Ein paar Worte über "Haywire"...
...wieso überhaupt "Haywire"?
Was hat der Titel für einen Bezug - schließlich kämpft da eine weibliche Sicherheitsexpertin gegen Verräter in ihren eigenen Reihen, die sie zur Terroristin stempeln wollen?
Also für alle, die mit dem Titel nichts anfangen können - weswegen der deutsche Verleih gleich mal so risikobewußt nichts an ihm geändert hat - "Haywire" ist eine Umschreibung für "drunter und drüber" und zwar nicht die sexuelle Konnotation, sondern mehr in der Richtung "über Tische und Bänke".
Das trifft den Kern der Sache dann überraschend gut, denn einen Innovationspreis wird Steven Soderbergh mit dieser Agentenhatz sicherlich nicht gewinnen. Eher gewinnt er ein Publikum, das sich fragt, aus welchem Grund ein kreativer Filmemacher sich überhaupt an eine so oberflächliche Genregeschichte heranmacht. Nach Filmen wie "Contagion", "Der Informant" oder "Che" hatte man sich vermutlich ein bißchen mehr Substanz oder Subtext versprochen, aber "Haywire" geht eher in die Richtung der "Ocean's Eleven"-Trilogie, mit dem Look von "Traffic" und der straffen Inszenierung von "The Limey".
Fast scheint es, als ob Soderbergh hier eine Auszeit gönnt, bei der er a) an all den Plätzen drehen darf, die er sowieso schon immer mal besuchen wollte, b) ein ausgesuchtes Darstellerensemble entspannt verfeuern darf und c) einer bisher unbekannten Darstellerin zu einem ernstzunehmenden Debüt verhelfen, wie er es bei "The Girlfriend Experience" schon mit dem Pornostar Sasha Grey getan hatte.
Im Kern ist die Story von Mallory Kane, die für eine private Sicherheitsfirma arbeitet und diverse "Aufträge" erfolgreich erledigt hat, ein Derivat von Jason Bourne. Nach einem Startteaser, in der die herbe Schöne in einem Cafe mal eben Channing Tatum aufmischt, wird die Geschichte rückblickend und nicht auf Anhieb sonderlich schlüssig entwickelt.
Nach einer erfolgten Geiselbefreiung in Barcelona zugunsten verschiedener Auftraggeber (Michael Douglas, Antonio Banderas) wird ihr von ihrem Boss (Ewan McGregor) eine neue Aufgabe zugeschustert, die Bewachung eines Franzosen in Dublin (Mathieu Kassovitz), in Begleitung eines freischaffenden Kollegen (Michael Fassbender). Doch die vermeintlich leichte Aufgabe entwickelt sich ganz anders, offensichtlich soll Mallory kaltgestellt werden, doch die Expertin erweist sich gegen alle Denunzierungs-, Verfolgungs- und Mordversuche relativ immun...
Wichtig ist hier weniger, wer denn nun schlußendlich der Verräter ist - das ist eigentlich schon recht bald klar, vielmehr muß man die verschiedenen Motivationen der Figuren auf die Reihe kriegen und die sind so beliebig geheimdienstlich, daß am Ende alles der Protagonistin und dem Publikum lieber zusammenfassend erklärt wird.
Viel wichtiger scheint es Soderbergh zu sein, seine Hauptdarstellerin Gina Carano, eine Weltklassekampfsportlerin, ins rechte Licht zu rücken, ohne daß sie sich als Novizin im Filmbusiness blamiert. Carano wird sicherlich nie Oscarmaterial als Darstellerin, aber hier ist oft eh nur ihre Physis gefragt und die verwirrte, verängstigte und dann doch wieder entschlossene Flüchtige kriegt sie mit relativ sicherer Hand hin. Wackelig wirds nur, wenn das Kraftpaket mal charmant oder erotisch sein muß, dann riecht alles ein wenig ungelenk, wird aber durch die erfahrenen Mimen wieder ausgeglichen.
Caranos Stärken liegen eindeutig im Nahkampf und die zu demonstrieren, hat sie ausreichend Gelegenheit. Die Kämpfe hier sehen nicht choreographiert aus wie in typischen Actionfilmen amerikanischen Zuschnitts und sind auch nicht so zerfahren geschnitten wie in Matt Damons Fall, sondern erlesen eingefangen und von operativer Härte. Carano kämpfen zu sehen tut ziemlich weh, hier ist alles auf den schnellstmöglichen Erfolgsfall ausgerichtet und da knacken ordentlich Knochen.
Soderbergh genießt die geschickt positionierten Actioneinlagen, die jedesmal in einer anderen Kulisse oder Location stattfinden und diese stets mit einbinden, ihre Topographie, die Einrichtung oder andere Dinge, die gerade von Nutzen sein könnten. Hart, gnadenlos, aber nicht zu brachial läuft das ab und hält den reinen Fluchtplot damit am Laufen.
Die gute Nebenbesetzung hat da nur begleitenden Charakter, da nahezu alle Figuren als Chiffres auftreten, die nicht immer das sind, was sie vorgeben zu sein. Banderas etwa mummelt sich lange Zeit durch einen unförmigen Vollbart, ein endlich wieder gesund aussehender Douglas spult routiniert seine CIA-Nummer runter und Fassbender geht in seinem Viertelstundenauftritt dermaßen selbstlos in seinem Model-Killer auf, daß es wie eine Ehrenbezeugung wirkt. Herzbube und Muskelmann Tatum ergeht sich freundlicherweise in einer mürrisch-unsympathischen Rolle und dann ist da wie ein frischer Wind auch noch der Auftritt von Bill Paxton als Mallorys Vater - ein unverhofftes Wiedersehen mit einem Mimen, der im Kino seit seinem Regiedebüt "Frailty" vor gut 10 Jahren fast völlig vom Radar verschwunden war und zuletzt im TV Erfolge feierte.
Sie alle bieten eine elegant-kraftvolle Staffage für die Actionsets, die zumeist in modern-urbanen Stadtlandschaften stattfinden. Verfolgungsjagden in Barcelona, Fluchten über die Dächer von Dublin, eingefangen in prägnanten Einfärbungen, die leicht überbelichtete spanische Metropola, dagegen das rauchige Grau Irlands, tiefblaue Nächte, verschneite Wälder, dann ein perfekter Fight im goldenen Spätabendlicht an einem mexikanischen Strand. Ein Genuß soll es sein, eine Freude zum Hinsehen, wenn es um Leben oder Tod geht.
"Haywire" ist ein ergo ein Hindernislauf, drunter und drüber, Klettern, Springen, Laufen, Schießen, Fahren - einmal rund um die Welt und wieder zurück. Ein Geheimnis zu lüften, eine Verschwörung zu sprengen, sich selbst zu retten und die anderen zu töten, mehr braucht Soderbergh für seinen Handkantenbilderbogen nicht.
Eine tiefere Botschaft wird man kaum finden, aber die Inszenierung ist auch so mehr voll frischem Wind, als ihn die Bond-Imitatoren, die Bourne-Epigonen und die Superhelden-Bimbos mit ihren Standards hinkriegen.
So gesehen ist der Film nicht untypisch für Soderbergh, vielmehr hat der Filmemacher einen Actionfilm so hingebogen, daß der Künstler in ihm nicht darben mußte. (7/10)