Die Vorgeschichte:
"An Evening at the Movies" - das kann so herrlich sein. Vor allem wenn sich die Filmindustrie, die Verantwortlichen, die Stars mal selbst die Ehre geben. So wie gestern: da fanden sich Regisseur, Darsteller und Produzent einer ungewöhnliche independen Independantproduktion aus deutschen Landen bei uns im Kinosaal ein, um ihren neuesten und allerersten 3D-Independant-Film vorzustellen und zu promoten.
Angedacht war ja laut Werbung die Vorführung samt Diskussion mit eben den Anwesenden im Anschluß zu einem knuffigen Vorzugspreis von 13 Öcken bar auf die Kralle. Eine Narr, wer da nicht zugreift. Offenbar geht es aber mit unserem Land bergab, denn nur ca. 10 Leute wollten dieses aufsehenerregende Angebot nutzen, weswegen das verantwortliche Kino mal schnell noch gratis 50-60 Kinokarten gratis rauswarf, damit der Regisseur sich nicht jedem Zuschauer persönlich vorstellen mußte.
Für halbgare Kulisse nun gesorgt und die Presse abgefrühstückt, stellten sich die - gar nicht unsympathischen - Besucher in Gestalt von Axel Wedekind (Darsteller) und Stephen Manuel (Regie) vor die beschauliche Masse und ließen dann genau die leicht abgenudelten Werbesprüche ab, die in allen Pressemitteilungen stehen und helfen sollen, einen in 10 Tagen runtergerissenen Film als möglichst sensationelle Leistung herauszustellen. Vor allem wurde man nicht müde zu betonen, daß Herr Wedekind mit seiner darstellerischen Leistung ja den Darstelleraward beim "Fantasporto"-Festival in Portugal gewonnen hätte, was rückblickend nur damit zu erklären wäre, daß a) alle Jurymitglieder tierisch besoffen oder blind waren oder b) das Teilnehmerfeld eher mies, denn schließlich gewann auch der solide, aber wenig überragende "Two Eyes Staring" gleich den großen Preis.
Aber, so wurde man ausgelassen bis bierselig informiert, gibt es solche Hasardeur-Horrorfilme in Deutschland ja viel zu selten und ins Kino kommen sie auch nie und deswegen sei das ja ein enormes Ding, noch dazu in 3D und im übrigen müsse man dann gleich weiter nach Hamburg, wo noch die nächste Premiere anstand.
Wer jetzt vermutet, daß man sich besser nicht den Fragen im Anschluß an den Film stellen wollte, in dem Bewußtsein, daß die Kritikermeinung von "totaler Schrott"(überwiegend) bis "total geil" (vereinzelt) wie vorher ausgelobt, der könnte richtig liegen...
Der Film:
Das also ist jetzt "Iron Doors - 3D", Deutschlands Antwort auf kleinen, überschaubaren, innovativen Survivalhorror der Marke "Buried" aus der Richtung derer von "Saw", zumindest konnte man aus der Fachpresse genau jenes erwarten.
Das sollte nicht ganz stimmen, aber man kann den Machern nicht vorwerfen, sie hätten nicht genau das versucht.
Also: ein Mann wacht nach durchzechter Nacht in einem verschlossenen Tresorraum auf und hat nichts in der greifbaren Nähe, außer einem verschlossenen Spind und einer toten Ratte. Handy geht nicht (hihi), also regt man sich erstmal tierisch auf und benimmt sich so, wie man es wohl von einem chauvinistischen, agressiven, nicht sonderlich intelligenten Arschloch erwartet: man flucht und flucht und flucht und zwischendurch droht man auch mal. Als er den Spind erstmal offen hat, findet er ne Schweißerausrüstung und Hammer mit Meißel und findet dann nach dem Try-and-Error-Prinzip raus, daß er sich wohl durch die Wand meißeln muß.
Das Problem: bis dahin sind erst so um die 35 Minuten rum und der Film hängt einem jetzt schon zum Hals raus. Es ist nicht die spartanische Atmosphäre, das leise Dauerdröhnen im Hintergrund, die grauen Bilder, es ist (bis dahin) grundsätzlich nur die nervtötende Hauptfigur, die furchtbaren Monologe und der immens affektiert wirkende Versuch Axel Wedekinds, sich mittels "Method Acting" in den Charakter so eines unbehauenen Arschlochs hineinzuversetzen. Was übrigens nicht in einer Phase des Films funktioniert, es wirkt wie ein angesoffener Prolo beim Charadespielen, der mangelnden Einfallsreichtum durch viele "Fucks" und Morddrohungen kompensieren will. Sofern von dieser Art der Monokommunikation mal abgesehen wird, sabbelt die Figur irgendwelchen witzig gemeinten Stuß, während sie so heroische Taten wie Madenessen oder Pissetrinken vollzieht. Das Trinken von Urin nimmt übrigens einen gehörigen Teil des Skripts ein, vermutlich weil man sich den Tabubruch des Tote-Ratte-Essens schlichtweg nicht traute. Und daß niemand in fünf Tagen hier richtigen Stuhlgang zu verrichten hat, naja, das wird schon niemandem auffallen, oder?
