Patriarchalischer Familienvater mit Sendungskomplex entführt eine "wilde Frau" aus ihrer natürlichen Umgebung und kettet sie in seinem Keller an, um ihr die Segnungen der Zivilisation oder das was er dafür hält, nahe zu bringen bzw. nahe zu zwingen, was natürlich in einer Katastrophe endet.
Das schnuppert natürlich im ersten Moment ein bißchen streng nach einer neuen Folterorgie und einem Hauch Torture Porn, aber diese Verfilmung von Jack Ketchums Buch geht dann doch überraschenderweise einige Schritte (Meilen?) weiter und präsentiert seine Gesellschaftskritik auf einer höheren und noch bittereren Ebene. Und das dann nach einem eher ruhigen Beginn mit immer mehr Nachdruck, abgründigem Grauen und magenschwingender Offenheit.
Alle Erwartungen an einen derben und harten Reißer werden für die erste Stunde erstmal entwertet, denn Lucky McKee, der mit Ketchum das Skript schrieb, beweist auch in dieser Regiearbeit, daß er durchaus eine persönliche Handschrift zu bieten hat, wenn das Material stimmt.
Ob man "The Woman" nun wirklich als Quasi-Fortsetzung zu "The Offspring" ("Beutegier") verstehen soll, bleibt mal dahingestellt, denn nach den Kannibalen des Vorgängers erweist sich die "Wilde" in diesem Film in den Anfangsszenen eher als eine Art verwildertes Naturkind ohne Sprache, die sich ihr Essen fängt und des Nächtens in einer Baumhöhle schläft, wo sie wölfische Träume verfolgen. Eine direkte Gefahr scheint nicht von ihr auszugehen, dafür ahnen die Zuschauer schon Böses, wenn die Antagonisten vorgestellt werden, eine fünfköpfige Familie bei einem typisch amerikanischen Barbequeue, wo der Papi die Mami anweist, ihm mal flott ein Bier zu bringen, weil er am Korbwurfschnitt seines Teenagersohnes und dem verweigernden Verhalten seiner noch etwas älteren Tochter interessiert zu sein scheint. Die scheut derweil vor jungen Männern, während wir schon ahnen, daß im Familienstammbaum einiges im Argen liegt, als der Sohn passiv und ungerührt zusieht, wie andere Kinder seine jüngste Schwester ärgern und quälen.
Ja, "The Woman" liefert die volle Breitseite der dunklen Seite des amerikanischen Traums mit der Farm in weiter Natur, Autos, College und Hunden, denn in Daddy Chris Cleek brodelt es offensichtlich ganz gewaltig, während er seine eher scheue Frau dominiert. Die "Wilde" ist dann nur der Auslöser, der die Dinge im maroden Familienverbund erst mal so richtig zum Schwingen bringt, nachdem Daddy in seinen Allmachtsphantasien, die offenbar von sexuellem Sadismus und Sendungsbewußtsein geprägt sind, das Mädchen erst betäubt und dann im Sturmverschlag christusgemäß ankettet.
Daß er sich mit diesem Heimwerkerprojekt überschätzt, ahnt man spätestens, als er der "Sklavin" mal die Beißerchen prüfen will und dabei gleich einen Finger verliert.
Doch so leicht geben aufrechten Amis natürlich nicht auf, also wird die Gute gereinigt (abgekärchert), gefüttert und ein Kleid wird auch geschneidert, wobei die Versuche der Kommunikation nicht eben auf Gegenliebe stoßen, schließlich hängt das wehrhafte Mädel unbequem am Stützbalken. Doch die Dinge geraten in der Folge immer mehr in Bewegung, wenn die Lehrerin der ältesten Tochter richtig schlußfolgert, daß ihre Schülerin schwanger ist und man alsbald registriert, daß Dad da wohl seine Finger bzw. seinen elften davon im Spiel hatte. Daß der Sohnemann derweil seine Augen gar nicht mehr von der Haussklavin lassen kann und seine Frustration aus der Schule (er verliert gegen ein Mädchen beim Basketball und weiß sich ihr nur zu nähern, in dem er ihr Kaugummi in die Haare befördert) in sexuell ziemlich unguten Foltertendenzen auslassen kann.
