Review

Lästern macht Spaß

...und dieser Film BETTELT regelrecht darum, nach allen Regeln der Kunst verrissen zu werden. Für viele dürfte die Warnung zu spät kommen, da dieses Kunstwerk immerhin schon 1986 entstanden ist, aber vielleicht kann ich doch noch den ein oder anderen vor einem Fehlgriff in der Videothek retten.

Freunde von Kampfsportfilmen werden nur in den allerwenigsten Ausnahmen von einer ansprechenden Handlung verwöhnt. Die Autoren der oft hauchdünnen Drehbücher variieren die Geschichte von einem einsamen Kämpfer, der zuerst ganz furchtbar die Hucke vollkriegt und dann unter der Anleitung eines älteren chinesischen Hutzelmännchens zum Superrächer mutiert, meistens nur minimal. So kann sich ein "guter" Kampfsportfilm nur durch
a.) eine ansprechende technische Umsetzung
und / oder
b.) herausragende sportliche Leistungen
hervorheben. Oftmals kann auch
c.) ein übertriebener Härtegrad
zum verleben eines unterhaltsamen Filmabends beitragen.

Jeder, der in den Wust von Kickboxer-, Fighter-, Dragon- und was-weiß-ich-noch-alles-Filmen in der schwachen Hoffnung eingetaucht ist, die eine oder andere Perle zu entdecken, wird mir sicherlich zustimmen, dass da schon etliche Mark an Verleihgebühren und kostbare Zeit für die Katz war. Zu selten sind echte Highlights wie beispielsweise "Bloodsport" oder "Der Mann mit der Todeskralle". Hmmm, aktuelle Beispiele wollen mir gerade auf Anhieb nicht so recht einfallen. Doch "Karate Tiger" schlägt einfach dem Faß den Boden aus. Ich habe schon etliche wirklich miese Filme gesehen, doch dieser drängelt sich regelrecht in die persönliche Haß-Top-Ten!

Es geht um den jungen Jason, dessen Vater in L.A. eine Kampfsportschule betreibt. Jasons großes Vorbild und Ikone ist Bruce Lee. Ein schmieriger Geschäftsmann versucht nun Jasons Dad nach einer Trainingsstunde zu überreden, ihm die Schule zu verkaufen. Da der Vorschlag auf wenig Gegenliebe stößt geben die Bodyguards dem Papi etwas Entscheidungshilfe. Mit dem ersten wird Daddy ja noch fertig, doch der zweite finstere Spießgeselle bricht ihm kurzerhand den Unterschenkel. Wütend will Jason dazwischen, doch Papa hält ihn zurück.

Man verkauft also die Schule und zieht nach Seattle. Papa hat vom kämpfen die Schnauze voll und wird humpelnder Barkeeper. Die Beziehung zu Sohnemann Jason ist ziemlich gespannt, da dieser das in seinen Augen feige Verhalten des Vaters nicht nachvollziehen kann. Kaum in Seattle angekommen freundet sich Jason mit dem schwarzen Nachbarsjungen R.J. an, der zwar kein Kampfsportler ist, dafür aber wahnsinnig toll Breakdancen und Basketball spielen kann. Jason läßt es sich natürlich nicht nehmen in Seattle das Grab von Bruce Lee zu besuchen, der dort seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Jason und R.J. werden recht schnell zum Zielobjekt des örtlichen Ekelpaketes, eines verwöhnten Söhnchens aus der Nachbarschaft. Dieser ist auch noch dummerweise Mitglied in der Kampfsportschule, in der Jason mitmachen will. Schnell dem stellvertretenden Leiter ein paar falsche Informationen gesteckt und Jason wird vor versammelter Mannschaft blamiert.

