Review

Kultische Verwehrung


Kulte, von gross angelegt wie Scientology bis zu mörderisch und klein wie die Manson Family - als normaldenkende, recht glückliche Person könnte man sich nie im Leben vorstellen, in diese einzutreten. In einer immer wissenschaftlicher, rationaler und eigenständig denkenden Gesellschaft sogar weniger als je zuvor, was im weitesten Sinne sogar auf die sinkenden Zahlen bei dem Gro der mächtigen Weltreligionen übertragbar scheint. Dennoch rutschen immer wieder (einsame?) Menschen in kultische Zirkel und abgeschiedene Machtkonstrukte, die zuerst eine angenehme und wohltuende Gruppendynamik ausstrahlen, dann jedoch schnell zu unterschwelligen Alpträumen ausufern bzw. sich offenbaren. „Martha Marcy May Marlene“ zeigt in Rückblenden das Leben in einer solchen scheinheiligen, krankmachenden Kommune und Gemeinschaft, durch eine junge Frau, die nun mit dem „Leben danach“ und den Folgen ihrer psychologischen Gefangenschaft hadert, vor allem denkt, dir würde bald wortwörtlich von ihren einstigen Kumpanen eingeholt...

Wer nach ihren eher mainstreamigeren Auftritten im MCU schon vergessen hatte, was für eine gnadenlos geile Schauspielerin Elizabeth Olsen ist, muss nicht weiter suchen, um einen beeindruckenden Reminder zu bekommen. „MMMM“ ist ein psychologisches Schwergewicht und eine Paradeleistung von ihr. Wie löse ich mich von einer solchen eher geistigen wie körperlichen Umklammerung? Wie lasse ich die Fesseln und Ängste, Gewohnheiten und Unsicherheiten fallen? Gibt es vielleicht auch ein paar im Kopf positiv verdrehten Werte einer solchen Kultgemeinschaft? Warum wollen manche eher zurück als in die „normale Welt“? Kann man den Verfolgungswahn ablegen? Wie kann man Resozialisierung und Normalität wiedererlangen? Wie geht man als Angehöriger einer solchen Person damit um? Wie schleichend greifen in solchen Kommunen Macht- und Missbrauchsprozesse? All das und noch mehr spricht dieser eindringliche, understatete Thriller an. Die wenigen Stiche sitzen. Nur das Ende bleibt mir etwas zu offen und man wird das Gefühl nicht los, hier nur einen kleinen Ausschnitt einer wesentlich umfangreicheren Geschichte zu sehen. Die wesentlichen Punkte kommen aber klar rüber. 

Fazit: gefangen in einem Alptraum, einer Sekte, einem Teufelskreis. „Martha Marcy May Marlene“ zeigt die Folgen von Sekten und Machtmissbrauch schonungslos und realistisch. Toll gespielt. Bleibt im Gedächtnis. MMMM ist ein Psychodrama der eindringlicheren Sorte. Und Olsen ist hypnotisch gut. 

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