Review

Ratlos in Afrika

Westliche Filme über Afrika sind ja ein leidiges Thema, denn allzu oft fungieren der Kontinent und seine Menschen dabei als bloßes Abziehbild des wilden, finsteren Fremden: Weiße Westler finden in beeindruckenden Landschaftspanoramen zu sich selbst.

Wenn nun aber der Autorenfilmer Ulrich Köhler einen Film über einen Europäer in Afrika dreht, sollte man die berechtigte Skepsis beiseite lassen. Als Vertreter der sogenannten "Berliner Schule" unterläuft Köhler mit seinem Film "Schlafkrankheit" viele Erwartungen und kehrt das Vorzeichen ins Negative: Er erzählt von einem Menschen, dem das Fremde hier nicht vertraut wird, sondern der sich zunehmends vom ihm Vertrauten entfremdet, bis er sich selbst fremd geworden ist.

Es geht um den Arzt Ebbo Velten, der in Kamerun mit einem Projekt zur Eindämmung der Schlafkrankheitsepidemie Entwicklungshilfe betreibt. Doch Frau und Tochter, von denen er seit Jahren getrennt lebt, drängen ihn zu einer Rückkehr nach Europa. Velten scheint sich allerdings in Afrika eingerichtet zu haben und lässt sich nicht umstimmen. Drei Jahre später hat er sich vollends von seiner Familie entfremdet und arbeitet weiterhin an seinem Projekt. Doch die Epidemie scheint eingedämmt zu sein, die Hilfsgelder stocken und eine Evaluation seines Projekts steht an. Nun muss sich Velten entscheiden, ob er bleiben oder gehen soll. Er muss sich die Frage stellen, ob er im Afrika, in dem er sich seit Jahren eingerichtet hat, nicht eigentlich immer ein Fremder geblieben ist.

Zwei Nebenfiguren ergänzen hierbei das zentrale Motiv der Entfremdung und bilden die Pole zwischen denen Velten zu lavieren scheint. Da ist zum einen der Zyniker Gaspard, der in kolonialistischer Manier Land und Leute ausnutzt, um sich dort ein schönes Leben einzurichten. Er ist Fremder aus Überzeugung, seine Fremdheit ist sein Kapital. Zwar repräsentiert er das, was Velten eigentlich nicht sein will, doch kann sich Velten von Gaspards Einfluss selbst in den drei Jahren nicht lösen. Zum anderen ist da der junge französische Arzt afrikanischer Abstammung, der zur Evaluierung von Veltens Hilfsprogramm nach Afrika geschickt wird. Trotz seiner Abstammung kommt er mit den Leuten und Lebensumständen nicht zurecht und wirkt hilflos verloren.

Köhlers Hauptfigur Velten bleibt bis zum Schluss kein Suchender auf dem Weg zur Selbstfindung, sondern ein Herumtappender, der sich selbst verloren hat. Von der Familie entfremdet und in Afrika nie angekommen lebt er in einem apathischen Dämmerzustand vor sich hin, als wäre er selbst im Endstadium der Schlafkrankheit. Es bleibt nur Ratlosigkeit. Köhlers Film mit seiner schroffen Bildsprache und seinem seltsam-abrupten Ende lässt einen genau so zurück -- nach fast 90 Minuten, in denen man gespannt auf etwas wartet, wovon man die ganze Zeit nicht weiß, was es überhaupt sein soll. Ich ertappte mich dabei, wie ich noch nach dem Abspann verdutzt auf die Leinwand starrte, als der Vorhang sich schon schloss. Dabei lässt sich die starke Wirkung des Films nur schwer erklären, zehrt wahrscheinlich nicht unbeträchtlich von der Erwartungshaltung, bietet er doch weder spannungsgeladene Gefahrensituationen noch attraktive Naturaufnahmen. Der Blick der Kamera ist vielmehr unbeeindruckt und regelrecht anti-touristisch. Man sieht Figuren durch Schlamm und Urwaldgestrüpp latschen, mal mit dem SUV fahren, mal in Hütten herumliegen. Kein Ausbruch aus dem langsamen Trott. Und in der Nacht ist es auch wirklich zappenduster. Die Menschen kommen sich hier nur selten nahe, die Kamera ebenso wenig, und es herrscht ein rauer Ton untereinander. Gespräche führen oft zu nichts.

Man fragt sich erstaunt, wie so ein spröder Film, ein Understatement von einem Afrikafilm, der einem kaum einen bleibenden Moment hinterlässt, doch als Ganzes eine bleibende, nachdenklich stimmende Wirkung entfaltet.

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