Wenn Regieinnovator Jean-Luc Godard sich der amerikanischen Pulpkultur und dem US B-Film annimmt, kommt dabei sein zugänglichster Film heraus: Ja, "Die Außenseiterbande" ist ein leichtfüßiger, spielerischer Godard-Film. Unterhaltend, ironisch und schräg. Als Grundlage dient ihm hier einen amerikanische Schundroman von Dolores Hitchens, improvisiert aber innerhalb von fünfundzwanzig Drehtagen auf ausgewählten Sets verrückte Ideen, die den Film zuweilen sympathisch-ziellos ausschauen lassen.
Godards Schauplatz ist nicht gerade der romantischste Teil Paris'. In dem Osten von Bastille sieht es eher unbevölkert und trostlos aus, als berauschend und schön. Dieses karge Setting wird durch die Noir-Schwarzweiß-Photographie nur noch kälter. Die Figuren, die durch diese betrübliche Szenerie stapfen, sind ebenso tragische Figuren aus der Pariser Arbeiterklasse: Zwei Freunde, zwei Verlierer. Arturs (Claude Brasseur) und Franz' (Sami Frey) Antrieb scheint sie ebenso ziellos im Leben herumstreunen zu lassen, wie es der Film tut. Ohne Job träumen sie vom luxuriösen Leben im weiten Amerika. Das Geld für ihre Immigration ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten möchten sie sich mit einem Einbruch in das Haus der hochgestellten Gastgeberin des Aupairmädchens Odile (Anna Karina) erklauen. Franz hat Odile bei einem Englischkurs kennen und lieben gelernt. Als er ihr jedoch Artur vorstellt, sind die Gefühle Odiles durcheinander gewürfelt und sie erkennt in dem kantigen Macho mehr als sie in Franz je sah.
Dieses Trio plant also nun einen Gangstercoup. Und somit ist "Die Außenseiterbande" mehr Genrekino, als es Godards andere Werke je waren. Godard sagte einmal "Ein guter Film hat einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende – nur nicht zwingend in dieser Reihenfolge". Bei "Die Außenseiterbande" hält er sich überraschenderweise an diese lineare Formel, inszeniert er am Ende sogar ein Showdown mit Pistolengefecht und Toten. Man merkt ihm schon an, dass er das amerikanische Gangsterkino liebt, so sagte Godard einst, dass man für einen guten Film nicht mehr brauche, als "ein Mädchen und einen Revolver", aber er wäre nicht Godard, einer der brillantesten Filmkünstler, wenn es wirklich nur nach amerikanischen Krimiformalitäten zuginge. Die Planung des Überfalls und die Ausführung als solches geraten schnell ins Hintertreffen. Godard selber legt seine Stimme aus dem Off über die Filmbilder. Er inszeniert sich selber als allwissenden Erzähler in einer auktorialen Narration, der in einer haarsträubend ironischen Art und Weise genau zu wissen vermag, wann es dann an der Zeit ist, uns mit den Gefühlen der einzelnen Figuren zu befassen. Und so bricht er trotz aller Linearität und Affinität zum Noirfilm die Erzählformen auf, ohne den amerikanisch beeinflussten Zuschauer allzu sehr abzuschrecken.
In den Sequenzen, in denen sich der Film nicht um die kriminellen Handlungen der Möchtegerngangster kümmert, wird er seinem legendären Ruf gerecht: Franz, Artur und Odile legen in einem Café eine Schweigeminute ein, bei der Godard den kompletten Ton abdreht, es aber gerade mal 36 Sekunden ohne Soundtrack aushält. Ein anderes Mal tanzen die Drei aus Langeweile den amerikanischen Tanz "Madison" (ein Tanz, den man ohne direkten Partner vollzieht, also eine weitere Unterstreichung der Einsamkeit der einzelnen Figuren), und ein wieder anderes Mal schlagen sie Zeit damit tot, den gesamten Louvre in einer Rekordzeit von neun Minuten und dreiundvierzig Sekunden zu besichtigen. Eine eigenartige Wahl für einen Zeitvertreib, wenn man, so wie hier, mehrer Stunden überbrücken will. In diesen Szenen spielt Godard seinen ganzen stillen, komischen Charme aus.
"Die Außenseiterbande" ist voll von Referenzen an die Literatur. Die Figuren bestehen aus Ideen und Charaktere oder reden in Sätzen von London, Eliot, Shakespeare, Queneau, Breton, Verlaine und Rimbaud. Aber auch, passend zum filmischen Konzept an sich, wird das bewunderte Land, die USA, immer wieder zum Mittelpunkt des Geschehens: Nicht nur, wenn Odile eine Coca-Cola trinkt, sondern auch, wenn Franz und Artur auf offener Straße das tödliche Duell zwischen Billy the Kid und Pat Garrity nachspielen. Und so ist auch das Finale des Films den kommerziellen Happy-ends Amerikas gewidmet. Während er bildhaft Charlie Chaplins "Immigrant" rezitiert, verspricht uns Godard als Erzähler, eine Fortsetzung der Geschichte zu drehen, die dann von den Abenteuern der Überlebenden in Südamerika berichtet – "diesmal aber in Technicolor und Cinemascope".
Es kommt nicht dazu, wie wir an der ironischen Stupidität des Off-Erzählers bereits erkennen können. Aber genau dieses wunderbare Spiel aus selbstreflexiver Filminnovation und melancholischer Aufarbeitung der alten Werte – seien es die der Nouvelle vague, oder die der amerikanischen Noir-Filme – erhält der Film seine Kraft. Er erweckt zwei bereits zerfallene Filmkulturen durch Erfrischung und Variation für kurze Zeit wieder neu zum Leben. Der Erfolg des Films, diese zwei Filmbewegungen erneut aufblühen zu lassen (wenn auch nur für die Dauer des Spielfilms an sich), wird durch die Tafelanschrift der Englischlehrerin, dass Klassiker modern seien, bestätigt. "Die Außenseiterbande" ist somit ein postmodernes, mit vielen Zitaten gespicktes Spiel mit Godards eigenen Vorstellungen vom Kino. Und Godard ist Kino, spätestens seit den Anfangscredits, in denen er sich selber als "Jean-Luc Cinema Godard" führt, anstatt sich mit einem "Directed by" abzugeben. Ein wunderbarer Film!