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Arthouse entdeckt Actionkino. Nach „Wo ist Hannah" und „Drive" kommt in kurzer Folge nun schon der nächste "Actionthriller" aus einer Ecke, aus der man es nicht unbedingt erwarten würde. Leider krankt "Haywire" an allen Ecken und Enden und degradiert sein Starensemble zu blassen Schießbudenfiguren.

Mallory (Gina Carano) arbeitet für eine private Sicherheitsfirma im Auftrag der Regierung. Ein vermeindlicher Routinejob ihres Boss und Ex-Freund Kenneth (Ewan McGregor) in Dublin entpuppt sich als tödlicher Hinterhalt. Sie entgeht der Falle und setzt fortan alles daran die Verschwörung gegen sie aufzudecken und alle Hintermänner kalzustellen.
Optisch leistet sich Soderberg auch diesmal keine Aussetzer. Die Kamera steht stets richtig, ergeht sich nicht vollkommen im angesagten Reality-Wackeln und fängt stimmungsvolle Bilder ein. Die werden in „Haywire" im weiteren Verlauf analog zur Handlung kühler und düsterer. Gegen die warmen Farben und geborgenen Farben in Barcelona zu Beginn, wirkt das finale Aufeinandertreffen im Elternhaus von Mallory wie das Herz der Finsternis.

Damit erschöpft sich die Liste der positiven Eigenschaften aber schon. Vor allem mit der unnötig verschachtelten Erzählstruktur hat sich Soderberg keinen Gefallen getan. Sie beraubt beinahe die gesamte erste Hälfte seines Films um Faktoren, die essenziell für gutes Actionkino sind: Tempo und Spannung. Die blitzt dann mit Beginn des letzten Aktes endlich ab und an auf, letztendlich bleibt aber zu oft der Eindruck, als hätte sich Soderberg ins falsche Genre verirrt.
Das gleiche kann man auch über die Darsteller sagen. Gina Carrano prügelt sich als angepisstes Opfer einer Spionageintrige recht tapfer durch ihre prominenten Widersacher, genoss bei mir aber auch schauspielerischen Welpenschutz. Ich kannte sie vorher lediglich als ultratrashige Kampfamazone aus missglückten C&C-Einspielfilmchen - dagegen ist „Haywire" schonmal ein Steigerung. Welpenschutz können Kaliber wie Antonio Banderas, Michael Douglas, Mathieu Kassovitz, Ewan McGregor und -Everybodys Darling- Michael Fassbender hingegen nicht für sich in Anspruch nehmen. Alle Fünfe bieten in "Haywire" wohl die blasseste, belangloseste und egalste Performance ihrer jüngeren Karriere ab. Das wäre an sich nicht schlimm, wenn man nicht wüsste, zu was sie ansonsten imstande sind. Michael Angaro, als überforderter Normalo, tut leider nicht viel mehr als Justin Longs Part in "Die Hard 4" zu channeln, auch Bill Paxton (schön, den mal wieder zu sehen) tut nicht viel mehr als ein besorgter Vater zu sein. Einzig Channing Tatum, der aktuelle Prügelknabe des Internet, gelingt es, seiner kleinen Rolle interessante und glaubhafte Facetten abzugewinnen. Er bleibt als impulsiver aber herzlicher Spielball zwischen den Strippenziehern im Gedächtnis.
Die Action ist zwar relativ regelmäßig platziert worden und angenehm dreckig inszeniert, gerade in den Kampfszenen stellt sich aber bereits ab dem zweiten Fight langweilige Redundanz ein. Gina Carano wird von bösen Männer gefühlte 80X gegen eine Wand gedonnert, nur um den Fight am Ende doch noch zu gewinnen - was im Trailer noch schnell, hart und unverfälscht aussah, entpuppt sich im Film leider als vorhersehbare Kämpfe nach Schema F.
Auch mit der Verpflichtung seines Stammkomponisten David Holmes hat sich Soderberg selbst ein Bein gestellt. Passt sein lockerer beswingter Ton in Werken wie "Out of Sight" (1998) oder der "Ocean's Eleven-Trilogie" (2001-2007) noch wie die Faust aufs Auge, so wirkt er in "Haywire" schlicht deplatziert.

Die Antiklimax, mit der Soderberg seinen Film schließlich enden lässt, ist genauso enttäuschend wie folgerichtig, dann sie passt zu den gesamten knapp 90 Minuten davor. "Haywire" wirkt wie ein Film, den man sich hinter einer kugelsicheren Scheibe anschaut. Er kommt nie richtig in Fahrt, ist frei von Höhepunkten und stellt sein beeindruckendes Starensemble beinahe vollständig kalt. „Haywire" ist zwar kein wirklich schlechter Film, angesichts der ansprechenden Voraussetzungen aber erschreckend belanglos, langweilig und enttäuschend.

Daran werde ich mich erinnern: Der unglaublich hohe Anteil an verschenkten Hochkarätern unter den Schauspielern.

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