Nachdem nun endlich ein Loch in der Wand ist, nach endlosem Gesabbel, Gedrohe und Gegreine, kommt unser Held endlich jenseits der Mauer an und siehe da: noch ein Tresorraum, darin eine Stehlampe und ein Sarg, darin eine hübsche Afrikanerin, die leider kein Deutsch und auch kein Englisch spricht. Kommunikation mäßig, viel Geschrei, bemüht witzige Oneliner und am Ende spendiert er wieder mal seinen Schuh für ein frisches Urinzuprosten, bevor man sich an die nächste Mauer macht.
Nun ist man aber am Ende seiner Kräfte - und das muß der Punkt gewesen sein, wo Debütautor Peter Arneson die Idee ausgegangen ist. Denn von diesem Punkt an wirds zunehmend bizarrer, die Entscheidungen undurchsichtiger und ich möchte sie mal als den bescheidenen bis dreisten Versuch werten, den Film als diskussionswürdig oder kontrovers erscheinen zu lassen, damit die horrorfixierten Nerds im Publikum hinterher was zu labern haben.
Zunächst fängt unser Pärchen das fröhliche Gesinge an, was sowieso immer nur ein Mittel zur Streckung der Filmlänge ist. Dann irritiert man den Zuschauer, indem man die Monologe der Afrikanerin plötzlich untertitelt, während die Dialoge davon verschont blieben. So erfahren wir, daß die Gute offenbar aus Afrika abtransportiert wurde und nicht aus einem gut abgeschotteten Hamburger Vorort stammt. Trotzdem wirkt diese kreative Entscheidung bemerkenswert...inkonsequent...innovativ...kontrovers...doof? Ach, und dann öffnet sich die böse Tresortür beim gemeinsamen Meißeln an der gegenüberliegenden Wand, sofern man NICHT HINSIEHT! Äh ja...is klar...
Der Synchro-Einschub:
Bis zu diesem Punkt sind etwa drei Viertel des Films (also 60 Minuten, die sich anfühlen wie 600) um und bevor ich das Ende wegspoilere (und das werde ich aus Gründen der Vorwarnung tun, also lest MIT SPOILERN weiter oder laßt es), kümmere ich mich mal kurz um das Synchroinferno. Keine Ahnung, wie dieser Film in Portugal präsentiert wurde, in welcher Mischung aus Englisch, Deutsch und Suaheli, auf jeden Fall scheint er nicht auf deutsch gedreht worden zu sein, denn was die aufdringliche, aufgesetzte und peinliche Synchro aus der Titelfigur macht, ist noch penetranter als der depperte Figur an sich - und nicht im Geringsten lippensynchron. Immerhin wurde das schon von der Produktion zugegeben, daß es binnen der ersten 90 Sekunden übrigens den Film albern und amateurhaft wirken läßt, kann auch dieses Geständnis nicht verhindern.
Das Finale:
Hohoho, jetzt machen wir ein Faß auf, denn jetzt erfahren wir endlich mal, wie so richtig diskutable, risikobewußte Desperadoproduktionen aus Deutschland enden.
Nachdem wir also im Rückwärtsgang aus dem zweiten Tresorraum raus sind, geraten wir....in einen Dritten. Juchhe! Diesmal mit Grabstein, Grube und Kristallüster. Nachdem die üblichen Methoden wie Graben oder Meißeln nicht funzen, bettet man sich also zur (ewigen?) Ruhe, bis "Frau" eine ebenso erwartbare wie abgenudelte Idee (gemäß dem spöttischen Gelächter im Saal) kommt: wenn der Machotyp schon kaum mehr ein Glied rühren kann, rühren wir doch mal an seinem Glied. Also zieht sie ihn aus, steigt auf ihn drauf (blöde Onelinerkommentare der Hauptfigur inclusive) und präsentiert auch noch eine absolut atmosphärefreie und keimarme Sexszene (nur "Nippelwetter"). Hinterher ein Schläfchen und siehe da, beim Erwachen sind beide wieder komplett angezogen. Ordentlich, diese Afrikanerinnen...
Inzwischen wird der Blick zur Uhr ("Wie lang können 80 Minuten sein?") schon langsam panisch, aber da öffnet sich von Geisterhand mal wieder die Tresortür und...und...und...und...Harry und Sally stehen im Garten Eden. Vor einer Naturidylle, wie sie sich nur ein mäßiger PC-Designer ausdenken kann. Mit sonnenbeschienen Auen und Wasserfällen. Man gönnt sich ein Lächeln. Abspann!
