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„Guinevere“ ist nicht etwa, wie man angesichts des Titels vermuten könnte, ein Film mit historischen Bezügen, sondern eine ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen einer jungen Frau aus gutem Hause und einem alternden Künstler:

Bei der Trauung ihrer Schwester lernt die 20-jährige Harper Sloane den wesentlich älteren Hochzeitsfotographen Connie Fitzpatrick (Stephen Rea) kennen. Da er ihre Bitte respektiert, sie nicht zu fotografieren, ist er ihr auf Anhieb sympathisch, vor allem als sie beim späteren Durchsehen der Hochzeitsfotos doch ein Bild vor sich entdeckt, auf dem sie sich jedoch zum ersten mal richtig gelungen abgebildet fühlt.
Als Harper ihren reichen und auf Etikette bedachten Eltern erzählt, sie wäre in Harvard nicht angenommen worden (was nicht stimmt), kommt es zu einem Streit, nach welchem sie das Haus verlässt und für die Nacht bei Connie unterkommt. Der Altersunterschied stört sie nicht weiter – stattdessen ist sie fasziniert von ihm und seiner Lebensweise, weshalb sie auch in Zukunft bei ihm bleiben möchte. Als „Gegenleistung“ dafür erwartet Connie jedoch, dass sie „etwas erschafft“ (ein Foto, ein Gemälde oder einen Tanz – auf jeden Fall etwas kreativer Art), da er ihr Potential erkennt und fördern möchte.
Fortan wird sie zu seiner Geliebten und Schülerin: Sie beginnen eine Affäre, während sie nebenbei Kunstgeschichte studiert und ihm beim Erstellen seiner Bilder hilft. Per Zufall findet sie jedoch heraus, dass Connie wohl etliche Frauen zuvor auf gleiche Weise behandelt hat: Alle waren jung, alle hat er an die Kunst herangeführt, mit allen hatte er eine Beziehung, die jeweils genau 5 Jahre lang hielt – und jede von ihnen nannte er „Guinevere“…
Es kommt zu einem Streit, Harper zieht bei ihm aus, hält es aber bei ihrer Familie ebenfalls nicht aus, weshalb sie schließlich zu ihm zurückkehrt und ihn weiter unterstützt, da es mit seiner Arbeit gerade nicht so gut läuft. Als Connie dann später vollkommen am Boden ist (finanziell und wegen der ganzen Umstände auch psychisch), trennen sich schließlich ihre Wege – Harpers „Ausbildung“ ist vorüber…
Vier Jahre später kehrt sie, inzwischen als erfolgreiche Künstlerin, zu Connie an dessen Sterbebett zurück – dort versammeln sich alle „Guineveres“ noch einmal, um gemeinsam Abschied zu nehmen…

Der Film lebt von seinen charmanten Charakteren und den guten Schauspielern, welche diese mit Leben füllen – allen voran Sarah Polley (“Go“/“the I inside“/“Dawn of the Dead ´04“), die mal wieder eindrucksvoll beweist, dass sie bezaubernd, interessant, sehr hübsch und vor allem unglaublich talentiert ist. Sie trägt den Film problemlos mit ihrer Leistung – und das heißt schon was in einem solch jungen Alter. Man nimmt ihr das von Selbstzweifeln geplagte Mädchen am Anfang ab, wie auch ihre „Emanzipation“ bis hin zu der fest im Leben stehenden Geschäftsfrau am Ende. Ihr zur Seite steht der erfahrene Stephen Rea (“the Crying Game“/“In Dreams“), der Connie mit wohlüberlegter Zurückhaltung spielt. Es ist nicht seine Schuld, dass mir sein Charakter nicht tiefgründig und facettenreich genug erschien – er macht seine Sache gut, doch ich (für meinen Teil) konnte nicht wirklich nachvollziehen, was die Frauen in seiner Figur so sahen…
Jean Smart („Garden State“) spielt Harpers Mutter klischeehaft (was an der Rolle liegt), aber überzeugend überheblich und arrogant. Sie liefert übrigens den eindringlichsten Moment des Films ab, in welcher sie Connie mit ihren Vermutungen über die Gründe, warum sich dieser mit ihrer sehr viel jüngeren Tochter abgibt, direkt konfrontiert – eine großartige und intensive Szene. In Nebenrollen sind zudem noch Emily Procter („C.S.I. Miami“) als Harpers Schwester, Gina Gershon („Bound“) als eine der früheren „Guineveres“ sowie Alexandra Holden („Dead End“) als Connies „Traum-19-jährige“ in der surrealen Schlußsequenz zu sehen.

Regisseurin Audrey Wells („Under the Tuscan Sun“), die auch das Drehbuch verfasste, inszenierte „Guinevere“ unaufdringlich und mit sicherem Gespür der zwischenmenschlichen Beziehung, schafft es jedoch nicht, einige ärgerliche Klischees zu umfahren:
Die Familie Sloane ist in Sachen „reich, versnobt und gefühlskalt“ derart überstilisiert, dass man Harpers Motive zwar problemlos nachvollziehen kann, doch das macht die Abneigung ihrer Mutter gegenüber Connie vorhersehbar und fast zwangsläufig, anstatt sich aus der Geschichte heraus zu entwickeln. Eigentlich hätte jede Mutter etwas gegen eine solche Situation, doch wegen dieser zusätzlichen gesellschaftlichen Fallhöhe entsteht eine leichte Distanz zum Zuschauer, die eine direkte emotionale Bindung erschwert und fast verhindert, da dieser Charakter (in diesem Fall) zwar im Recht ist, man ihm aber zuvor jede Sympathie verweigert hat. Zudem hat mich die allzu plakative Darstellung des „Künstlerlebens“ gestört: Der Fotograph ist natürlich etwas heruntergekommen, aber nett, hat finanzielle Probleme, ist dem Alkohol nicht abgeneigt, hört in seiner Freizeit Jazz und hat viele „hippe“ Freunde, die man schon anhand ihrer Frisuren und Hüte als Künstler erkennen kann…

Der Film bietet einige starke emotionale Szenen (wie das Zusammentreffen von Connie und Harpers Mutter) sowie Momente künstlerischen Ausdrucks (wie als Harper in einem Sessel mit dem Rücken zu Connie sitzt und ihm nur ihren Fuß zum Fotografieren dahinter hervorstreckt). Er schafft es, die durchlebten Gefühle glaubhaft zu vermitteln und kann mit einigen interessanten Handlungselementen das Interesse halten – doch leider ist die Verbindung des Zuschauers zu Connie nicht stark genug, um die Tragik des (seines) Endes nachzuvollziehen. Ferner kommen die Abgründe seines Charakters nur in wenigen Momenten zum Vorschein und werden nicht eingehend genug ausgeleuchtet, wodurch die psychologische Tiefe seiner Figur in diesem Bereich einfach fehlt. Der surreale Wunschtraum in der letzten Szene mag zwar Connies Seelenfrieden verbildlichen, wirkte aber im Endeffekt in der gezeigten Art und Weise etwas unpassend, merkwürdig und unfreiwillig komisch – das nährt nur meinen Eindruck, dass man im letzten Drittel allmählich das Interesse zu verlieren beginnt…

Fazit: „Guinevere“ ist ein einfühlsames und gut gespieltes, aber doch irgendwie oberflächliches (Liebes-) Drama – hauptsächlich allen Fans von Sarah Polley zu empfehlen (oder denen, die es werden wollen) … solide 6 von 10.

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