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Leitkulturdebatte, Erdogan-Kritik, Spätaussiedler und Kopftuchdiskussion, wir haben doch nun wirklich genug Ärgernisse und Kontroversen zu diskutieren, warum also nicht mal einen kulturenverbindenden Feelgoodfilm aus deutschen Landen, der zur Abwechslung mal nicht eine der beiden Seiten der Lächerlichkeit preisgibt oder für ein Besser/Schlechter-Verhältnis plädiert.
Der unabhängig produzierte Debütfilm der Samdereli-Schwestern Nesrin und Yasemin scheint da genau richtig zu kommen für all jene, die die unlösbare Kulturdebatte mal so richtig satt haben: die Geschichte eines türkischen Familienclans, der nach 40 Jahren Gastarbeit und vielen Eingewöhnungs- und Sprachschwierigkeiten sich irgendwann mit all seinen Stärken und Schwächen etabliert hat und nun doch vor einem Identitätskuddelmuddel steht, just als die Großeltern endlich den deutschen Passe erhalten.
Wer bin und wo komm ich her, das sind zwar (auch im Film) zentnerschwere Fragen, aber anstatt an das Problem mit dem üblichen deutschen Bierernst heranzugehen, entscheiden sich die Samdereli-Schwestern für die Anekdotenvariante, ohne eine der beiden Welten zu bevorzugen.

Beständig und etwas dramaturgisch gekünstelt zwischen der Gegenwart und der nacherzählten Vergangenheit hin- und herwechselnd, wird die Geschichte der Familie Yilmaz erzählt, deren Oberhäupter Hüseyin und Fatma sich ineinander verliebten und drei Kinder (bzw. später vier) zeugten, die aber aufgrund finanzieller Probleme in ihrem Heimatland gezwungen waren, auf den Gastarbeiterzug aufzuspringen.
Hüseyin macht den Anfang bei "Krupp" bzw. "Krüpp", doch als er den Bezug bzw. die Kontrolle über die Kinder zu verlieren scheint, holt er alle übrigen nach Deutschland, wo sich natürlich eine Art Kulturschock einstellt. Bar jeden Wissens über die deutsche Sprache sind sie in ihrer kleinen Behelfswohnung zunächst scheinbar verloren, von Verständigungsschwierigkeiten in Bezug auf die einfachsten Dinge des Lebens ganz abgesehen. Doch die Kinder finden ihren Weg und auch die Eltern machen Fortschritte, ohne die türkische Identität jemals ganz aufzugeben.
Das daraus resultierende Sprachgewirr der Gegenwart, die Mischung aus türkisch und deutsch (hier scheinen sich weder die türkischen noch die angeheirateten deutschen Mitglieder der Familie ganz einig zu sein, was denn nun angebracht oder nötig oder besser scheint), ist dann das multikulturelle Amalgan, aus dem sich der Zusammenhalt trotz Finanzproblemen, gescheiterten Ehen oder ungewollten Schwangerschaften zusammensetzt.
Während die Macherinnen in den Vergangenheitsepisoden auf den amüsanten und probaten Trick zurückgreifen, die Türken einfach deutsch sprechen zu lassen, während die "unheimlichen" Deutschen ein undefinierbares, leicht abgehacktes Kauderwelsch von sich geben, ist durchaus erfrischend, weil man die Sequenzen nicht endlos breit tritt.

Was wir da zwischen Lachen und Weinen zu sehen bekommen, ist dann der erwünschte, absolute Modellfall, dem am Ende sogar die gute Frau Merkel Beifall spenden darf, praktisch die Ideallösung einer Familie ohne absoluten Identitätsverlust, mit Bewußtsein um die türkischen Wurzeln, ohne die Abneigung gegen die Probleme der deutschen Heimat: erfrischend, erfreulich, aber leider in jeder Phase auch ein gewisses Kunstprodukt.
Die gute Absicht der Autorinnen kann gar nicht hoch genug geschätzt werden, aber jegliche Form ernsterer oder aktuell diskutierter Probleme oder Differenzen spart der Film schlicht und ergreifend einfach aus. Fragen nach Kultur und Religion werden gar nicht erst gestellt, Islamismus ist ein persönliches und daher indiskutables Thema und die Familie hegt, ach wäre es doch immer so, keinen einzigen Arg gegen die Ressentiments der weniger offenen Alemannen. Eine einzige Szene mit einer mürrischen Frau in der Straßenbahn weist auf das Konfliktpotential hin, ansonsten werden die Lebenssorgen und allgemeinen Schwierigkeiten meistens nur angedeutet, um schließlich im lautstarken Familienkreis immer wieder eingenebelt zu werden.