Was vom Filme übrig blieb:
Nein, liebe Leute, ich fange jetzt nicht das Diskutieren an, was dieser Scheiß eventuell bedeuten könnte, sondern konstatiere nur angesichts der selbsterklärenden Inhaltsangabe (oder eben nicht selbst...na, ihr wißt schon), daß der Nervfaktor einfach ab einem bestimmten Punkt von zunehmend irritierender Unlogik oder vollkommen abstrusen Hilfseinfällen abgelöst wurde.
Angesichts dieser depperten Struktur frage ich mich also erstmal berechtigt, was dieser Hühnerschiß nun in den Kinos zu suchen hat (aus denen er rasend schnell wieder verschwinden wird). Offenbar hat ihn beim Verleih vorher wohl niemand gesehen oder der Produzent hat noch erpresserische Nacktfotos im Schreibtisch, möglicherweise wars ja auch die Präsentation in 3D, die natürlich sofort alle Kinos in Entzücken versetzt.
Wobei noch erwähnt werden sollte, daß die 3D-Nachkonvertierung (die bisher fast immer überflüssig war) hier überhaupt keine Wirkung zeitigt. Man gewinnt zwar (bei den Löchern in der Wand) ein, zweimal das Gefühl für Tiefe, ansonst ist 3D aber leider nichts für Filme, die auf dem Raum von zwei mittelgroßen Kinderzimmern spielen. Insofern: Vermarktungsgadget ohne Sinn und Zweck.
Aber ebenfalls ein Argument dafür, sich nicht allzu lange in der Nähe des Publikums bei der Ansicht aufzuhalten, sonst würde ja noch jemand herausfinden, daß Regisseur Manuel u.a. für den unsterblichen Reißer "Der letzte Lude" zuständig war und auch sonst ausgelastet mit Auftragsarbeiten für so unsterbliche D-Liga-Stars wie Billy Zane, Steve Guttenberg, Corey Feldman oder Stephen "Shark in Venice" Baldwin, mit derer Hilfe er diversen deutschen Nachwuchsdarstellern die Gelegenheit gab, mal in einer internationalen DTV-Premiere zu glänzen. Oder daß Axel Wedekind hier bei seiner sechsten Zusammenarbeit mit dem Regisseur nach endlosen Bitparts, Kleinst- und Nebenrollen seine erste Hauptrolle schultern muß - und damit denkbar überfordert ist.
Oder daß die Jungs einfach ein bißchen Geld zusammen bekamen, schnell einen Film runterrotzten (10 Tage, chronologisch inszeniert) und diesen dann sogar mittels Billig-3D in die Kinos bekamen - da darf man bei der Filmlandschaft in Deutschland ruhig mal auf Ochsentour ausgelassen feiern dürfen.
Das alles gönne ich den Verantwortlichen ruhig mal, das macht "Iron Doors" jedoch leider nicht viel besser. Im Gegenteil, angesichts der Möglichkeit, aus deutschen Verhältnissen mal so einen Film inszenieren zu können, verlangt nach dem Besten, was zu haben ist, nicht nach dieser halbgaren Leckt-uns-doch-Variante von einem Drehbuch.
Technisch ist der Film einigermaßen ordentlich geraten, nicht gerade einladend, aber doch eine gute Location für einen sparsamen Survivalhorror der modernen Sorte (von "Saw" hat der Film übrigens gar nix, falls das noch jemand denkt), durchaus atmosphärisch und ungemütlich. Leider nur bis zum ersten Loch in der Mauer, denn ab da gehts tierisch bergab und das bringt wieder mal den Beweis, daß man nicht jeden Kokskurzschluß im Gehirn für eine veritable Filmidee halten sollte.
Da die Genrefachpresse ("Deadline") aus diesem Murks jedoch immer noch "philosophische Züge" herausliest, in dieser Miniaturumgebung von "räumlicher Tiefe" des 3D-Einsatzes schwafelt und die nervötend-gestelzten und nicht im Mindesten realistischen Schimpf- und Fluchtiraden dieses Pappmache-Charakters als "charakterliche Tiefe" mit "sarkastischen Selbstgesprächen" in Verbindung bringt, wirds auch dieser Film wieder sehr weit bringen.
Ich wollte auch nur mal davor gewarnt haben, denn weder die Genrefachpresse noch ich haben gutes Geld für diesen "Turkey" bezahlt (und die Genrefachpresse steht natürlich generell unter Belobigungsdruck von den Verleihen), der Rest der Menschheit muß aber echte Kohle dafür abdrücken und das wäre angesichts der Stilsicherheit, der dramaturgischen Leichtigkeit und dem diskutablen Risikoende von Daniel Stamms erster Großproduktion "Der letzte Exorzismus", der alles richtig macht, was "Iron Doors" falsch macht, wirklich schade.
Das nächste Mal dreht ihr besser erst, wenn ihr wirklich ne Idee habt. Lernen Filmstudenten schon im ersten Semester. (2/10)