Dieser Film hat das Klischee erfunden.
Amerikanische Kampfsportfilme der 80er sind natürlich von Natur aus klischeehaft. Man kann sie ohne Gewissensbisse, und ohne die wirklichen Perlen zu beleidigen, als Abziehbilder der asiatischen Martial Arts-Werke bezeichnen. In der Regel besteht auch gar kein Anspruch, sich mit den Meistern der Materie zu messen. Die Amis werden lediglich mal aufmüpfig, um dem Rest der Welt ihren hippen Life Style unter die Nase zu reiben, so wie in "American Shaolin" geschehen. Wer das Genre aber wirklich ins Leben gerufen hat, daraus machen sie gar keinen Hehl.
Wer hat`s erfunden? Die Schweizer? Nee, der ferne Osten!
Dementsprechend wird der verstorbene Meister Bruce Lee für unseren jungen Helden aus LA auch zur treibenden Kraft. Sein Geist hilft ihm, in Seattle Fuß zu fassen und seine innere Kraft zu finden, um gegen alle Hindernisse bestehen zu können.
Round 1... Fight!
Seine Ausgangsposition ist nicht gerade die beste. Mit seinem Vater zog er um nach Seattle, wo unser LA-Bübchen es natürlich besonders schwer hat. Zwar ist Kampfsport auch im tiefen Nordwesten der USA angesagt, allerdings haben die ansässigen Seattle Sidekicks etwas gegen Fremde. LA-Karate ist Schrott. Bübchen stösst also von Anfang an auf Ablehnung. Er hat neben seinem großen Vorbild nur noch zwei Ansprechpartner: zum einen den frech-hippen Michael-Jackson-Verschnitt, den ich im folgenden Bubbles nennen werde. Bubbles ist der Eddie Murphy / Chris Tucker der Achtziger, eine alte Brabbel mit einer Stimme, als hätte er was in die Weichteile gekriegt. Während Bruce Bübchens Geist trainiert, ist Bubbles für die physische Kondition von Bübchen verantwortlich. Das hat schon was, wenn er frech mit seinem Bike voranfährt und Bübchen ihn am Ende beim Lauftraining glatt überholt. Ach ja, und er macht den Fremdenführer, eröffnet ihm die feindselige Kampfsportwelt Seattles.
Zum Anderen hätten wir noch das Mädchen von einem der Seattle-Kämpfer (und zwar vom Lehrer himself), das sich so langsam in den schüchternen Neuling aus der Stadt der Engel verliebt. Klaro, ist doch ein toller Storykniff. So gibts Gelegenheit für ne zünftige Prügelei abseits der Karate-Turniere.
Wer sind die Seattle Sidekicks?
Wie gesagt, ein Haufen böser Halunken, bestehend aus Karateschülern und ihrem Trainer. Wobei vor allem drei Leute wichtig sind. Erstens: der bösartige Karate-Fettsack, der nur frisst und lacht und die Befehle des Mackers von Bübchens neuer Freundin befolgt. Chris Farley war als Beverly Hills Kampfwurst eindeutig das liebenswertere Exemplar. Zweitens: der arrogante Karatelehrer und gleichzeitig jener Macker. Er wird zum Feindbild aufgebaut, indem man alle Charaktereigenschaften, die ein guter Lehrer haben sollte - etwa Mitgefühl, Redebereitschaft, Gerechtigkeitssinn - einfach umkehrte. Er unterstützt also die Faxen der verzogenen Seattle-Gören. Und zuguterletzt: die Kampfmaschine. Wir erleben Jean-Claude van Damme in seiner ersten Rolle mit einer gehörigen Portion Trash. Er wird zum Endgegner von Bübchen und erzeugt damit den gleichen Effekt wie ein Fussballtrainer, der bei einem Spiel von 12-jährigen in sein Team einen 25-jährigen Fußballstar einwechselt, um seinem Team so zum ungerechten Sieg zu verhelfen.
Wie man sieht, wird hier mit den Farben schwarz und weiß gemalt. Der LA-Einzelkämpfer gegen die übermächtigen Seattle-Bösewichte.
Macht ja nix. Ich bin trotzdem Seattle Sonics-Fan geworden.
Handwerklich, storymässig, schauspielerisch, inszenatorisch, visuell und von der Charakterzeichnung her ist "Karate Tiger" ein Stümperwerk, das seinesgleichen sucht. Von der Logik wollen wir gar nicht sprechen. Für die DVD könnte man alleine mit den Goofs das Bonusmaterial um 100 Minuten ausweiten. Der natürlich niemals brillante, aber doch zeitweise zum Kultstar aufgestiegene belgische Kampfsportexperte Jean-Claude van Damme gibt ein ähnlich dilettantisches Debüt wie einst Arnie mit "Herkules in New York". Sein Gegenüber ist nur leidlich sympathisch, und die gesamte Seattle-Crew besteht aus Stereotypen, wie sie im Buche stehen. Irgendwo muß eine klischeehafte Zeichnung ja ihren Ursprung haben, warum also nicht hier?
Rein filmisch betrachtet bleibt einem nichts anderes übrig, als 1/10 Punkten zu vergeben.
Teil 2: Der Trash-Faktor
Natürlich ist "Karate Tiger" mehr wert als ein läppischer Punkt. Damals als Kinder sind wir nach Ansehen des Filmes nach draussen und haben uns mit anderen getroffen, um die Karate-Kicks nachzuspielen. Das Kultpotential des Filmes ergibt sich vor allem aus dem Motivationsaspekt, der von Kindern (und vermutlich auch von einigen aktiven Kampfsportlern) ernst genommen wird und bei Erwachsenen für angenehme Belustigung sorgt.
Die Kicks sehen aber auch gut aus. Den finalen Überschlag mit einem Bein, während das andere festgehalten wird, den habe ich immer noch im Gedächtnis, obwohl ich den Film bestimmt schon länger als ein halbes Jahrzehnt nicht mehr gesehen habe. Das Ganze wird vorher durch das besessene Training noch schön aufgepuscht, und die überzeichneten Bösewichte sind so irrational bösartig, dass man ihnen am liebsten selbst ins Gesicht treten würde.
Fun pur.
Ja, Langeweile ist hier ein Fremdwort. So schlecht der Film ist, so viel Spaß macht er auch. Egal, ob man Bubbles bei seiner MJ-Tanzeinlage in der Disco zusieht oder den fiesen Fettsack beim Burgerfressen und Lästern beobachtet, lustig ist das Gezeigte allemal. Einfach nicht ernst nehmen, und schon erfüllt der Film seinen Zweck.
In Anbetracht dieser Tatsache muss ich knappe 8/10 Punkte für den Trash-Faktor geben, der nicht unterschätzt werden sollte. Die billige Machweise bleibt natürlich trotz Spaß bestehen. Nehmen wir also den einen Punkt für die Qualität, addieren ihn mit dem Fun-Bonus und teilen ihn durch zwei, so kommen dabei gute 4/10 raus.
Und die Menge tooooobt!