Review

Die australische Regisseurin Julia Leigh beschert uns mit ihrem Regiedebut eine recht eigenwillige Version der „Dornröschen“-Thematik:
Studentin Lucy (Emily Browning) nimmt jeden Job an, der sich ihr anbietet und schnelles Geld verspricht. So jobbt sie als Bürogehilfin, Reinemachfrau in einer Bar, sie gibt sich sogar als Testperson für Laborexperimente her. Eines Tages wird ihr ein Job in einem noblen Anwesen angeboten, bei dem sie – halb nackt und umgeben von Lustsklavinnen in tittenfreien BH’s – der Tischrunde eines elitären Kreises älterer Männer Weinbrand einschenken soll. In diesem Haus werden jedoch noch ganz andere sexuelle Gelüste umgesetzt und Exzesse gefeiert. So kommt es, dass sich Lucy schließlich dazu bereit erklärt Schlafmittel zu nehmen, um dann den Herren des Hauses als willenloses, unweckbares Liebesobjekt zu dienen…

SLEEPING BEAUTY ist in vielerlei Hinsicht harte Kost. Frauen werden zu Sklaven und Dienerinnen degradiert. Lucy wird einmal dazu gezwungen sich die Lippen in der Farbe ihrer Schamlippen zu bemalen, was dann auch auf Richtigkeit kontrolliert wird. Der elitäre Klan älterer, komplett anonymer Männer erinnert stark an die dekadenten Herren aus 120 TAGE VON SODOM. Anonymität ist ein großes Thema im Film. Über Lucy erfährt man nur, dass sie studiert, Drogen nicht abgeneigt und sexuell offen ist und anscheinend in Geldnöten steckt, weswegen sie jeden x-beliebigen Job annimmt. Um welche Art von Not es sich dabei handelt oder ob sie nur einem übertrieben verschwenderischen Lebensstil frönt, bleibt dem Zuschauer verschwiegen. Deutlich wird nur, dass, obwohl sie die ganze Zeit ackert, nichts gebacken bekommt, also trotzdem ständig mit der Miete überfällig ist und ihr Studium vernachlässigt.

Anonymität und zwischenmenschliche Kälte wird auch perfekt von Hauptfigur Lucy (fabelhaft gespielt von SUCKER PUNCH-Girl Emily Browning) verkörpert. Sie ist bildhübsch, beinahe makellos schön, ein Porzellanpüppchen mit elfenbeinweißer Haut, verzieht aber nie die Miene, lächelt nie und gibt auch sonst keinerlei Hinweise preis, dass sich auf der emotionalen Ebene irgendetwas in ihr abspielt. Sie ist das devote Geschöpf, an dem die alten Säcke ihre schmutzigen Gelüste ausleben, während Lucy im Dornröschenschlaf liegt. Der eine streicheln sie lieb, ein anderer beschimpft und prügelt sie aufs Ärgste. Geboten wird viel Nacktheit, Sex ist jedoch im ganzen Film nicht zu sehen. Dieser und weiteres bleiben der Phantasie des Zuschauers überlassen.

Was will uns dieser Film also sagen? Handelt es sich um Kritik an der Ausbeutung der Jugend, wie sie in den Medien praktiziert wird? Wenn man bedenkt, welch verschwindend geringer Prozentsatz der Bevölkerung jung und hübsch ist und welch gigantische Mehrheit den Idealen, die uns Modelshows und Popstars vorleben, nicht gerecht werden, sollte man doch eigentlich zu dem Schluss kommen, dass diese Ideale unrealistisch und ablehnenswert sind. Dennoch hastet ein jeder ihnen hinterher und versucht sie zu erreichen. Spinnt man den Faden weiter, ab wann man als alt und verbraucht gilt: 50? 40? Gar schon ab 30? Im Film betrauert ein reifer Herr seine verlorene Jugend und zitiert dabei aus Ingeborg Bachmanns „Das dreißigste Jahr“, welches eigentlich die Unsicherheiten des Erwachsenwerdens tilgen will („Steh auf und geh! Es ist dir kein Knochen gebrochen!“). Der alte Herr wandelt aber die Intention des Buches ins Negative ab, indem er sagt: „All My Bones are Broken“.

Sado: (+)(-)(-)(-)(-)
Maso: (+)(+)(+)(-)(-)
Pervers-O-Meter: (+)(+)(+)(+)(-) 

Das Dornröschen - ein Sinnbild für Devotion? Ähnlich kalte, unpersönliche Sexualität erlebte man in Filmen wie TOKIO DEKADENZ, TWENTYNINE PALMS oder bei Gaspar Noe. Mehr weibliche Erniedrigung gab’s zuletzt nur in THE WOMAN, DEADGIRL oder HUMAN CENTIPEDE.
Unterm Strich fällt SLEEPING BEAUTY leider nicht 100%ig überzeugend aus, da das Finale keine Lösung präsentiert und etliche Fragen zur Aussage des Films offen bleiben. Genau diese Punkte sind es aber zugleich, die den Film sehr interessant und sehenswert machen.

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