Review

Bei aller Liebe zur Kampfkunst als Charakterschule - ich selbst habe mich in 4 1/2 Jahren Wing Chun - Training physisch kernsaniert und auch persönlich positiv davon profitiert - der Mensch kann nicht nur von Luft und Liebe leben, etwas gesunder Pathos gehört dazu. Dahingehend hat sich das Martial Arts - Kino als gesunde Alternative zu Armeeeintritt und künstlich herbeigerufenen Bandenkriegen erwiesen, zumal es das Genre dank diverser US - Franchises auch für Kloppfreunde ohne Diplom in Sinologie gibt. Ich meine ja nur: nicht jeder mag sein Kung Fu mit Geschichts - und Philosophieexkursen gewürzt.

Ich mitunter schon, aber etwas Hirnlosigkeit darf ja auch mal sein. Demnach sah ich den Filmzwar schon bereits mit 12, lernte ihn aber erst satte 11 Jahre später zu schätzen. Mit 12 war das Trashtier in mir noch im Halbschlaf und wartete mit cthulhoider Geduld auf seine Erweckung, während der Film mit 23 dann seine ganze Kraft als amüsantes Rip off der von mir (größtenteils) sehr geschätzten "Karate Kid" - Reihe in meinem ausbildungsgeschädigtem Gehirn entfaltete. Nun, mit fast 35, kommt dank einer weiteren Deutungsmöglichkeit eine weitere Genussebene hinzu.

Der Film ist im Grunde genommen ein lustiges Gedankenexperiment und eine mögliche Antwort eines Thinktanks zugekokster Hardcore - Republikaner auf die Aufgabenstellung: "Stell dir vor, "Karate Kid" wäre mit Tom Cruise in der Hauptrolle verfilmt worden..." Wie Herr Cruise es so oft in seinen frühen Filmen ist, so ist auch Kurt McKinney alias Jason Stillwell zu Beginn des Filmes die beinahe geilste Sau des Casts, weil jung, gutaussehend, talentiert und all den Scheiß und nach nur drei Jahren Training in Papas Karatedojo der amtierende HFdS (härtester Ficker des Schulhofes) mitsamt rotem Gurt. Der Kerl wartet im Grunde genommen nur noch auf den Feinschliff, idealerweise mit klassischer Heldenreise verbunden, und die klopft gleich mit der örtlichen Mafia zusammen an die Dojopforte, die statt der Sportstätte gleich mal Vatter kurz und klein schlagen. Grund genug, um vom nun verbrannten Los Angeles aus das Weite im fernen Seattle zu suchen, um das Trauma mit Defätismus zu verdrängen oder einfach exzessiv wegzutrainieren. Gut zu wissen, dass man das Trauma gesund verarbeitet hat.

Mit Hilfe seiner Ische Kelly und seines neuen Besties R. J., einem hyperaktivewn Breakdancer und Sprüchekloppmeister, findet Jason einen neuen Platz im Leben. Zumindest so lange, bis der speckige Straßenmobber, mit dem Jason sich um R.J.s körperliche Unversehrtheit zankt, den im örtlichen Karateclub anschwärzt und mit Lügen in die Scheiße reitet, die sich Mobbing nennt. Doch durch die verlorenen Nerven dringt ein Lichtstrahl: Großmeister Bruce Lee höchstselbst kehrt aus dem jenseits zurück, um als Messiahs mit Fäusten die (f)rohe Botschaft zu verkünden und jason das Einmaleins des smarten Prügelns - Jeet Kune Do - zu lehren. Binnen weniger Wochen wird Jason nicht nur wieder optimistischer und selbstbewusster, sondern ein noch härterer Ficker und das ohne Schulhof, sind doch gerade Sommerferien. Folgerichtig erfolgt im Filmfinale die Transzendenz in höhere Kriegerweihen - beim gnadenlosen Verkloppen und Dehmütigen des Mafiaschergen, der Vatters Standbein auf dem Gewissen hat. Also, sowohl finanziell als auch körperlich gesehen... Höhö!

Merkt euch das, liebe Kinder: Rachsucht ist völlig okay, wenn sie unter dem Deckmantel der Charakterentwicklung versteckt bleibt! Jason hat im Laufe seiner Heldenreise nichts außer Kung Fu und geil sein gelernt und beendet den Film als rehabilitierter Show off, den jetzt alle geil finden, weil er getreu dem Motto "Allein gegen die Mafia" das organisierte Verbrechen aus der lokalen Sporthalle gedroschen hat, ganz ohne Unschuldige oder das Hallenfußball - Kreisligaturnier nächste Woche zu gefährden. Vatter wiederrum muss schmerzlich einsehen, dass Gewaltlosigkeit nicht die größte aller amerikanischen Tugenden ist und Keule R. J. ... Hui, ist das ein fieses Kapitel des Filmes! Die Rolle des getreuen besten Kumpels bekommt immer einen fiesen Beigeschmack, wenn jener Kumpel schwarz und nicht sonderlich mit Persönlichkeit ausgestattet ist. naja, gut, immerhin ist R. J., ein Artefakt aus dem präasozialen Zeitalter des Hip Hop, als Tänzer selbst durchaus filmwürdig begabt und scheinbar auch wesentlich gefestigter im sozialen Gefüge der Stadtjugend. Und dennoch... sagen wir so, Spike Lee hat einen Terminus für Charaktere wie R. J. gemünzt, den ich als Weißer tunlichst unterlassen sollte auszusprechen. Bei Kelly sieht es ähnlich aus: sie ist die Lebendtrophäe für Jason und bis dahin auch nur schmückendes Beiwerk, dass nicht mal vernünftig eingeführt wird.

Davon abgesehen ist der Film schnell und effektiv erzählt und das in unter zwei Stunden, die die offensichtliche Vorlage noch brauchte, mit solider Action und ebensolchem Slapstick zur Auflockerung. Synthesizer, Haarpsray, Polyester und eine ordentliche Portion unterschwellige Homoerotik runden das Ganze ab. Insgesamt rettet "Karate Tiger" trotz mangelnder Philosophie ausnahmslos JEDEN Videoabend und ist für Schrottisten, 80er - Fans und Kurzweil - Freunde ein absoluter neonfarbener Pflichtfilm. Der Erfolg sollte dem Film recht geben, zog er doch ein ganzes zusammenhangsloses Name only - Franchise mit unnötig vielen Fortsetzungen und Spin offs nach sich, quasi Rip Offs des Rip offs. Der dritte Teil dieser Nicht - Reihe hat sich sogar selbst einen verdienten Kultstatus erspielt. Aber darüber sabbel ich an anderer Stelle wahrscheinlich noch mehr als genug. Nur so viel: pflanzt schon mal ein paar Palmen.






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