„Willkommen in der Hölle“ alias „Mátalo“, das unter der Regie von Italo-Regisseur Cesare Canevari im Jahre 1970 in italienisch-spanischer Koproduktion entstandene Remake des (mir unbekannten) Italo-Westerns „Die sich in Fetzen schießen“ gilt als experimenteller, polarisierender Western. Was das Experimentelle betrifft, kann ich das ohne mit der Wimper zu zucken unterschreiben. Was das Polarisierende dieser nihilistischen, aufs Wesentliche reduzierten Story um den kaltblütigen, geldgierigen Killer Bart (Corrado Pani, „Cleopatra, die nackte Königin vom Nil“) mitsamt seiner kurzlebigen Zweckgemeinschaften und ihrer filmischen Umsetzung betrifft, kann ich das nur bedingt.
Dialogarmut in Western ist keine Erfindung Canevaris und wird durch den frühen Exitus sämtlicher Mexikaner sowie den Verzicht auf komödiantische Nebenrollen erreicht. Die in ihrer Konsequenz beachtliche ausschließliche inhaltliche Ausrichtung auf Habgier und der damit verbundene Pessimismus hingegen lassen durchaus aufhorchen, die Handlung wirkt wie gefiltert von sämtlichen Nebenschauplätzen anderer thematisch ähnlich gelagerter Italo-Western. Das dadurch entstehende Vakuum füllt Canevari aus mit allerlei psychedelisch anmutenden Kunstgriffen, die „Willkommen in der Hölle“ über weite Strecken wie einen Drogenrausch erscheinen lassen. Die bunten Farben, mit denen hier gearbeitet wird, sind ebenso wie der rockig-progressive Soundtrack ein krasser Kontrast zur inhaltlichen Tristesse und passen hervorragend zur verspielten Kameraarbeit, die auf sämtliche Konventionen pfeift und sich den Weg bahnt für zahlreiche für einen Western hochgradig ungewöhnliche Techniken, die den unvorbereiteten Zuschauer eiskalt erwischen. Jedoch gehe ich nicht konform mit der gern kolportierten Ansicht, dass man diese entweder lieben oder hassen würde. So ist es beispielsweise der paranoiden Atmosphäre des Misstrauens und der Missgunst durchaus zuträglich, wenn für Sekundenbruchteile immer wieder Augen in Großaufnahme in die Szenenabläufe geschnitten werden, so wirkt es andererseits jedoch extrem selbstzweckhaft, wenn sich die Kamera urplötzlich in schwindelerregender Geschwindigkeit sekundenlang im Kreis dreht. Für mein Empfinden halten sich sehenswerte, originelle Ingredienzien in etwa die Waage mit künstlerisch-selbstverliebten Ausflügen der nicht nur irritierenden, sondern auch leicht nervigen und nichtssagenden Sorte.
Ungewöhnlich ist es auch, wenn die nominelle Hauptrolle plötzlich mir nichts, dir nichts abzuleben scheint und der Film lange Zeit ohne sie auskommen muss. Dass (Achtung, Spoiler!) Bart seinen Tod nur vorgetäuscht haben könnte und zurückkehren würde, ahnt man indes tatsächlich nicht unbedingt voraus, da man einem schrägen Film wie diesem derartige Brüche mit der Erwartungshaltung des Publikums durchaus zutrauen würde. Insofern hat „Willkommen in der Hölle“ den Überraschungseffekt auf seiner Seite – ebenso, wie wenn nach einer Aneinanderreihung fieser Sadismen schließlich der Bumerang über den Colt siegt und Lou Castel („Töte Amigo“) als Lee Hasek somit den Schurken den Garaus macht. In rabiaten Szenen hält auch das alte Thema des um die Gunst von Frauen Buhlens Einzug, wenngleich es auch hierbei in erster Linie um Macht und Besitzansprüche zu gehen scheint. Mithilfe christlicher Symbolik werden zudem einige Metaphern religiöser Natur erzeugt, was auch kein Novum, aber gern gesehenes Beiwerk ist.
Leider sah ich eine extrem, sinnentstellend verstümmelte deutsche Kinofassung, die es mir verbietet, näher auf Dramaturgie, innere Logik etc. der Handlung einzugehen. Auf mich wirkt „Willkommen in der Hölle“ aber so oder so wie ein Destillat atmosphärischer Westernszenen, das in seiner wie eingangs erwähnt weitestgehend reduzierten Handlung angereichert wurde mit von der Hippiekultur beeinflussten Stilelementen (die ich nicht alle einzeln aufzählen möchte) und einer daraus resultierenden, nicht immer souverän oder zielführend eingesetzten künstlerischen Freiheit, die so bedeutungsschwanger dann eben doch nicht ist. Auch schauspielerisch bewegt man sich am Rande zur Unterordnung unter die stilistischen und ästhetischen Exzesse, fährt aber eine ganze Reihe für sich genommen starker und erinnerungswürdiger Einzelszenen auf, in denen die Mimik ihrer Protagonisten gut zur Geltung kommt.
Somit bleibt für mich unterm Strich eine die Grenzen des Genres auslotende, interessante Herangehensweise an den klassischen Italo-Western, die mir recht gut gefiel, mich aber nicht in einem Maße forderte, dass ich verwirrt und verstört Schwierigkeiten hätte, sie am unteren oder oberen Ende der Bewertungsskala anzusiedeln. Ich zücke vorerst vorsichtig grundsolide (wer hat da „langweilige“ gesagt?) 7 von 10 Punkten und behalte mir die Sichtung einer weniger entstellten Fassung ausdrücklich vor.