Geraldine Page spielt eine Innenarchitektin, die nach einer langen gemeinsamen Zeit von ihrem Ehemann verlassen wird. Ihre Tochter Glyn, gespielt von Mary Beth Hurt, kümmert sich in der folgenden Zeit um die Mutter, die nach der Trennung emotional zusammenbricht. Das führt zu einigen Konflikten mit der zweiten Tochter, einer erfolgreichen Schriftstellerin, die von Diane Keaton gespielt wird. Die dritte Schwester im Bunde, eine Schauspielerin, ist dagegen nur selten zu Besuch, da sie sich meist nicht in der Heimat befindet. Als der Vater wieder heiraten möchte, verschärfen sich die Spannungen in der Familie.
„Innenleben“ wird häufig als ein Wendepunkt in der Karriere von Woody Allen bezeichnet, dabei gibt es eigentlich sehr viele Kontinuitäten zwischen den Werken, die vorher erschienen sind, „Innenleben“ und den Filmen, die danach erscheinen sollten. Auch hier sind die Protagonisten größtenteils bekümmerte bis depressive Künstlerseelen, also Schriftsteller und Schauspieler, die sich über Theaterstücke unterhalten und das titelgebende Innenleben in geschliffenen Dialogen artikulieren. Nur, dass Allen die zwischenmenschlichen Dimensionen diesmal nicht mit seinem Wortwitz auflockert, sondern den Film als Drama anlegt. Unmittelbar nach seinem fulminanten „Stadtneurotiker“, der sich ja auch schon von dem Slapstick der frühen 70er deutlich unterschied, geht der Altmeister hier lediglich einen Schritt weiter und präsentiert ein seriöses Drama, in dem er die zwischenmenschlichen Spannungen in einer Familie untersucht.
Da diese Spannungen mit der Trennung der Eltern sehr deutlich zutage treten, ist „Innenleben“ ein sehr intensives Psychogramm einer etwas zerrütteten Familie geworden. Und Woody Allen taucht tief in dieses Beziehungsgeflecht ein, wobei er vieles aus dem Inneren der Familie enthüllt. Da wäre also Joey, deren größtes Vorbild stets die Mutter war, wenngleich diese für ihre Tochter nicht allzu viel übrig hat. Für den Vater dagegen war sie stets die Lieblingstochter, deswegen liegt diesem auch so viel daran, dass er für die neue Hochzeit den Segen Joeys erhält. Diesen will sie aus Loyalität zur Mutter aber nicht erteilen. Joey kümmert sich als einzige um die Mutter, die sie früher so bewundert hat und lässt dies insbesondere ihre Schwester Renata spüren, die eher mit sich selbst beschäftigt ist. Im Gegensatz zu Joey ist diese als Kreative, als Schriftstellerin, erfolgreich, worunter neben der Schwester auch ihr Mann, ein eher erfolgloser Schriftsteller, leidet. Je tiefer die Mutter in ihrer Depression versinkt, desto stärker verschärft sich auch der Konflikt der beiden Schwestern, wobei die Ankündigung, dass der Vater wieder heiraten will, für den Verlauf der Beziehungskonstellation als weiterer Katalysator wirkt. Vor allem auch dank der durchweg guten Schauspieler weiß dieses menschliche Drama durchaus zu überzeugen. Die Leistungen der übrigen Darsteller stehen der der Oscar-nominierten Geraldine Page in der Rolle der depressiven Mutter jedenfalls in nichts nach.
Was den Unterhaltungswert angeht, wäre aber noch Luft nach oben gewesen. „Innenleben“ wirkt über weite Strecken etwas trist, weil Allen auf seinen auflockernden Witz gänzlich verzichtet. Zudem beschäftigt sich Allen, wie in vielen seiner Filme, auch hier allzu oft mit den kreativen Tätigkeiten und Schwierigkeiten seiner Figuren, mit erfolgreichen Schriftstellern, denen die Kritiker zu Füßen liegen und den weniger erfolgreichen, die unter diversen Schaffenskrisen leiden. Vielleicht hätte Allen sich hier besser allein auf die innerfamiliären Konflikte fokussieren sollen. So wird der Film immer wieder ausgebremst, weil die Kreativen allzu oft über ihre intellektuellen Ergüsse sprechen, womit sie ihre eigentlichen Absichten, Vorwürfe und Streitereien verschleiern. Ohne den Wortwitz anderer Allen-Filme sind Diskussionen über Theaterstücke und kreative Hemmnisse definitiv eher langweilig und überflüssig. „Innenleben“ ist eigentlich immer dann besonders überzeugend, wenn Klartext gesprochen wird, so etwa kurz vor Schluss beim Gespräch von Joey mit ihrer Mutter. Insgesamt ist „Innenleben“ dennoch über weite Strecken unterhaltsam und vor allem zum Ende hin auch emotional packend, wenngleich Allen einen eher distanzierten Blick auf die Familie wirft. Der Altmeister verzichtet dabei weitgehend auf Filmmusik, stattdessen ist häufig das Rauschen der Wellen oder eben nichts zu hören.
Fazit:
Woody Allens Familien-Psychogramm ist emotional vor allem zum Ende hin mitreißend und aufgrund der präzisen Figurenzeichnung sowie der guten Darstellerleistungen durchaus sehenswert. Allen taucht tief in die zwischenmenschlichen Beziehungen, die zunehmend aus den Fugen geraten ein, wobei er erstmals gänzlich auf den Witz seiner vorherigen Werke verzichtet. Dadurch ist „Innenleben“ sehr ernsthaft, aber auch etwas zäh, zumal sich der Altmeister wie so oft allzu sehr mit den kreativen Schwierigkeiten der geplagten Künstlerseele beschäftigt und nicht nur mit den emotionalen Krisen der depressiven Mutter und ihrer Töchter.
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