Lassen Sie sich vom Cover nicht täuschen! Das ist nicht repräsentativ.
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"Sleeping Beauty" könnte auch "Die Gegenwart" oder "Contemporary" heißen, so erstaunlich reiht dieser unglaublich gute, unwahrscheinliche Film wie beiläufig mitunter Szenen aneinander die zumindest abseits technischer Errungenschaften das frühe 21. Jahrhundert in dieser westlichen Welt ganz hervorragend und treffend beschreiben.
Von der Szene wo die Filmheldin ihre Kreditkartendaten auswendig ansagt, über die mit der Frau im öffentlichen Verkehrsmittel, den Greis der sich ausgiebig an Ingeborg Bachmanns "Das dreißigste Jahr" erinnert, usw. Absolut souverän.
Womöglich hab ich seit "Ran" und Bunuels "Milchstraße" keinen besseren Film gesehen.
"Sleeping Beauty" ist ein Film der obwohl er eigentlich glamouröse Fetische beschreibt kaum je wirklich glamourös ist, sondern durchwegs in einer starken Realität grundiert wirkt, dabei an nachvollziehbaren Charakterzeichnungen aber auch nicht unbedingt interessiert erscheint: zunächst dachte ich nach dem Cover überall, es würde sich um irgendeine vorgeblich halb-erotische Jane-Austen-Schmonzette handeln. So sehr kann man sich irren -
Ja ehrlich gesagt hätte ich so einen Film einer jungen australischen Regisseurin den "Sucker Punch"-Star Emily Browning gar nicht zugetraut, die ihre Rolle hier erfreulich ähnlich spunky anlegt: tatsächlich ist "Sleeping Beauty" thematisch natürlich in erster Linie mit dem französischen "Student Services" zu vergleichen, behandelt es doch auf eine ähnliche Weise die Probleme der Dienstleistungsgesellschaft für junge Frauen die ihre Körper zeitweise verkaufen um ein angenehmeres Leben zu haben.
Dass der Film damit nicht nur sexuelle Prostitution, sondern auch medizinische Menschenversuche und andere erniedrigende Arbeiten meint welche diese Gesellschaft(en) aus einer Laune oder über entsprechende Vorstellungen von "Anstand" heraus (ob christlich motiviert oder nicht) unverständlich mehr würdigen, wird gleich zu Beginn deutlich gemacht, als sich die Heldin gegen Entgelt von einem "Arzt" an der Uni irgendein Objekt in den Magen schieben lässt. Auf die Szene wird im Film bestechender Weise auch noch zurück gekommen: genau so wie sich Arbeit selbst wiederholt, wiederholt sie sich hier auch neben der Prostitution, etc.: soll heißen sie prostituiert sich zwar sexuell, macht in einem anderen Job aber weiterhin noch Fotokopien. So kann einer vermeintlich "anständigen" Gesellschaft auf wundersame Weise auch ein Spiegel vorgehalten werden.
Überhaupt ist "Anstand" das entscheidende Wort im Film. Es kommt häufig vor, in verschiedenen Variationen: die Frau wird als unanständig deklariert und sie äußert sich politisch auch mehrmals dagegen, also gegen "Anstand". Der Film ist so auch ein wohltuender Gegenpol zur germanofaschistischen Eheverherrlichung und verordneten Zurückhaltung eines "Brownian Movement". Seit der Borowczyk tot ist habe ich sowieso keinen neuen Film mehr erlebt, der so offensiv mit "Anstand" umgegangen wäre wie "Sleeping Beauty".
Anders als "Student Services" ist "Sleeping Beauty" jedoch kein Psychogramm - über das Innenleben der Heldin erfährt man bis zum Schluss nur sehr sehr wenig. Man erfährt, dass ein Süchtiger im Endstadium ihr bester und scheinbar auch einziger wirklicher Freund ist - eine Erscheinung die aber durchwegs surreal rüberkommt und wie imaginiert auftritt. Man erfährt dass sie für sexuelle Abenteuer dispositioniert lebt. Über Wiederholungen in einer Bar bleibt jedoch unklar, ob sie dort nicht schon als Prostituierte nach westlichen Maßstäben arbeitet - die Agentur bei jener sie letztlich als "Sleeping Beauty" arbeitend landet ist nämlich kein Sex-Escort im eigentlichen Sinne, sondern vermittelt eher Fantasien und Erotik wie sie in Japan öfter angeboten werden: mal abgesehen davon eben, dass sie ihre "Mitarbeiterinnen" unter Drogen setzt und potentiell Perversen aus. Wie es in dem Film überhaupt mehr um Drogen als um Sex geht. Konsum diverser Drogen scheint auf vielfältige Weise den Alltag vieler Leute in dem Film zu bestimmen. Deren Chefin, großartig Rachael Blake, wird sich über das petite Geschöpf jedenfalls so oder so dementsprechend freuen - deren KundInnen, vornehmlich gelangweilte greise Männer mit überkommenen Ehefrauen, scheinen zwar viel Geld zu haben, das Treiben über die Agentur aber auch nie wirklich zu begeistern.
Die Szenen mit diesen zwischen versuchter Zärtlichkeit, verbaler und physischer Erniedrigung und irgendwelchen lächerlichen Körperübungen sollen deshalb wahrscheinlich auch vor allem eines wirken: komisch und bedrohlich zugleich. Dabei zeigt sich auch eine immer wiederkehrende Kameraeinstellung die Browning auf einem Bett liegend zeigt. Eine Einstellung welche in ihrem Arrangement verdächtig an die Schlussszenen aus "2001 - Odyssee im Weltraum" erinnert. Da musste ich mich gleich vergewissern, dass der Film auch wirklich von einer Australierin stammt, und nicht doch ein heimliches Werk eines anderen Lieblingsregisseurs von mir ist, nämlich von Jean-Claude Brisseau dem ich noch am allerehesten so ein Meisterwerk zugetraut hätte.
Für eine deutsche Moralgesellschaft und deren Rein-Raus-Logiken über sexuelle Selbst- oder Fremdbestimmungen ist dieser Film jedoch denkbarst ungeeignet. Er ist für mich sogar sozusagen diese Gesellschaft gefährdend zu nennen. Glücklicher Weise.
Bei so einem überlegenen Film.