Review

Kennen Sie Pina Bausch? Viele, vor allem Jugendliche, werden diese Frage wohl eher mit Nein beantworten. Sieht man einmal von Wuppertal ab, wo Pina lebte und arbeitete, sowie vielleicht bei der eher unkonventionell interessierten Seite der Tanzszene, dürfte der Bekanntheitsgrad doch eher bescheiden sein und nur einem, vergleichsweise, kleinen Publikum bekannt vorkommen. Doch wer Pina einmal gesehen hat und sich für Tanztheater interessiert kommt nicht von ihr los. Zugegeben, ich persönlich habe Pina vor diesem Film auch nicht gekannt. Doch schon der Trailer war tief beeindruckend und der Einsatz der modernen 3D-Technik ein weiteres Lockmittel. Und nach Ansicht kann ich nur sagen: Mit Pina Bausch ist eine wahre Künsterlin gestorben, der Wim Wenders hier ein ehrenvolles Denkmal geschaffen hat.

Pina ist ein Dokumentarfilm im ganz eigenen Stil. Nicht der große Informationsgehalt ist hier ausschlaggebend, sondern vor allem die Zusammenstellung von Auszügen aus vier ausergewöhnlichen Tanzgeschichten sowie vielen kurzen Soloauftritten des internationalen Tanzensembles von Pina Bauschs Tanztheater Wuppertal, verbunden mit deren Statements. Die vier Stücke sind "Café Müller", "Le Sacre du printemps", "Vollmond" und "Kontakthof", welches wohl mit das bekannteste Stück darstellt. Das komplette Tanzensemble führt dabei vor und zieht einen in die ungewöhnliche Erzählweise eines Tanztheaters rein. Vieles kommt einem, als Unwissender, merkwürdig vor, wie z. Bsp. die Szene einer Frau, die von ihren Kollegen sprichwörtlich nur "befummelt" wird, über die Szene in der ein Tanzmitglied von einem Anderen, scheinbar ohne Grund, mit Erde beschmissen wird, bishin zur fast schon nervig anmutenden Szene, in der ein Paar immer wieder, und von mal zu mal schneller, von einem Dritten in eine entsprechende Liebesposition gebracht wird (das Päärchen agiert dabei wie bewegliche Puppen), welche aber immer wieder schiefgeht. Man muss sich, ohne Frage, erst einmal ein wenig reinfitzen, in die Art und Weise, wie Pina mit ihren Tänzen die Geschichten zu erzählen vermag.

Doch wenn man diesen Eingewöhnungsprozess erst einmal hinter sich hat, kann man sich leicht dafür begeistern, denn nicht nur die Stücke berauschen die Sinne, auch die kurzen Einzelauftritte der Tänzer haben es in sich. So z. Bsp. ein Paar, bei dem eine Frau ständig ohnmächtig zu werden scheint und sich nach vorne fallen läßt, um sich von ihrem Partner auffangen zu lassen. Hört sich im ersten Moment unspäktakulär an, doch sich ohne Probleme nach vorne Fallen zu lassen, noch dazu auf einem Betonuntergrund, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit und erfordert ennormes Vertrauen in den Partner. Oder auch die schräge Szene in einer der wuppertaler Schwebebahnen, in der eine Tänzerin in Godzillamanier (mit entsprechenden Geräuschen) auf ihren Platz stapft. Alle Szenen sind definitiv unkonventionell gehalten und passen somit bestens in den schräg beeindruckenden Stil des Tanztheaters.

Und genau daraus hat Regisseur Wim Wenders einen Mix hergestellt, welcher zwar nur wenige Informationen als solches bereithält, sprich Pina und ihr Tanztheater nicht wirklich durchleuchtet, jedoch mit der Zusammenstellung der Szenen, inkl. einiger weniger Archivaufnahmen von Pina Bausch, dennoch das Ensemble perfekt vorzustellen weiss. Ein paar Kommentare der einzelnen Mitglieder zu Pina, ihrem Leben und der Verbindung zwischen dem jeweiligen Mitglied und ihrer geliebten Chefin, geben den einzelnen Szenen dann noch die perfekte Würze.

Zudem lohnt sich auch der 3D-Einsatz, selbst wenn man sich vielleicht im ersten Moment fragen könnte wozu, denn schließlich kann ein experimenteller Tanzfilm nicht wirklich mit Pop-Up-Effekten glänzen, bzw. wäre es völlig unangebracht. Die Antwort ist jedoch einfach: Räumlichkeit. Da Theater nun mal schon immer auf die Bühne gehört und gerade die ausgefallen Tanzszenen des Theater einen großen Raum benötigen, ist der 3D-Einsatz, sofern er gut genutzt wird, geradezu predästiniert. Und dies ist Wim Wenders fraglos gelungen, da die Tanzszenen durch diesen Einsatz noch einmal um einiges beeindruckender erscheinen, als in der flachen Version, und dem Theatererlebnis somit erstaunlich nahe kommen. Der Einstand des Programmkinos im 3D-Format ist somit restlos geglückt.

Einzig und allein der allgemeine Informationsgehalt ist nicht unbedingt der Beste. Denn neben den besagten Tanzszenen und den Archivaufnahmen von Pina Bausch hat Wim Wenders nicht wirklich Hintergrundinformationen in seinen Film gepackt. Sprich wer sich mit Pina und ihrem Ensemble nicht im Vorfeld schon beschäftigt hat, könnte enttäuscht werden. Andererseits stehen der Tanz und Pina Bausch irgendwo auch für sich und wer sich darauf einläßt erkennt schnell die Qualitäten des Ganzen, ohne dass man ihm mit sonst wie vielen Infos zupflastert. Das Tanztheater kommt schon immer große Worte aus und so auch dieser Film.

Fazit: "Pina" ein Film für Pina Bausch von Wim Wenders. Das und nichts anderes ist dieser Film geworden. Das Tanztheater auf Zelluloid, genauso wie man es in Wuppertal auch auf der Bühne erleben kann. Bunt gemischt aus vier Stücken, kurzen Soloauftritten und einzelnen Archivaufnahmen, ist "Pina" von der ersten bis zur letzten Minute hochinterssant, schwer unterhaltsam, poetisch und einfach nur wunderschön. Die 3D-Technik läßt einem dabei das Theater und seine Künstler genauso erleben, wie es sich Pina gewünscht hätte. Sicher nicht für jedermann geeignet, doch wer sich einmal ganz unkonventionell und ohne viele Worte, dafür mit viel Musik und späktakulärem Tanz, unterhalten lassen will, der sollte sich "Pina" (am besten in der dritten Dimension) nicht entgehen lassen.

Wertung: 8/10

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