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Der Automechaniker Tommie (Tom Gerhardt) und sein Kollege Mario (Hilmi Sözer) sind zwei junge Männer aus der (Kölner) Vorstadt, die nicht so recht wissen, was sie in ihrer Freizeit anfangen sollen. Im Pre-Smartphone-Zeitalter ergibt sich fast zwingend die Beschäftigung mit Filmen aus der Videothek, außerdem sammelt Tommie große Auspuffrohre, beiden gemeinsam ist die Verehrung für den Silikon-Bimbo Gianna S. (Dolly Buster) - eben voll normaaal. Mit Anlauf springt Tommie von einem Fettnäpfchen ins nächste, stets mit seinem Sidekick Mario im Schlepptau, der ihn nicht bremsen kann, bis sie am Ende soviel Blödsinn angestellt haben, daß sie aufs offene Meer flüchten müssen, um nicht von diversen Mitmenschen gelyncht zu werden...

Voll normaaal entstand unter der Regie von Ralf Huettner, der schon ein Jahr zuvor mit Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem sein Talent für schräge Filme unter Beweis gestellt hatte; Kabarettist Tom Gerhardt konnte hier alle Register seiner zuvor jahrelang auf Kleinkunstbühnen erfolgreich vorgeführten Sketche ziehen, dementsprechend dicht ist Voll normaaal geraten: Ungebremste Geschmacklosigkeiten und bis zum Exzess ausgeführte Blödheiten, sämtliche Rahmenhandlungen (die meisten ohnehin nur kurz angerissen) dienen ausschließlich der Vorbereitung dieser Anhäufung gezielten Schwachfugs. Dabei werden kaum Klischees ausgespart, so ziemlich jeder bekommt sein Fett ab und auch grenzwertiger Fäkalhumor ist das eine oder andere Mal zu finden.

Der Film enthält mindestens zwei Begebenheiten, die in die Film-Geschichte eingegangen sind: das legendäre "Köln-Kalk-Verbot", am Ende zu einem "Welt-Verbot" erweitert, sowie - noch einprägsamer - das Rülpsen im Festsaal zu den Klängen eines Johann-Strauß-Walzers... ein gezielte Grenzüberschreitung, die ihre Wirkung seinerzeit nicht verfehlte. Tom Gerhardt, der die genaue Beobachtung der Verhaltensweisen seiner Mitmenschen bis zur Groteske übertrieben abbildet, mußte hierfür hauptsächlich schlechte Kritiken einstecken.

Doch auch wenn es im allgemeinen Krawall untergeht, sollte die feine Klinge des HausmeisterKrause-Erfinders und Darstellers nicht unterschätzt werden, mit der er seine Proponenten entwarf: So ist beispielsweise Norbert (Uwe Fellensiek), der mit dem flotten Wagen, in Wirklichkeit ein schmieriger Betrüger, der selbst Bekannte aus der Nachbarschaft über den Tisch zieht, wenn es zu seinem Vorteil ausgeht; dem Lokalkolorit Nachbarstadtrivalität geschuldet ist der Auftritt der Toten Hosen, die in diesem in Köln spielenden Film nach Düsseldorfer Alt fragen; Dieter Krause, eine von Gerhardts mehrfachen Rollen im Film, verfällt in seiner Gutgläubigkeit auf die Idee, unwissentlich(!) bereits bezahlt zu haben, nachdem der Tausender, der eigentlich in dem Kästchen sein sollte, unerklärlicherweise verschwunden ist - eine Idee, der sich auch seine Frau Lisbeth anschließt. So etwas Böses wie einen Diebstahl kann es gar nicht geben, also muß eine positive Erklärung herhalten - viel spießiger kann man Charaktäre gar nicht darstellen.

Natürlich sind auch die anderen Figuren bewußt übertrieben dargestellt, Eddy Steinblock gibt den steroid-aufgepumpten Zuhälter Jupp, dem - natürlich - ein Pornokino gehört, Carmen Krause (Veronica Ferres) gibt die typisch dumme Vorstadttussi (eine Rolle übrigens, die ihr wie auf den Leib geschneidert erscheint), die versnobte Dame mit Hund und Porsche (Katja Flint) agiert auf ihre Weise genauso manieristisch wie Rolf Zacher als schwafelnder Zocker. Tatsächlich gibt es auch eine "gute" Person, die vollkommen normal (sic!) agiert, dem dargebotenen Irrsinn mit einem Lächeln begegnet und am Ende für Familie Krause noch alles richten kann: Gruschenka Stevens als Gabi, das nette Mädel aus der Nachbarschaft, welches ganz
unprätentiös agiert. Sie alle bilden den Makrokosmos für den chaotischen Tommie und seine abgeschmackten Scherze.

Ungebremst, ohne Happy-End und ohne verlogene Rücksichtnahmen auf irgendjemands Befindlichkeiten - ein wichtiges Unterscheidungskriterium zu hochnotpeinlichem deutschen Komödienschrott à la Supernasen, MantaManta, KeinOhrhasen und ähnlicher Zuseherverblödung - Voll normaaal ist unerreicht archaisch & anarchisch. Herrlich. 8 Punkte.

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