Es war einmal ein blondes Mädchen, dass hieß Valerie. Es lebte vor vielen Jahren in einem kleinen Dorf, fernab anderer Siedlungen. Es war sehr süß, aber nicht ganz so brav wie seine Eltern dachten, denn es schnitt einem weißen Kaninchen die Kehle durch. Dieses Geheimnis teilte es mit dem Nachbarjungen Peter, mit dem es am liebsten seine Zeit verbrachte.
Als dieser zu einem stattlichen jungen Mann heran gewachsen war, der als Holzfäller sein Tagwerk verbrachte, war sie, selbst inzwischen zu einer schönen jungen Frau gereift, ihm in großer Liebe zugetan. Doch ihre Eltern wollten nicht, dass sie Peter heiratet, sondern Henry, der aus einem wohlhabenden Elternhaus stammt. Sie war empört, denn wie konnten ihre Eltern sie mit einem ihr fast unbekannten Fiesling verkuppeln...?
Diese Frage ist gerechtfertigt, aber nicht hinsichtlich der Haltung der Eltern, die man als mittelalterlich zeitgemäß betrachten könnte, sondern, warum Valerie (Amanda Seyfried) Henry (Max Irons) nicht besser kannte, obwohl dieser seit mehr als zwanzig Jahren in einem Dorf mit sehr überschaubarer Einwohnerzahl Tür an Tür mit ihr lebte ? - Fast wagt man es nicht, eine solche Frage zur inneren Logik einer Story zu stellen, die zu jedem Zeitpunkt ihre Antwort in großen Buchstaben heraus schreit : Ich bin doch ein Märchen! - Das könnte man prinzipiell von jeder erfundenen Geschichte behaupten, ohne das diese Anmutung den Erzähler davon befreit, eine innere Schlüssigkeit herzustellen, aber "Red Riding Hood" ist, trotz konkreter Anleihen bei Grimms "Rotkäppchen", ein ganz spezielles Märchen geworden - eine modisch urbane Variante, die im finsteren Wald spielt.
Aus der Totalen vermitteln die geduckten Häuschen ein ärmliches, karges Landleben, aber tatsächlich sind es herrlich gestaltete und ausgestattete Holzhäuser mit urig, mittelalterlich angehauchtem Ambiente, in denen Menschen verkehren, die einem harten Broterwerb unter einfachsten Lebensbedingungen nachgehen, die aber so frisch gewaschen, gepflegt und schön angezogen sind, dass sie eigentlich ständig vor dem Spiegel stehen müssten. Von Amanda Seyfried, die ein wunderschönes, großäugiges Rotkäppchen abgibt, war das zu erwarten, aber auch die beiden jungen Männer, Peter (Shiloh Fernandez) und Henry, können mit schicken modernen Frisuren und gut trainierten Muskeln überzeugen. Henry erweist sich übrigens schnell als erstaunlich sympathisch - gut möglich, das das Valerie bisher entgangen war. Auch sonst werden plötzlich einige Geheimnisse aufgedeckt, an denen nur erstaunlich ist, dass sie bisher noch Niemand in dem winzigen Dorf bemerkt hatte.
Doch als der Wolf nach vielen Jahren wieder zuschlägt und Valeries ältere Schwester ermordet, nachdem er sich zuletzt immer mit Tieropfern abspeisen ließ, kommt die Geschichte langsam ins Rollen. Die Männer des Dorfes machen sich auf die Jagd nach dem Wolf, die sie in eine verzweigte Höhle führt. Sie werden getrennt, weshalb Henry allein mit seinem Vater der Bestie begegnet, was für den Älteren tödlich endet. Allerdings auch für einen Wolf, mit dessem Kopf als Trophäe die Männer ins Dorf zurückkehren, im Glauben sie hätten den Übeltäter erwischt. Nun kann man von den Männern nicht erwarten, dass sie logischer denken können, als die Drehbuchautoren, denn wie könnten erfahrene, in der Wildnis lebende Jäger sonst glauben, dass ein popeliger Wolf seit Jahrzehnten für diese Taten zuständig ist ? - Und sich dabei immer brav an die Vollmondnächte hielt, die Menschen zwar in Sekunden tötete, sie - im Gegensatz zu den Tieren -aber nicht auffraß.
Erst Gary Oldman als Pater Solomon klärt die Unwissenden darüber auf, dass es sich um einen Werwolf handelt, der in ziviler Gestalt mitten unter ihnen lebt - und endlich sind wir richtig in der Geschichte angekommen. Wenn Pater Solomon wie ein Kreuzritter, begleitet von einer Schar dunkelhäutiger Söldner, im Schlepptau einen eisernen Elefanten, dessen perfider Zweck erst später deutlich wird, über das Dorf kommt, dann spielen die paar Unlogiken und das Product-Design-Märchendorf keine Rolle mehr, denn Oldman bedient die gesammelte Klischeekiste aufs vortrefflichste - vom bigotten Pater, über den Hexen-Jäger bis zum Folterer. Natürlich nur, um der gerechten Sache zu dienen, zu der bekanntlich auch gehört, den geistig Behinderten des Dorfes (ein Inzucht-Opfer gibt es immer) als Ersten zu verdächtigen.
Es ist ein Leichtes, "Red Riding Hood" als filmischen Bodensatz darzustellen. Man lässt noch Begriffe wie "Fantasy" und "Horror" fallen und rundet das Ganze mit "Brothers Grimm meets Twilight" ab - und schon weiß Jeder, was er zu erwarten hat. Und liegt damit genau richtig. Doch warum nicht? - Natürlich erfüllen die beiden Jungs, die Amanda nachschmachten, alle Vorurteile, aber Einer von ihnen darf immerhin auch mal ran, womit der Film auch ein wenig den sexuellen Sub-Text des Grimm Märchens umsetzt.
Echte Identifikationen können mit diesen Charakteren natürlich nur schwerlich entstehen, aber "Red Riding Hood" verfügt über eine Vielzahl von Schauwerten, einen Gary Oldman, der spüren lässt, dass hier nichts ernst gemeint sein kann, und einem Werwolf, der bei Tempo ganz grausam rüber kommt, von vorne betrachtet aber wie ein plüschiges Schoßhündchen wirkt - let's ride the Brothers Grimm! (6/10).