Bald hat sich Jason auch noch eine Schickimickitussi angelacht, die zu allem Überfluß die Schwester des Leisters von besagter Schule ist und deshalb auch von dessen Stellvertreter begehrt wird. Auf der noblen Geburtstagsgartenfete kommt es zu der unvermeidlichen Schlägerei, bei der Jason ganz schlimme Haue bezieht. Wütend schmollt er sich von dannen und sucht Trost am Grabe seines Idols. Als er spät abends nach Hause kommt setzt es auch noch eine Standpauke von Daddy, der ihm verbietet sich zu prügeln und weiterhin seinen Lieblingssport auszuüben. Deshalb wird noch am selben Abend mit der selbstlosen Mithilfe von R.J. ein leerstehendes Haus zum geheimen Trainingsplatz umgerüstet...

So weit, so schlecht. Wie ihr unschwer erkennen könnt, handelt es sich hierbei um ein "Pubertärer Teenager wird gegängelt"-Filmchen in Reinkultur. Und dieses Thema war damals schon unheimlich ausgelutscht. Man entwickelt keinerlei Interesse an dem Knaben und die Gut-Böse-Zeichnung der anderen Figuren ist so angelegt, dass selbst Leute mit dem IQ eines Kanarienvogels dies begreifen. Das Drehbuch weißt schon in diesem Stadium erhebliche Löcher auf. So wird beispielsweise die Begegnung mit R.J. ausufernd geschildert, während die Freundin urplötzlich in die Handlung eingeführt wird. Hatte ich schon erwähnt, dass der Bruder der Freundin und Besitzer der Schule gerade die Landesmeisterschaft in Karate gewonnen hat? Erfährt man auch nur nebenbei.

Ihr ahnt jetzt sicherlich, wie es weitergeht! Natürlich will der schleimige Geschäftsmann vom Anfang auch in Seattle alle Kampfsportschulen übernehmen, nachdem man L.A. ja schon unter Kontrolle hat. Und natürlich lehnt der frischgebackene Champ dies ab und beschwört so einiges Konfliktpotential herauf. Während dessen geht es auch mit unserem Jason weiter. Wie? Ahnt Ihr das auch? Garantiert NICHT!

Denn zu diesem Zeitpunkt kippt der Film von einem langweiligen Teenie-Film in ein gehirnamputiertes Kasperletheater. Ehrlich, ich verarsch' Euch jetzt nicht: Von aller Welt enttäuscht (aus der Karateschule gejagt, Freundins Party versaut, Krach mit Papi, Krach mit Freundin) schläft er in seinem Trainingsraum ein. Und dort erscheint ihm der Geist von Bruce Lee und beginnt mit ihm zu trainieren!!!

Echt! Im Ernst! Ohne Witz! Man starrt auf die Bilder und das Gehirn weigert sich vehement zu begreifen, dass man einem einen derartigen Schwachsinn vorsetzt! War der Drehbuchautor auf Dope? Wie konnte man einem Produzenten für solch einen geistigen Dünnschiß auch nur einen Cent aus der Tashe ziehen? Mit wieviel Geld hat man den Schauspieler bestochen, dass er sich für so etwas hergibt? Das und noch viel mehr schießt einem durch den Kopf während man sich mit der Hand an die Stirn schlägt. Und man bekommt sofort unendliches Mitleid mit dem echten Bruce Lee, der sich im Grabe wahrscheinlich kreiselartig umgedreht hat.

Man verplempert also etliche Filmlaufzeit mit dem Training von Jason bis man unvermittelt und ziemlich abrupt zum Höhepunkt übergeht. Die Entscheidung über die Zukunft der Schule soll in einem Wettkampf ausgetragen werden. Drei Leute von der Schule gegen drei Kämpfer der Bösewichter. Der schleimige Geschäftsmann macht ein Medienspektakel daraus und erzählt seinem Boss stolz davon, dass etliche Zeitungen und zwei Rundfunksender von dem Kampf berichten werden. Prust! Aber natürlich! Der Kampf um eine kleine Kampfsportschule im Zentrum des nationalen Sportinteresses! Und dann geht's in die Arena: LOL - in einer mittelgroßen Turnhalle wird ein Ring aufgebaut und etwa 150 Nasen sitzen auf Holzstühlen drumherum (auf Schenkel klopf) - sind DAS die Medienereignisse Amerikas? Dann große Überraschung! Die Bösen ziehen ihre drei Kämpfer zurück und schicken dafür einen Einzelnen in den Fight. Überrascht es jemand, dass es derjenige ist, der Jasons Daddy den Haxen zerdeppert hat? Und natürlich kriegen die Schulkämpfer inklusive Champ ganz fürchterlich Dresche. Ist die Schule damit flöten? Wird sich Jason, der im Zuschauerraum sitzt, beherrschen können? Fragen, die ich hoffentlich nicht mehr beantworten muß - Ihr wißt es auch so.