Bei der Dame des Hauses mehren sich alsbald Frustrationen, die Tochter verfällt in zunehmende Panik und daß er sich einen Sadisten als Erben herangezüchtet hat, scheint Dad auch noch zu gefallen. Daß sich die sexuell offen gezeichnete (und lesbische) Lehrerin schließlich in ihrer Funktion und Stellung zu den Schülern enorm überschätzt, was die Abgründe der Familie angeht, führt dann schließlich ins Verderben.
Erst in den letzten 20 Minuten von "The Woman" fliegt für den Horrorfan die Kuh so richtig, dann endlich kommt all das zum Einsatz, was sich bisher nur angedeutet hatte, bricht all der Haß und die Gewalt aus, die bisher vor sich hingegärt hatte.
Da kotzt der Heimsadist seinen Frauenhaß quer über die Weide, der Sohn tut es ihm nach und folgerichtig werden dann die Hottentotten aus dem Wald von der Kette gelassen, wobei der Film noch mit einer zusätzlichen, äußerst unangenehmen Überraschung aufwartet, die die Abgründe noch etwas vertieft.
Der Gewaltausbruch ist schwer zu ertragen, funktioniert aber trotzdem wie eine Art Erlösung, denn bis dahin staut der Film 70 Minuten lang zunehmend Frustrationen und Aggressionen bei den Figuren und dem Publikum an. Immer schlimmer werden die entlarvten Hintergründe, immer finsterer die Vorlieben und Einstellungen der Figuren. Das konservative Amerika hat bei Ketchum nichts zu lachen, alles heimliche Finsterlinge und Kellerfolterer, die ihre Ehefrau für einen Fick mit einer angeketteten Eingeborenen gern im Bett zurück lassen, hier in den malerischen Weiten ist der Mann noch ein Mann.
Doch das System zerstört sich schlußendlich selbst, weil keinerlei Impuls- oder Triebkontrolle mehr besteht, selbst ohne die "Frau" wäre das hier präsentierte marode Familienkonstrukt vermutlich irgendwann zusammen gebrochen.
Möglicherweise ist die kurze, aber enorm heftige Gewaltorgie am Schluß eine zu einfache Lösung, doch sie macht auch vor Feigheit, Duckmäusertum und passivem Fatalismus nicht halt. Doch selbst in diesen Szenen bekommt der Film nicht im Mindesten einen feministisch geprägten Aufwind, stattdessen behält er den frauenfeindlichen Kurs mit zum finalen Blutbad durch. Die einzige Hoffnung, die der Film vermittelt, besteht in den Kindern, den Naiven, den Unschuldigen, den Ungeborenen und Reinen, die man noch "zurück zur Natur" führen kann, die Zivilisation erweist sich hier stattdessen als leere, tote Hülle, die sarkastisch von der dominierenden Figur ad absurdum geführt wird.
Sean Bridgers erledigt in "The Woman" einen Höllenjob als Chris Cleek, eine nuancierte, fiese, verabscheuungswürdige Figur, deren Untiefen erst nach und nach offenbar werden und die in ihrer Funktion auch noch einen gewissen Witz sieht, den Spaß in der Dominanz, die perverse Ulkigkeit im Quälen schwächerer Kreaturen. Aber auch das übrige Ensemble spielt nicht nur vom Blatt, sondern kreiert eine geradezu unerträgliche Intensität, die man bis zum Exzess am Schluß kaum noch ertragen kann. Wenn das Patriarchat schließlich in sich zusammen fällt, weil sie die Kontrolle selbst längst verloren haben, als sie sich mit einer weiblichen Figur zuviel umgeben haben, die nur durch Heimtücke zu kontrollieren war, dann packt das Publikum die Erleichterung, aber nicht die Erlösung, denn das schwarze Herz der Zivilisation schlägt sicherlich irgendwo anders weiter. Die großartige Pollyanna McIntosh, die hier der grunzenden Waldchimäre selbst unter Schmutz und Blut noch etwas subtil Menschlicheres verleiht, als all die schönen Menschen in ihren hübschen Alltagsklamotten, zieht sich am Ende wieder zurück zur Natur, um ihrerseits eine Familie zu gründen.
Das klingt doch ganz nach einem Film. (8/10)