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Dreileben - Drei Spielarten des deutschen Films

Drei der eigenwilligsten Regisseure Deutschlands machten gemeinsame Sache in einem ambitionierten, aber leider an einem Tag versendeten ARD-Projekt: Zusammen drehten sie das TV-Ereignis "Dreileben", drei verschiedene Filme, die drei verschiedene Geschichten erzählen, alle um einen gemeinsamen inhaltlichen Dreh- und Angelpunkt kreisend: Die Fahndung nach einem entflohenen Mädchenmörder in der ostdeutschen Ortschaft "Dreileben".

Jede Episode ist dabei in sich geschlossen und bietet eine jeweils andere Perspektive auf das Geschehen. Doch wie bei Kieslowskis "Drei Farben" weist jede Episode auch über sich hinaus und trägt zu einem Gesamtkunstwerk bei, das mehr ist als die Summe seiner Teile; ein facettenreiches Stimmungsbild der (ost-)deutschen Lebenswirklichkeit.

Zugleich kann man hier drei stilistische Spielarten des zeitgenössischen deutschen Filmserleben. Da ist zum einen Christian Petzold, der "Leichenfledderer" des klassischen Kinos, der sich seiner Versatzstücke bedient um sie im Kontext des Hier und Jetzt neu zusammenzufügen. Seine Filme wirken oft elegisch, wie Träume entrückt, aber nie diffus oder überladen. In ihrer Klarheit bieten sie stets eine eigentümliche wie präzise Lesart unserer Lebenswelt.

Die zweite Dreileben-Episode stammt von Dominik Graf, dem einsamen Verfechter des Genrekinos und unbestrittenen Virtuosen des Polizeifilms in Deutschland. Er versteht es meisterhaft, in bester Erzähltradition einen Drehbuchplot mit Leben zu füllen, komplexe Bögen zu spannen, den Zuschauer zu fordern, und nicht selten stilistische Kapriolen zu schlagen. Die Vielschichtigkeit, der Detailreichtum und auch die "Wurschtigkeit" in seiner Inszenierung verblüfft immer wieder aufs Neue.

Der dritte im Bunde, Christoph Hochhäusler, vertritt mit seiner Arbeit am radikalsten die Berliner Schule (zu der oft auch Petzold gezählt wird), die wohl derzeitig prägendste Strömung im deutschen Autorenkino. Durch radikale Reduktion, sowohl inhaltlich als auch in den filmischen Mitteln, soll dabei das pure Sehen neu erlernt, die elementare Beobachtung freigelegt werden. Auf Basis dieser Bestandsaufnahme werden filmische Erzählformen, wie etwa die des Thrillers, in nüchtern-realistischer und konzentrierter Weise rekonstruiert.

1. Etwas besseres als den Tod (Christian Petzold)

Petzolds Episode ist vielleicht am weitesten vom Angelpunkt der Handlung entfernt. Er erzählt -- sein Lieblingsthema -- von einer zum Scheitern verdammten Liebe zwischen zwei Menschen aus verschiedenen sozialen Welten: Der Zivi und Arztsohn Johannes und die arme Bosnierin Ana, die in einem Moment der Schwäche zueinander finden und sich für eine kurze schöne Zeit darüber hinwegtäuschen, dass sie nicht zusammen sein sollten. Am Ende wird Johannes Anas Gefühle verraten, und sie wird daran zugrunde gehen. Der Todesengel wird auftreten in Gestalt des entflohenen Mörders und diese leise Tragödie beenden und in die folgenden Episoden überleiten.

Was sich liest wie der Plot zu einem ausstaffierten Melodram, wird von Petzold wie gewohnt mit großem Gespür für stille Töne und mit ruhiger Hand in wohlkadrierte Bilder gegossen. Das spröde, ungekünstelte Setting dieses nichtssagenden, aber in seiner Topographie regelrecht obskuren Ortes "Dreileben" und die Unbeholfenheit der jungen Protagonisten nehmen der Handlung gänzlich das Pathos. Es wird nur wenig ausgesprochen, nichts zerredet. Und doch hört man es knistern und spürt diese für Petzold so typische subkutane Spannung, wenn die Gefühle sprechen und sich die drohende Tragödie langsam anbahnt. Die zunehmende Präsenz von Polizei und gejagtem Triebtäter fungiert hierfür als geschickte Metapher und macht eine durch die eingewobenen Anknüpfungspunkte zugleich neugierig auf den weiteren Verlauf der Versuchsanordnung. Der unheilsschwangere Soundtrack tut sein übriges.

Man mag Petzold hier eine gewisse Routiniertheit und Selbstreferenz vorwerfen, vor allem in Hinblick auf die letzte Großtat "Jerichow". Seine Dreileben-Episode sieht sich wie eine Variation seiner Lieblingsmotive, und doch finden sich auch hier wunderbare Kinomomente (sogar eine kleine Hommage an "Unter den Brücken"), subtile Erotik, bedächtiger Rhythmus und visuelle Anmut.

