Die hübsche brünette Ausreißerin hat sich desillusioniert entschieden, aus ihrem Körper Kapital zu schlagen und auf den Straßenstrich zu gehen. Diese Nacht ist ihre erste Nacht als Hure. Holly (alles im Griff habend: Viva Bianca) bietet bereits seit vielen Jahren ihre Sexdienste an. Das blonde Escort-Girl wird für bestimmte Dienste gebucht, erledigt ihre Arbeit meist in vornehmen Luxusappartements. Die erfahrene, selbstbewußte Frau feiert heute ihren dreißigsten Geburtstag und hat sich entschlossen, auszusteigen. Diese Nacht ist ihre letzte Nacht als Hure. Das Schicksal führt die beiden unterschiedlichen Frauen auf den Straßen Sydneys zusammen. Holly braucht dringend eine Brünette für einen Auftrag, da ihre übliche Partnerin ausgefallen ist, und Shay stolpert ihr im wahrsten Sinne des Wortes vor das Taxi. Der Kunde ist unkompliziert, das Geld scheint leicht verdient. Als unerwarteter Besuch vor der Tür steht, werden sie ins Badezimmer gescheucht... und Zeugen, wie der Neuankömmling (bedrohlich: Stephen Phillips) ihren Kunden kaltblütig tötet (eine tolle, effektive Split-Screen-Szene). Nach einem Moment der Schockstarre gelingt ihnen die Flucht, sie springen ins Taxi von Harry (träumerisch: Eamon Farren), fahren ziellos durch die Stadt, teilen das Geld, trennen sich, tauchen unter. Doch der Killer kann keine Zeugen gebrauchen und läßt nicht locker.
Jon Hewitts X ist ein unterkühlter, stilisierter, stark gespielter Thriller mit einer simplen, dynamisch erzählten Geschichte, welche sowohl räumlich als auch zeitlich begrenzt ist. Schauplatz ist die australische Großstadt Sydney, eine schillernde Metropole, die nie zur Ruhe zu kommen scheint. Das Nachtleben pulsiert in den von zahllosen Neonlichtern erhellten Straßen. In den Restaurants, Stripschuppen, Bars, Nachtclubs und Stundenhotels des Rotlichtviertels Kings Cross herrscht reger Verkehr, Bordsteinschwalben preisen ihre Dienste an, Freier drehen Runden in ihren Karossen, auf der Suche nach der geeigneten Ware für einige wenige Augenblicke Glück. Es herrscht eine schicke, fiebrige Atmosphäre, einerseits verführerisch, sexy und einladend, andererseits bedrohlich, alptraumhaft und eine unangenehme Kälte ausstrahlend. Die Atempausen, etwa in einem Hotelzimmer oder an einem ruhigen Plätzchen am Hafen, sind nur von kurzer Dauer. Der Killer kennt die Gegend wie seine Westentasche, weiß genau, wo er nach seinen Opfern Ausschau halten muß. Wie sollen sie da bloß diese schreckliche Nacht überleben? Shays Träume, falls sie je welche hatte, sind längst zerplatzt, Holly hingegen hat noch einen. Paris. In ihrer Tasche befindet sich bereits das Ticket des Fluges, der in wenigen Stunden in Richtung Stadt der Liebe abhebt. Ein Ziel, für das es sich zu leben lohnt. Doch je weiter die Nacht voranschreitet, desto mehr scheint der Traum zu verblassen.
X ist ein recht kühler Film, der den Zuschauer auf Distanz hält, ihn nicht an sich ranläßt. Das ist sehr schade. Man mag die beiden Protagonistinnen, auch wenn sie nur oberflächlich charakterisiert sind. Anstatt jedoch mit ihnen mitzufiebern, beobachtet man die Geschehnisse eher nüchtern. Es kommt zu keiner emotionalen Bindung, der Film packt einen einfach nicht richtig. Selbst die Gewaltausbrüche prallen an einer imaginären Wand ab und erzielen keine besondere Wirkung. Der On-Location-Dreh sorgt für Authentizität, einige explizite Nacktaufnahmen intensivieren die Milieuschilderung, die eine oder andere Wendung überrascht, doch (zu) vieles bleibt diffus, und über den eindimensionalen, jähzornigen und sadistischen Killer ("I fucking hate women!") erfährt man kaum etwas. Einige Sequenzen, wie die Hetzjagd durch einen Sexclub, sind atemberaubend in Szene gesetzt, und da blitzt hie und da sogar so etwas wie Spannung auf. Keine Frage, visuell ist X eine Wucht, die Stimmung fasziniert immens, doch dem Dahinter mangelt es an Tiefe. Und während der große Showdown, wohl auch aufgrund des fehlenden Budgets, einen antiklimaktischen Eindruck hinterläßt, sorgen die Momente danach doch noch für einen versöhnlichen Ausklang. Die melancholische Schlußszene (grandiose Location, phantastischer Dialog) ist das unumstrittene Highlight des Filmes. Da schafft es Jon Hewitt endlich, das Publikum zu berühren. Umso mehr schmerzt es, daß ihm dies die achtzig Minuten davor nur ganz selten gelungen ist.