"Red State", oder Kevin Smith gegen den Rest der Welt. Die chronische me-against-the-workd-Attitüde des Regie-Einzelgängers ist ja nichts neues mehr. In "Red State" erreicht sie jedoch ihren (hoffentlich) entgültigen Höhepunkt. Aus jedem Frame dieses Machwerks tropft die Verachtung: für Amerika, für die Filmindustrie, für die Jugend, die Religion und die Poilitk, letztendlich aber auch für die Zuschauer, und spätestens da geht Smith mindestens einen Schritt zu weit.
Smith ist derart versessen darauf, mit den Erwartungen des Publikums zu brechen, dass er seine Figuren reihensweise über den Haufen ballern lässt, nur damit es das ist, was man in der jeweiligen Szene gerade am wenigsten erwartet. Nicht, dass es um irgendeine Figur schade wäre, denn Smith macht sich gar nicht erst die Mühe, irgendwelche Empathie für seine Figuren zu wecken. Offensichtlich verachtet er sogar seine eigenen Schöpfungen,und da fragt man sich als Zuschauer wirklich, wozu er überhaupt ein Drehbuch über die schreibt.
"Red State" beginnt wie eine Sparversion von "Hostel", nur dass einem die Figuren sogar noch mehr am Arsch vorbei gehen. Anstelle von kommerzialisierten Foltermördern sind es hier religiöse Fanatiker, die ihre Fangarme nach der verkommenen amerikanischen Jugend ausstrecken. Diese mischt Smith mit reichlich polemisiertmn, religiös aufgeladenem Schwulenhass, aber nicht aus irgendeinem politischen Interesse daran, die Missstände in amerikanischen Predigerkreisen bloszustellen - nein, Smith geht es dabei bestenfalls um einen Aufhänger für seinen Plot (zu mehr als Prügelknaben sind Homosexuelle ihm auch nicht zu gebrauchen), um ein bisschen bösen comic relief, und natürlich darum, wieder mal möglichst vielen Leuten ans Bein zu pissen, weil Kevin Smith eben Kevin Smith ist. Von der satirischen Schärfe aus "Dogma" ist hier nichts mehr geblieben. Was zählt ist das Fuck You! aus Prinzip.
Einen zumindest im Ansatz originellen Dreh bringt Smith in das Szenario, wenn die Gesetzeshüter sich in das Geschehen einmischen und dabei mindestens ebenso rücksichtlis und menschenverachtend zu Werke gehen wie die schwer bewaffneten Jesus-Hillbillies. Staat und Polizei mag der Kevin offensichtlich ebenso wenig, und dass sämtliche im Film auftauchenden Fronten jenseits jeglicher Glaubwürdigkeit agieren, kratzt den selbsterklärten Regie-Anachristen auch nicht weiter. Hauptsache, auch der letzte Depp im Publikum hat geschnallt, dass Kevin Smith ja total badass ist.
Aus dem Material so etwas wie eine Story zu stricken, hat ihn offensichtlich auch nicht weiter interessiert. Da Smith sich nicht für die Figuren interessiert, tut der Zuschauer das genauso wenig. Man bleibt die ganze Zeit außen vor und keine der Figuren ist einem mehr als egal. Dementsprechend gering ist auch der Effekt, wenn wieder eine der Figuren unerwartet ins Gras beißt. Im Resultat bedeutet das, dass "Red State" einfach kein bisschen spannend ist und damit weder als Horrorfilm noch als Thriller taugt.
Für eine Satire ist er leider auch längst nicht clever genug und für eine Komödie, auch für eine schwarze, fehlt es weitestgehend an Humor. Lediglich John Goodman kann hier und da etwas Auflockerung und ein paar Oneliner in die möchtegern-skandalöse Ödnis einstreuen, aber im Wesentlichen gibt Smith keinem der an sich talentierten Schauspieler wirklich etwas, mit dem sie arbeiten könnten.
Als Actionfilm taugt "Red State" ebenso wenig, auch wenn den halben Film lang nur geballert wird. An Action-Choreographie fällt Smith nichts weiter ein als alternierend schießende Menschen und getroffene Menschen hintereinander zu reihen. Ein Action-Regisseur war er ja noch nie, aber seine inszenatorische Schwäche als Regisseur ist mir bisher in keinem seiner Filme so ins Gesicht gesprungen.
Hier und da hat "Red State" durchaus seine Momente, besonders im letzten Akt, der tatsächlich noch mit ein paar interessanten Wendungen aufwarten kann. Für ein paar gute Skriptzeilen hier und da ist Smith sicherlich immer noch gut. Aber dabei ist er längst nicht mehr so treffsicher wie früher. Insgesamt macht er einfach viel zu wenig aus seinem Material, weil er zu sehr damit beschäftigt ist, der ganzen Welt - und das schließt sein Publikum ein - vors Schienbein zu treten, anstatt sich auch mal Gedanken um siene Geschichte zu machen.
Was Smith dazu geritten hat, einen Film zu drehen, der nach allen Seiten nur Hass und realitätsferne Polemik um sich wirft und sich dabei nicht mal mehr um seine Zuschauer kümmert, ist mir fern jeglicher Begreifbarkeit. Und nein, der Film ist auch nicht politisch und schon gar nicht subversiv. Dafür arbeitet Smith einfach nicht pointiert genug. Letztendlich dient ihm die Leinwand nur als Bühne zur Selbstdarstellung seines gewollt rebellischen Egos, das nach allen Seiten nur Gift und Galle spucken will.
Einige mögen das radikal finden, überzeugte Kino-Masochisten vielleicht sogar aufregend. Ich persönlich schwanke zwischen angeödet und angepisst und bin versucht, Kevin Smith seine von der Leinwand geschleuderte Verachtung zurück zu tragen. Wenn er den Film in seinem obligatorischen Cameo mit "Shut the fuck up!" beendet, ist man sehr versucht, ihm das gleiche zu sagen.
Bleibt zu hoffen, dass sich Smith mit "Red State" seine Dämonen von der Seele gedreht und in seinem nächsten (und angeblich letzten) Film wieder irgendwas zu sagen hat. Das hier muss sich wirklich keiner antun!