2. Komm mir nicht nach (Dominik Graf)

Grafs Episode dreht sich um den Charakter einer Polizeipsychologin, die zu Ermittlungen nach Dreileben bestellt wird. Allerdings arbeitet sie zunächst an einem anderen Fall als der Fahndung nach dem flüchtigen Mörder, und so spielt dieser bei Graf auch nur eine periphäre Rolle. Überhaupt bildet das Zentrum hier gar nicht die Polizeiarbeit, sondern die Vergangenheit und Beziehungsgeschichte der Psychologin Jo. Sie trifft nämlich in Dreileben auf ihre alte Studienfreundin Vera und ihren Mann Bruno. Dabei entspinnt sich ein Geflecht von vergangenen Erlebnissen und Beziehungen, die die beiden Frauen geprägt haben, nicht immer mit gutem Ausgang. Die verschlossene Jo beginnt, Vera gezielt zu benutzen, um ihre eigene Vergangenheit zu ergründen.

In der Tat ist Graf hier so etwas wie eine deutsche Version eines sommerlichen Dialogfilms aus Frankreich gelungen, der mittels genauer Beobachtung und entwaffnender Offenheit die komplizierten Gefühlswelten seiner Protagonisten ausbreitet. Das Spiel des Ensembles wirkt erfrischend natürlich und ehrlich, und Grafs Inszenierung balanciert auf dem schmalen Grat zwischen sommerlich-bourgoiser Leichtigkeit und aufdeckender Spannung. Wie in einem Krimi möchte man dann doch mitsuchen und erfahren, was damals Jo und Vera widerfahren war, als sie studiert und in den selben Mann verliebt gewesen waren. Graf vermag das mit seinem dynamisch-ruppigen Erzählrhythmus in spritzigen Dialogszenen und mit entwaffnender Situationskomik zu verdichten.

Die Darstellung der Polizeiarbeit, sowie der kurze Auftritt des Flüchtlings haben hier zwar eher illustrativen Charakter, doch verwebt sie Graf geradezu virtuos mit seiner Beziehungsgeschichte. Das gilt ebenso für den Aspekt der Ost-West-Begegnung, der in den Umgangsformen der Leute und in der Vergangenheit des Ortes herauskommt. Das Resultat ist ein vielschichtiger Film, dem man den Grafschen Pinselstrich ansieht. Einer der lebhaft zwischen grob und filigran wechselt, wie Graf es für richtig hält.

3. Eine Minute Dunkel (Christoph Hochhäusler)

Hochhäuslers Episode fokussiert sich nun voll und ganz auf den flüchtigen Mörder Molesch und zeigt, wie er durch seine Flucht überhaupt erst zu dem wird, was die Menschen in ihm sehen. Minutiös sehen wir dabei zu, wie er sich vor einem Großaufgebot der Polizei im Wald von Dreileben versteckt und zusehends verwildert. Zugleich mehren sich Zweifel am Tathergang des von ihm verübten Mordes.

Hochhäuslers konzentrierter Blick zeigt uns diese Person als kindlichen, verunsicherten Kauz, der einsam durch die tiefen Wälder und Höhlen Dreilebens umherirrt, den Menschen aus dem Weg geht und mit sich selbst spricht. Dabei flieht er nicht nur vor seinen Häschern, sondern sucht auch nach sich selbst, seiner Herkunft, was ihn ausmacht. Ebenso tut dies der Kommissar Marcus Kreil. Er möchte wissen, wie dieser Molesch tickt, gräbt in der Vergangenheit und recherchiert noch einmal den vor Jahren begangenen Mord. Molesch wurde dafür nur anhand von Indizien verurteilt, es gab die Aufzeichnung einer Überwachungskamera, aber die entscheidende Minute der Tat fehlt auf dem Band.

Hochhäuslers widmet sich größtenteils Molesch, der in den dunklen Höhlen und undurchsichtigen Waldstücken hausen muss, während die Polizei ihn jagt. Stefan Kurt spielt ihn feinfühlig als leicht zurückgebliebenen Wunderling, der sich von den elementarsten Dingen verzaubern lässt, eine starke Einbildungskraft hat und ausschweifende Selbstgespräche führt. Man fragt sich, wie dieser Mensch einen Mord begangen haben soll, denn das Monster, als das ihn die (erwachsenen) Menschen alle sehen, scheint er offensichtlich nicht zu sein. Erfüllt Molesch die Rolle, die ihm auferlegt worden ist? Dem ermittelnden Kommissar kommen die Zweifel. In einer schönen Szene begegnet Molesch einem ausgebüxten Kind im Wald, beide verbringen die Nacht zusammen am Lagerfeuer. Hier zeigt sich Moleschs Sehnsucht nach dem Kindsein, und umgekehrt akzeptiert ihn dieses Kind ganz vorbehaltlos.

Ohne Vorbehalte ist auch die Erzählhaltung, die eine ehrliche Faszination für den Flüchtling aufbringt. Mal gelingen Hochhäusler poetische Bilder des unschuldigen Glücks, das Molesch für eine kurze Zeit in der Natur zu finden scheint, mal blitzen seine unterdrückten Ängste als drohende Einbildungen auf. Auch er muss sich seiner Vergangenheit stellen. Der Film versteht sich daher als ein klassischer Thriller, allerdings ohne den üblichen Ballast unnötiger Melodramatisierung. Hochhäusler lässt oft die Bilder für sich sprechen und hält sich mit den gesprochenen Dialogen zurück. Erfreulicherweise vertraut er der Einsicht des Zuschauers, was dem zeitgenössischen Fernsehen abgeht.

Alle drei Filme zusammen geben ein beeindruckendes, unkonventionelles und vielschichtiges Werk ab, obwohl sie stilistisch mitunter recht verschieden sind. Sie ergänzen sich ohne aufeinander aufzubauen. Ein seltenes Juwel in der Fernsehlandschaft!

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