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Seuchen und Viren treiben seit mehreren Jahren so erfolgreich ihr Unwesen im Thrillerkino, dass sie inzwischen ein eigenes Subgenre bilden. Neben Terror und Umweltkatastrophen gehören drohende Epidemien zu den größten Ängsten vor allem westlicher Industriegesellschaften und haben damit der Furcht vor atomarer Zerstörung den Rang abgelaufen. In politischer motivierten Filmen gehen Terror- und Seuchengefahr oft Hand in Hand. Auch die beabsichtigte oder unbeabsichtigte Freisetzung vom Militär entwickelter chemischer Kampfstoffe ist ein beliebtes Szenario. Nicht selten gibt es zudem Querverbindungen zum Horrorfilm, wenn Scharen von Infizierten über den gesunden Rest herfallen und dabei nicht gerade zimperlich zu Werke gehen.

Bei all den 28 days later-Epigonen und Plagiaten ist es daher recht erfrischend, die inzwischen reichlich ausgelutschte Thematik mal ganz anders aufzuziehen. Retreat ist weder bluttriefend, noch actionreich, noch bekommt man das übliche Schutzanzugssetting geboten. Retreat ist ein Drei-Personen-Stück, angesiedelt in einem Ferienhaus auf einer einsamen Insel vor der schottischen Küste.   

Dorthin haben sich Kate (Thandie Newton) und Martin (Cillian Murphy) zurückgezogen, um ihre zerrüttete Ehe wieder zu kitten. Kate hat im vierten Monat ihr Kind verloren und wirft Martin Interesselosigkeit an diesem traumatischen Erlebnis vor. In diese gespannte Atmosphäre platzt der verwundete Soldat Jack (Jamie Bell), der von Martin gerettet wird und mit einer ungeheuerlichen Enthüllung die privaten Probleme der beiden an den Rand drängt.
Angeblich sei bereits ein Großteil Europas einer tödlichen Seuche zum Opfer gefallen. Da das Virus schnell tötet und offenbar keinerlei Impfstoffe zur Verfügung stehen, bleibe ihnen nichts anderes übrig das Haus zu verbarrikadieren und hoffen, dass man irgendwie verschont würde. Die Mischung aus Aggressivität, Tatkraft und felsenfester Überzeugung seitens ihres neuen Mitbewohners zwingt das gleichermaßen überrumpelte wie verängstigte Paar trotz erheblicher Zweifel zunächst zur Zusammenarbeit. Vor allem Martin drängt ob der bedrohlichen Situation zur Kooperation, eine sowohl abwartende wie kompromissbereite Haltung, die von seiner Ehefrau allerdings nur kurzfristig akzeptiert wird ...

Retreat bezieht seine durchgängig hohe Spannung aus der simplen Tatsachen, dass die Protagonisten mit einer mehrfachen Bedrohung konfrontiert werden, die sie insbesondere psychisch immer mehr aufzureiben droht. Der tödlichen Gefahr von außen steht eine nicht minder beunruhigende Situation innerhalb des abgeschotteten Hauses gegenüber. Nicht nur, dass Jack von Beginn an das Kommando übernimmt und die beiden unter Androhung von Gewalt davon abhält den vermeintlich sicheren Rückzugsort zu verlassen. Auch versteht er es geschickt, das bereits vor seinem Erscheinen schwer belastete Verhältnis der beiden Eheleute für seine Zwecke auszunutzen und einen zusätzlichen Keil zwischen sie zu treiben.

Dass dieses nervenaufreibende Kammerspiel bis zum Schluss funktioniert, liegt an dem überzeugend agierenden Darstellertrio. Trotz des geringen Budgets konnte man auf einen namhaften Cast zurückgreifen, der zumindest bei den männlichen Parts überraschend besetzt ist. Der für psychotische und stets unterschwellig gefährlich wirkende Charaktere prädestinierte Cillian Murphy gibt diesmal den besonnenen Ehemann, der Beziehung und Situation retten will. Der häufig introvertiert und zurückhaltend agierende Jamie Bell darf sich dagegen als dominanter Taktgeber austoben, eine Aufgabe die er unerwartet souverän meistert, strahlt er doch angesichts seines unscheinbaren Äußeren eine enorme Gefährlich- und Bedrohlichkeit aus. Die häufig unterschätzte und gern auf den niedlichen Blickfang reduzierte Thandie Newton überzeugt schließlich als ebenso unberechenbarer Konterpart, der sich in einer schwer kalkulierbaren Grauzone aus Widerstandsgeist, nervöser Überspanntheit und Trauma-bedingter Resignation bewegt.

Die Personen handeln nicht immer logisch bzw. nachvollziehbar, auch ähneln sich einige Situationen etwas zu sehr und bremsen damit die insgesamt clever konstruierte Spannungskurve ein ums andere Mal unnötig aus.
Dank der konsequenten, drastischen und teilweise auch überraschenden Auflösung sind die genannten Mängel aber letztlich verschmerzbar. Wenn Retreat auch kein fulminanter Sturmangriff auf das zuletzt doch recht eingefahrene und redundant daherkommende Seuchenthriller-Genre ist, so bekommt man doch ein interessantes Ausweichmanöver angesichts einer zwar nach wie vor standhaften, aber wenig innovativen und aurechenbaren Frontlinie geboten.

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