Eigentlich hat Wallace (Wallace Shawn) gar keine große Lust auf den bevorstehenden Termin. Er hat Andre (André Gregory) lange nicht gesehen und hat derzeit seine eigenen Sorgen. Für den Theaterautoren läuft es nicht ganz so gut, er hält sich irgendwie über Wasser. Dennoch haben sich die beiden zum Essen in einem schicken französischen Restaurant verabredet.
Man begrüßt sich, nimmt bald Platz und schon entwickelt sich der Fluss der Erzählung. Wobei in der ersten Hälfte überwiegend Andre erzählt, was er so getrieben hat, was er vielleicht suchte und was ihm dabei widerfahren ist. Später kommt auch Wallace mehr zu Wort, hier entsteht vielleicht nicht immer ein direkter Dialog, aber ein Austausch. Da trifft dann auch mal Logik auf Spiritualität, eine geerdete Sicht auf eine weitgereiste, das Einfache auf das Ausschweifende.
Und alles davon hat hier seine Berechtigung im Redefluss. Der von Louis Malle inszenierte Film macht dabei nie den Eindruck, allgemeingültige Wahrheiten vermitteln zu wollen. Vieles konnte ich nachvollziehen, bejahen, nachfühlen, aber auch anders empfinden. Und das ist für mich der Kern dieses minimalistisch präsentierten Werks. Es regt die Reflexion an, das Hinterfragen, man horcht in sich hinein.
Auch in einer gewissen Quantität. In seinen 110 Minuten schneidet die von den beiden Darstellern verfasste Vorlage allerlei Themen an. Andres Ausführungen, die auch auf realen Erlebnissen beruhen, mögen da mitunter fremd oder prätentiös wirken. Und doch findet sich in ihnen immer wieder etwas, das man vielleicht für sich mitnehmen kann, mit eigenen Gedanken, Denkweisen oder Erinnerungen verbinden kann. Mit den Äußerungen von Wallace geht das ebenso, denn am Ende geht es hier um einen selbst, die Erkenntnis eines Lebens, den Sinn der Existenz. Wobei es auch hier keine allgemeingültige Antwort gibt. Nur eine für die beiden jeweils - und auch diese ist am Ende nicht in Stein gemeißelt.
Der Film fordert Aufmerksamkeit. Zwei Menschen zuzuhören, die sich nur unterhalten in einem steten Fluss, das kann auf die Dauer anstrengend werden. Ist es auch, aber dranbleiben zahlt sich aus. Eingerahmt von Wallaces Voiceover, in welchem er das Davor und Danach reflektiert, lohnt sich die Konzentration auf Wort und Aussage.
„We were searching for something, but we couldn’t tell if we were finding anything.“
Mit Eric Satie geht es am Ende in einer melancholischen Stimmung in die nächtliche Großstadt, wo zwischen Häuserschluchten und künstlichem Licht die Gedanken nachhallen. Theater, Sinnhaftigkeit des Tuns, Freiheit unter Technologie und Wissenschaft, gesellschaftlicher Zwang und das Loslassen der Kontrolle.
„My Dinner with Andre“ besteht immer aus drei Beteiligten. Aus Wallace, Andre und der betrachtenden Person. Wenn man sich drauf einlassen kann. Mich hat es mitgenommen, viel im Kopf angestoßen und wie Wallace nachdenklich in die Nacht entlassen. So einfach in seiner Präsentation, so wirkungsvoll in seinem Gehalt. Alles ist im Fluss. Wie Worte in der Luft.