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Ob Drogenkartelle, High-Class-Gaunereien, Virus-Pandemie, Umweltskandal oder Biographie, Steven Soderbergh liebt die thematische Abwechslung. Fehlt bloß noch ein Western, aber der Mann ist ja noch vergleichsweise jung. Trotz dieses auffälligen Hangs zu inhaltlicher Variabilität gibt es durchaus auch eindeutige Konstanten im Soderbergh-Kino. So arbeitet er häufig mit verschachtelten Rückblenden (Out of Sight, Ocean´s Eleven) und/oder sich überlagernden Parallelhandlungen (Traffic, Contagion). Des Weiteren schlägt er gern einen lässig-nonchalanten Ton an, dem immer auch etwas (teilweise amüsiert) Distanziertes anhaftet. Seine Bildkompositionen tragen ebenfalls eine unverkennbare Handschrift und sind gerade durch ihre deutliche Abgrenzung vom Hollywood-typischen, gelackten Hochglanz-Look genauso stilisiert. Handkamera, Bildkörnung und ungewöhnliche Perspektiven gehören dabei zu seiner bevorzugten Standardausstattung.

So gesehen ist auch Haywire ein typischer Soderbergh. Inhaltlich betritt er mal wieder Neuland, indem er sich erstmalig in das Terrain des Action-Thrillers vorwagt, seinem visuellen und narrativen Stil ist er aber dennoch weitestgehend treu geblieben.
Im Zentrum der Handlung steht die Topagentin Mallory (Gina Carano). Die ehemalige Elitesoldatin arbeitet für eine private Sicherheitsfirma, die im Auftrag der US-Regierung weltweit verdeckte Operationen durchführt. Als sie nach einer erfolgreichen Geiselbefreiung in Barcelona von ihrem Boss und Ex-Freund Kenneth (Ewan McGregor) sofort wieder losgeschickt wird, ahnt sie noch nicht, dass der vermeintliche Routinejob eine von langer Hand geplante Falle ist ...

Soderbergh gelingt es lange Zeit diese im Kern simple Spionage-Geschichte reißerisch zu verkaufen, indem er den Zuschauer lediglich mit den Informationen versorgt, die auch Mallory zur Verfügung stehen. Erst gegen Ende, als die Auflösung immer deutlicher erkennbar ist, verliert der Film gehörig an Fahrt und macht einer ordentlich Portion Ernüchterung Platz ob solch offensiv zur Schau getragener Redundanz.  

Aber der Film hat andere Stärken. Mit Haywire macht Soderbergh deutlich, wie sehr sich das moderne Actionkino von seinen Ursprüngen entfernt hat. Selbst in Filmen die nicht mit Computer-generierten Materialschlachten vollgestopft sind und die Körperlichkeit in Kampf und Bewegung noch eine signifikante Rolle spielt, hat man sich längst von einem halbwegs realistischen Ansatz verabschiedet. Der schnöde Faustkampf wird heute durch möglichst schnelle Schnitte rhythmisiert und bis zu einer mit dem bloßen Auge kaum mehr nachvollziehbaren Geschwindigkeit beschleunigt. Dazu klebt die Kamera geradezu unangenehm nah am Geschehen und meint damit Unmittelbarkeit und Authentizität zu kreieren. Tatsächlich erreicht sie damit das genaue Gegenteil, da ein unmittelbar Beteiligter nicht beobachten kann und ein Beobachter nicht unmittelbar beteiligt sein kann. Bei den hier vielfach als Referenz angeführten Bourne-Filmen hat diese Masche nur deshalb funktioniert, weil sie die Gehetztheit des Protagonisten visuell aufgriff und damit erlebbar machte. Die enervierende Nachäfferei in zahllosen Genrefilmen hat deutlich gemacht, dass Bourne die Ausnahme von der Regel war und keinesfalls als Blaupause oder gar Trendsetter taugt.

Haywire jedenfalls geht den umgekehrten Weg und nimmt bei den Kämpfen eine beobachtende Position ein. Häufig wählt Soderbergh gar die Totale und verschafft seinem Publikum einen Panoramablick auf das Action-Geschehen. Da zusätzlich auf das übliche Schnittstakkato verzichtet wurde, ist man bass erstaunt mal wieder einen Faustkampf optisch nachvollziehen zu können.
Dass die bei einer solchen Herangehensweise notwendigerweise minutiös geplante Choreographie zu solch realistischen Ergebnissen führt, ist allerdings keinesfalls selbstverständlich. Hier macht sich bezahlt, dass Soderbergh für die Hauptrolle den ehemaligen Mixed-Martial-Arts-Profi Gina Carano verpflichtet hat, die zwar über keinerlei Schauspielerfahrung verfügte, dafür aber umso mehr von Koordination, Rhythmik und Wirkung echter Kämpfe versteht.
Neben den Frau gegen Mann-Auseinandersetzungen sind auch die diversen Verfolgungsjagden per Pedes oder dem Auto entgegen den aktuellen Sehgewohnheiten inszeniert und schaffen gerade durch die visuelle Distanz eine lang vermisste Nähe zum Hochgeschwindigkeits-Geschehen.

Wie üblich tummeln sich auch diesmal eine Menge bekannter Namen im Soderbergh-Kosmos und wie üblich kommen einige nicht über Cameo-Status hinaus. Ob Michael Douglas, Antonio Banderas, Bill Paxton, Ewan McGregor, Michael Fassbender oder Channing Tatum, alle sind sie lediglich Fixpunkte des (dünnen) Handlungsgerüsts und definieren in erster Linie Mallorys Situation bzw. Entwicklung. Auch hier steht Haywire in der Tradition des klassischen Actionkinos bei dem es weniger um Figurenzeichnung, sondern vielmehr um das Namengebende Handeln ging.  

So gesehen hat Steven Soderbergh wieder einmal einen Genrefilm gedreht der sich auf das Wesentliche seiner Gattung konzentriert und bewusst auf inzwischen etablierte, in diesem Fall insbesondere audiovisuelle Mäzchen verzichtet. Ob man diese Entschlackungskur mitmachen will, hängt entscheidend davon ab, inwieweit man die Gepflogenheiten des modernen Actionkinos verinnerlicht hat und zum befriedigenden Filmgenuss benötigt. Back-to-the roots ist sicher kein Gütesiegel, dem es gilt bedingungslos zu huldigen. Ein klarerer Blick auf das Geschehen ist aber zumindest bei Haywire garantiert. Und das ist durchaus wörtlich gemeint.

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