Filme mit Geschichten, die authentisch sind, packen den Zuschauer meist umso stärker in seinem Gewissen und Emotionen. HAFTBEFEHL - IM ZWEIFEL GEGEN DEN ANGEKLAGTEN (im Original "Présumé coupable") tut dies mit aller Wucht und präsentiert uns einen regelrechten Albtraum, bei dem dieses vielstrapazierte Wort wirklich passt. Das französische Justizdrama hat sich ganz den puren Fakten verschrieben und benutzt deswegen nur wenige dramaturgische Überhöhungen. Die Wirklichkeit ist deutlich schlimmer und das drastische Bild, welches hier von der französischen Justiz und einigen ihrer Protagonisten gezeichnet wird ist geradezu zynisch und menschenverachtend, aber natürlich auch kein Einzelfall.
Inhaltlich zeigt HAFTBEFEHL die Geschichte des Familienvaters Alain Marecaux der Hals über Kopf verhaftet wird, seine Frau kommt ins Gefängnis und seine Kinder in Pflegefamilien. Er und seine Frau sind angeklagt seine und andere Kinder missbraucht und vergewaltigt zu haben. Ihn trifft dieser Vorwurf völlig aus dem Nichts und ab sofort beginnt ein schier aussichtsloser Kampf um die tatsächliche Wahrheit. Der filmische Stil von HAFTBEFEHL ist gerade am Anfang durch eine sehr unruhige (Hand-)Kamera geprägt, die den jeweiligen Protagonisten auf Schritt und Tritt folgt und HAFTBEFEHL einen sehr starken dokumentarischen Charakter verleiht.
Dadurch wird der schon authentische Stoff geradezu zu einer Dokumentation des Versagens der Exekutive Frankreichs. "Ein Albtraum" wie auch die Hauptfigur Alain Marecaux (Philippe Torreton) bei dem ersten Verhör entsetzt feststellt. Knallhart und ohne Vorwarnung treffen ihn die Vorwürfe und Panik steigt auf, Hilflosigkeit und Entsetzen dem Justizsystem und seinen Handelnden nicht gewachsen zu sein. HAFTBEFEHL konzentriert sich ausschließlich auf das Leben von Alain in der Untersuchungshaft und später vor Gericht und weniger auf das Leben seiner Frau und Kinder außerhalb. Immer in Angst seine Zellengenossen könnten in Erfahrung bringen für was er angeklagt ist und ihn auch misshandeln gibt der erfahrene 48-jährige Philippe Torreton alles für seine Rolle.
Er lebt die Figur des Alain bis in die Fußspitzen, er verkümmert immer mehr mental in dieser Situation über die lange Zeit bis zur Gerichtsverhandlung und noch mehr: er magert deutlich ab und verändert sich dramatisch. In den letzten Jahren konnte man eine ähnliche Leistung in einem bekannten Film von Christian Bale in DER MASCHINIST erleben. Er hat am Ende nach der langen Zeit des ungerechten Leidens auch einfach keine Kraft mehr, er resigniert, was auch ein sehr realistischer Ansatz ist, denn eine bis zuletzt kämpferische Haltung wäre kaum durchzuhalten. Davon abgesehen meistert er seine Figur auch durch eine ausdrucksstarke Mimik.
Durch seine nüchterne Konzentration auf die Fakten wird der Zuschauer zudem dramaturgisch gezielt bei der Stange gehalten, denn der Ausgang von HAFTBEFEHL ist völlig ungewiss wenn man sich vorher, was man tun sollte, nicht ausführlich über den weiteren Verlauf der Geschichte informiert hat. Die Stärke vieler französischen Thriller und Dramen muss man nicht immer wieder betonen. Für Cineasten ist dies eine Binsenweisheit. HAFTBEFEHL gehört absolut in diese Liga und auf Basis einer sehr guten Schauspielercrew schockt er alleine durch den authentischen Bezug und überzeugt durch eine schonungslose, aber nie sensationslüsterne, selbstzweckhafte oder übertriebene Darstellung der nackten Fakten.
7/10 Punkten