Regisseur Rod Hardy, der in erster Linie für TV-Serien tätig war, überraschte mich mit seinem modernen Vampirfilm „Thirst“, einer australischen Produktion aus dem Jahre 1979. Kate Davis wird jäh aus ihrem Alltag gerissen, als eine aus Vampiren bestehende Geheimgesellschaft auf sie aufmerksam wird, da sie eine Nachfahrin der blutrünstigen Gräfin Bathory sein soll. Man dringt in ihr Privatleben ein und konfrontiert sie immer wieder mit menschlichem Blut, um an ihre verborgenen Gelüste zu appellieren und entführt sie gar in ein absonderliches Camp, dem eine Art Blutfabrik angeschlossen ist. Dort werden Menschen wie Vieh gehalten denen das Blut abgezapft, aufbereitet und den Mitgliedern des elitären Bundes als Nahrung zur Verfügung gestellt – keimfrei, pasteurisiert und homogenisiert.
„Thirst“ benutzt das klassische Vampir-Thema lediglich als Aufhänger für seine moderne Adaption und zeigt eine von der Öffentlichkeit unbemerkt agierende Blutindustrie, in der gutsituierte Vampire gezielt Menschen unterjochen, ihnen im wahrsten Sinne des Wortes das Leben aussaugen und auf der Suche nach jungen, neuen Mitgliedern sind. Wie apathisches Melkvieh erscheinen ihre Opfer, die dem einzigen Zweck dienen, ihren Herren wertvollen Lebenssaft zu „spenden“ und sie damit am Leben zu erhalten. Hardy zeigt den verzweifelten Kampf Kates gegen eine übermächtige Kaste, eine elitäre Dynastie, die tief in den Machtstrukturen der Gesellschaft verwurzelt ist. Durch beständigen Psychoterror soll sie gefügig gemacht werden, um sich der gemeinsamen Sache unterzuordnen.
Von Gothic-Horror oder Blutsauger-Romantik fehlt jede Spur in diesem innovativen Genrefilm. Bewusst modernistisch und mit einer vollkommen ironiefreien Ernsthaftigkeit setzt er sein Konzept um, das wie eine finstere Parabel auf die Industriegesellschaft wirkt. Die Härte des Films entsteht aus seiner unnachgiebigen Konsequenz, nicht aus blutigen Effekten, über die er selbstverständlich auch verfügt. Die Konditionierung Kates hin zum vollwertigen Mitglied der speziellen Gesellschaft ist beschlossene Sache, lediglich die Mittel werden zwischen dem liberalen Dr. Fraser (David Hemmings, „Profondo Rosso“) und der bärbeißigen Mrs. Barker (Shirley Cameron) diskutiert – was bereits zu handfesten Konflikten führt. Beinahe, als würden sich zwei oppositionelle Parteien streiten, die dennoch das gleiche Endziel anstreben.
Dabei bedient sich „Thirst“ der Stilmittel wirkungsvoller Paranoia-Psycho-Thriller, indem er seinem Opfer keinen sicheren Rückzugsort gönnt und seine Peiniger allgegenwärtig und übermächtig erscheinen lässt. Chantal Contouri bemüht sich dabei redlich um eine nachvollziehbare Darstellung ihrer unwirtlichen Situation, lässt es aber etwas an Nachhaltigkeit vermissen. Mrs. Barker und Dr. Fraser stehlen ihr derweil die Show, handelt es sich doch zudem aufgrund der mangelnden Charakterisierung Kates um die interessanteren Figuren. Dafür wirkt sie aber sympathisch und vor allem hilflos genug, um die Empathie des Zuschauers zu gewinnen. Mit Henry Silva („Der Teufel führt Regie“) wurde gar eine kleinere Nebenrolle memorabel besetzt. Die größte Stärke ist neben der kreativen Idee die Dramaturgie des Films, die die Spannungsschraube bis zum Schluss angezogen hält, Realität und Paranoia auch für den Zuschauer ineinander verschwimmen lässt und zum rasanten Ende hin einen Plottwist nach dem anderen bereithält. Stärker herausgearbeitet hätte werden dürfen, was genau der Blutkonsum bedeutet und weshalb Kate auf ihn nicht angewiesen ist.
Ein intelligenter Genrebeitrag aus „Down Under“ mit Ecken und Kanten, keinesfalls perfekt und letztlich auch nicht alle Fragen beantwortend, aber auf relativ hohem Niveau und mit diversen Alleinstellungsmerkmalen gesegnet, die ihn auch heutzutage nicht nur für Genrefans interessant machen, zumal die Faszination für Vampirthemen nach wie vor ungebrochen scheint. Wer modernen, entromantisierten Vampiren, denen offensichtlich weder Knoblauch, noch Sonnenlicht oder Kruzifixe etwas anhaben können, in einem klinischen, kalten Umfeld, das sich dann doch gar nicht so sehr von unserem Alltag unterscheidet, etwas abgewinnen kann, sollte „Thirst“ eine Chance einräumen – einen höheren Bekanntheitsgrad hätte dieser feine Film jedenfalls verdient.