Nachdem „Cop Out“, sein erster Versuch aus den vertrauten Bahnen der Slackerkomödie auszubrechen, durch einen strapaziösen Dreh inklusive wenig motiviertem Hauptdarsteller, schlechte Kritiken und ein maues Abschneiden an der Kasse zum Mini-Waterloo wurde, hatte Kevin Smith genug von Hollywood, drehte „Red State“ unabhängig und holte zum wütenden Rundumschlag aus.
In den Red States im Süden, da wohnen nicht nur die Rednecks, sondern auch die religiösen Fanatiker. Fanatiker, die so extrem sind, dass sich selbst KKK von ihnen distanziert. Fanatiker wie Reverend Abin Cooper (Michael Parks) und seine Five Points Trinity Church, die nicht nur gegen Schwule hetzen, sondern diese ebenso umbringen wie alle anderen, die in ihren Augen sündig sind. So wie ein Trio männlicher Jugendlicher, die auf eine Kontaktanzeige in der Erwartung von Gruppensex antworten, von Coopers Gefolgsfrau Sara (Melissa Leo) jedoch nur geködert wird, damit man ihnen den Scheinprozess machen und sie lynchen kann. Kurzum: Vollkommen überzeichnete Sektierer, gegen die eigentlich jeder mit gesundem Menschenverstand etwas hat, aber das soll dann also die dolle und tiefgreifende Religionskritik sein. Immerhin: Als galliger Angriff auf die christliche Rechte in den USA ist das tatsächlich noch der gelungenste Part des Films.
Weil das Fanatikervolk allerdings auch einen Hilfssheriff abknallt, steht das ATF in Filmhälfte zwei unter der Führung von Agent Joseph Kennan (John Goodman) auf der Matte und soll für Ordnung sorgen. Doch die Sektierer verschanzen sich, ganze Familien mit Kindern. Da liegt die Waco-Belagerung von 1993 intra- wie extradiegetisch in der Luft, eines der großen Fiaskos amerikanischer Terrorbekämpfung und der Zuschauer ahnt schon wohin die Reise gehen wird.
Während die Gefangenen und nicht ganz verklatschte Kirchenmitglieder noch daran denken wie sie am besten mit heiler Haut davonkommen, so spitzt sich die Lage weiterhin zu. Denn es ergeht das Kommando an das ATF nach einem Fehler alle potentiellen Zeugen zu beseitigen…
Eine Satire auf Behörden und Kirche sollte es werden, geworden ist es ein Rundumschlag mit dem Holzhammer, der frappierend an Uwe Bolls ähnlich missratenen „Postal“ erinnert. Die Behörden sind also unfähig, Keenan steht allein als kompetenter Mann auf weiter Flur, doch auch der zurückgenommene ATF-Agent taugt nicht als Identifikationsfigur. Soll er auch nicht, denn hier sind fast alle egal bis unsympathisch, mögen es nun notgeile Teenager, leichtgläubige Gesetzeshüter oder verbohrt-fundamentalistische Menschenfeinde sein. Dazu gebraucht Smith einen vermeintlichen Kunstgriff inflationär, nämlich Figuren kurzfristig zu Sympathieträgern aufzubauen um sie dann ein paar Szenen später sterben zu lassen. Und gerade in dieser Häufung wird der vermeintliche Bruch mit konventionellen Erzählstrategien genauso vorhersehbar wie diese.
Mehr noch: Es ist der Ausdruck eines zutiefst asozialen Menschenbildes, ein Bruch mit dem bisherigen Werk des Regisseurs, der sonst immer so viele Sympathien für seine Figuren hatte. Doch wer gegen Menschenhass und für mehr Vernunft mit dem Holzhammer predigt, dann aber selber weder Sympathien für seine Figuren aufbringt noch Alternativen aufzeigt, der schwächt damit seine Kritik ab, zumal diese „Red State“ auch noch furchtbar einfältig ist und dermaßen offene Türen einrennt, dass Smith sich von so viel Schwung getragen fast zwangsläufig auf den Hintern setzen musste. Amerikanische Behördenfehler sind, gerade durch Vorfälle wie Waco oder auch die Massenvernichtungslüge aus dem Irak-Krieg bekannt, die christlichen Fanatiker sowieso alles andere beliebt, zumal Smith hier an der Oberfläche bleibt: Bis auf eine Jüngere, die bald nur herauskommen und die Kinder retten möchte, sind fast alle anderen Sektierer grobschlächtige Karikaturen. Seine Fanatiker sind ein Fakt des Films, der präsentiert, aber nie analysiert wird. Wie funktioniert die Rhetorik der Führerfigur Abin Cooper? Wie hat er seine Fanatikerfamilie organisiert und indoktriniert? Warum haben solche offenkundigen Psychopathen einen Zulauf? Aber das ist Smith egal, Hauptsache feste druff, wirklich spitzfindige oder tiefgehende Beobachtungen zum religiösen Fanatismus in den USA interessieren ihn nicht.
Doch auch filmisch ist „Red State“ uninteressant, auch wenn er nicht ganz ungeschickt Momente des Horrorfilms, des Torture, des Sektenthrillers und des Actionfilms für seine Groteske aufgreift. Doch Smith weiß damit nichts anzufangen: Ironische Brechungen etwa gibt es in den Ballerszenen kaum bis gar nicht, für vernünftige Action sind diese aber zu statisch und einfallslos inszeniert. Das schockierende Potential der Sektierer wird dann geopfert, wenn sie sich – wie alle anderen Beteiligten – als Knalltüten herausstellen. Die „fuck“-reichen Dialoge erinnern an frühere Filme des Regisseurs, sind hier aber in ganz anderem Kontext und ohne deren Slackerwitz eingesetzt. Zum Selbstzitat kommt noch der Fremdklau hinzu: Der Epilog entpuppt sich als Sparversion des „Burn After Reading“-Finales, angereichert mit ein paar Prisen „No Country for Old Men“ – doch die Coens haben das besser hinbekommen.
Dabei ist der Film teilweise gut gecastet. Vor allem Michael Parks als hassenswerter Prediger ist echt klasse, während John Goodman vielleicht keine Meisterleistung vollbringt, als einziger halbwegs normaler Mensch unter lauter Durchgeknallten den Film einigermaßen zu tragen weiß. Kevin Pollak kann leider nicht das Potential als Showstealer entfalten, das andere seiner Nebenrollen hatten, Melissa Leo als fanatische Anhängerin ist auch nur begrenzt einprägsam und vom Restcast setzt bestenfalls Kyle Gallner als einer der drei gekidnappten Jugendlichen ein paar Akzente, der Rest geht unter, darunter „Breaking Bad“-Star Anna Gunn.
Was bleibt ist ein zielloser, trotz kurzer Laufzeit ermüdender und fader Rundumschlag, der aber doch nur offene Türen einrennt und nicht einmal halb so gewagt ist, wie Kevin Smith sich das vielleicht vorgestellt haben mag. Ein paar gute Darstellerleistungen, ein paar gute Witze auf Kosten christlicher Fanatiker, aber sonst ohne Faden, ohne Biss und ohne Ziel, in dem überbetont rüden Abmetzeln seiner (meist egalen) Figuren gewollt gewagt und doch nur öde.