Nicht nur die völlig schwachsinnige Idee mit dem Geist ist es, die den Film in ungeahnte Tiefen zieht. Während der Darsteller des Jason noch einigermaßen erträglich ist erhält der überwiegende Rest der Schauspielerriege eine Rüge! Jungens, lasst Euch bloß nicht im Süden der USA blicken, denn dort ist Teeren und Federn noch an der Tagesordnung! Der Darsteller des Vaters hätte lediglich bei der Laienspielgruppe von Kleinwolferrohde noch eine Chance wenigstens eine Rolle als Baum zu bekommen. Seine Standpauke, als Jason von der Schlägerei zurückkommt, ist eine Anhäufung von Unvermögen, dass es nicht mehr schön ist. Man merkt richtig, wie er in den Sprechpausen seine nächste Dialogzeile im Oberstübchen zusammenkramen muß. Der Mensch, der den nachbarschaftlichen Unsympath verkörpert, gibt dem Begriff "Overacting" streckenweise eine vollkommen neue Dimension. Der Darsteller des R.J. mußte nach Beendigung der Dreharbeiten wahrscheinlich in die Geschlossene zurück. Das Talent der Freundin erschöpft sich darin, hübsch auszusehen und dumm rumzustehen. Und dann gibt es wieder etliche Komparsen, die man wahrscheinlich direkt von der Straße weg gecastet hat. Kann man schön an dem typischen Blick erkennen, der sagt "Hilfe, es ist eine Kamera auf mich gerichtet! Was soll ich bloß tun?", und dann tun sie eben gar nix als vollkommen undekorativ in der Botanik rumzustehen. Der einzige, der nicht auf der Stelle standrechtlich erschossen gehört ist der Darsteller des Knochenbrechers. Es handelt sich dabei nämlich um Jean-Claude van Damme! Damals noch am Anfang seiner Karriere (verwunderlich, dass er nach DEM Schund überhaupt noch mal ein Filmangebot erhalten hat) schießt auch er meilenweit an einem Oscar vorbei, doch seine Kampfeskünste verleihen dem Film die einzigste Daseinsberechtigung.

Ich weiß nicht, wie sich die produktionstechnische Seite des Films verhält, jedenfalls stammt der Stab aus Hongkong. Regisseur ist Corey Yuen (u.a. Bodyguard aus Peking) und auch sonst sind auffallend viele chinesische Namen in den Credits vertreten. Ich hoffe für ihn, dass es sich nur um eine Auftragsarbeit gehandelt hat. Denn der Film ist ab-so-lu-ter Spitzenreiter was die Anzahl der im Bild zu sehenden Mikrofone betrifft. Man kann zwar ab und zu in einem Film kurz das Mikro entdecken, welches dann gleich hecktisch wieder etwas höher gehalten wird. Aber hier ist es oft ganze Einstellungen lang zu bewundern - und das nicht nur ein bißchen. Auch der Schatten des Mikrogalgens ist bald ein gewohnter Anblick. Sonderlich viel Lust scheint man beim Herstellen des Machwerkes nicht gehabt zu haben. Dafür spricht auch, dass eine der beweglichen Klappen, die an der Kamera befestigt sind um die Linse gegen direkten Lichteinfall zu schützen, in einer Szene voll ins Bild hängt.

Um jetzt endlich zum Schluß zu kommen (he, wer applaudiert da?): Der Film "Karate Tiger" ist die erste Wahl, wenn Ihr Eurem ärgsten Feind etwas zum Geburtstag schenken müsst.

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