So balanciert der Film mit mehr Figuren, Schicksalen und Inhalten, als er schlußendlich befriedigend behandeln kann: die Großeltern in zwei Inkarnationen, dazu drei Kinder in jeweils junger wie alter Variante. Dann noch ein viertes Kind mit Frau und Jüngstem und gleich noch eine Enkelin, dazu noch unverheiratet versehentlich geschwängert.
Es ist ein bißchen viel, was da aufeinander gehäuft wird, jeder hat so seine Problemchen oder Lebenslügen, aber einmalige Spielfilmlänge taugt einfach nicht genug, um sich all der interessanten und vielfarbigen Charaktere anzunehmen. Was absolut ideal für eine TV-Serie geraten wäre (auch wenn es sie als Blaupause durch "Türkisch für Anfänger" schon gab), funktioniert als Film nur partiell: der Fokus liegt auf den Großeltern, dann auf den jugendlichen Kindern mit ihren Ängsten und Träumen (oder besser nur auf einem) und dann auf der schwangeren Enkelin, der interessante Rest gerät zunehmend zur Staffage, weil man ja zusätzlich noch zwei Zeitebenen zu bedienen hat.

Die Episoden, die in den 60er Jahren spielen, sind denn auch das Amüsanteste am Film, wenn auch mit halbwegs erwartbaren Klischees balancierend. Die Unterschiede in den sanitären Einrichtungen, die "groben" deutschen Nachbarn, die unglaublichen Entdeckungen (Cola, Müllwagen).
Die Samderelis gönnen jeder ihrer Figuren einen gewissen Traum, eine Wunschvorstellung, aber sie können sie in dem begrenzten Rahmen nicht ausfleischen und wenn sie das dann tun, dann bleibt die Angelegenheit verblüffend schwammig. Die Faszination der Coca-Cola für den familiär eher gescheiterten Muhamad bleibt praktisch bis zum Schluß ein Mysterium, ehe die Figur einen neuen Antriebspunkt in ihrem Leben findet, bis dahin wirken seine Szenen jedoch manchmal etwas überstrapaziert.
Alles in allem möchte man von allen mehr sehen, vor allem aber die Veränderungen über all die Jahre in der ach so seltsamen Bundesrepublik, die schlicht und ergreifend ausgenommen werden, spätestens als die Kinder nach den ersten Monaten eingeschult werden, enden all diese Handlungsstränge und lassen das Publikum mit einem immerhin versöhnlichen Anekdotenschatz zurück.

In der Gegenwart wird die Identitätssuche zum "Road Trip" nach Anatolien, weil der Großvater dort ein Haus gekauft hat - was bei einigen Kindern und der eigenen Frau immer noch Ängste nach einer erneuten Umsiedlung aufkommen läßt. Aber das wäre zuviel Konfliktpotential, wie es den Anschein hat.
Nachdem zwei Drittel des Films mit familiären Zusammenhaltsproblemen und amüsanten, aber wenig kreativen Kulturschockanekdoten aus der kulturellen Mottenkiste durchaus den (guten) Ton gesetzt haben, nimmt das letzte Drittel dann plötzlich eine Wendung ins Tragisch-Sentimentale, wobei der Ansatz wohl durchaus gut gemeint war, die Dosierung in der letzten halben Stunde aber enorme Ausmaße annimmt. Da wird dann der Kreis auf zeitlicher Ebene geschlossen, die verschiedenen Generationen finden sich mit ihrem jüngeren/älteren Selbst zusammen (im übrigen eine aus einem anderen Film entliehene Idee) und in einer Überdosierung familiärer Geschlossenheit werden zwar endlos gemeinschaftliche und völkerübergreifende Gefühle beschworen, was aber nichts daran ändert, daß eine emotionale Volldröhnung nicht zum leichten, sketchartigen Profil der ersten Filmhälfte paßt.

Sicherlich, als emotionales Verbindungsstück zum Publikum funktioniert "Almanya" auf einer unterhaltsamen Ebene erfreulich ordentlich, aber selbst die gutwilligen Zuschauer werden wohl merken, daß da auch viel erzählerisches Stückwerk beigemengt ist, daß von dramaturgischer Unerfahrenheit zeugt. Kleinere, wirklich originelle Augenblicke sind wirkliche kleine Perlen, wenn sich etwa im Falle der ungewollten Schwangerschaft die Alten allen Ernstes beschweren, daß der Kindsvater Engländer sei - und ob es nicht wenigstens ein Deutscher hätte sein können, aber letzten Endes ist "Almanya" nicht genügend ausgereift, ein sympathisches, lächelndes Stückwerk, das zwar anhand des Publikumserfolgs vermutlich seine Existenz mehr als rechtfertigt, das man aber besser und breiter hätte machen können. (6/10)

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