"Der fahrende Anwalt"
Viele Anwälte ködern ihre Klienten mit einem schicken Büro in bester Lage, schließlich ist der erste Eindruck entscheidend. Ein großer Schreibtisch, eine Trophäenwand - vorzugsweise mit allerlei Urkunden und Erinnerungsfotos mit diversen Prominenten - sowie eine ebenso adrette wie kompetente Sekretärin im einladenden Vorzimmer sollen Souveränität, Erfolg und Seriosität vermitteln. Wer seinem Anwalt vertraut und ihm vor allem etwas zutraut, der ist auch eher bereit für dessen Dienste ordentlich in die Tasche zu greifen.
Mick Haller passt da nicht so recht ins gängige (Berufs-)Bild. Sein Büro ist der Rücksitz eines schwarzen Lincoln Continental, was gut betuchte Klienten schon mal von vornherein ausschließt. Aber Hallers Zielgruppe ist auch eine andere, er setzt nicht auf Klasse, sondern auf Masse und dafür ist sein mobiles Büro geradezu ideal. Binnen kürzester Zeit braust er von einer Justizanstalt zur nächsten, dazwischen fährt er immer wieder mal kurz rechts ran, um den nächsten Deal auszuhandeln. Die Straße ist sein Revier und auch das seiner potentiellen Klienten, vornehmlich Kleinkriminelle wie Dealer, Prostituierte oder Schläger. Und das scheint abzufärben. Wie dem Groß seiner Mandanten haftet auch Haller etwas Windiges, Halbseidenes an. Ohne mit der Wimper zu zucken besticht er Gerichtsdiener, nutzt die Kontakte seiner Ex-Frau zur Staatsanwaltschaft, oder fingiert Paparazziaufnahmen um sein Honorar aufzubessern.
Matthew McConaughey legt diesen gerissenen Winkeladvokaten dermaßen überzeugend zwischen optimistischem Strahlemann und desillusioniertem Zyniker an, dass sich damit die Frage regelrecht aufdrängt, warum er sich in den gefühlt letzten zehn Jahren bevorzugt in anspruchslosen und meist seichten Romcoms herumtrieb.
Zwar kann auch Mick Haller durchaus den romantischen Liebhaber geben, aber hinter der glänzenden Fassade des charmant-lockeren Plauderers lauern weniger Musterschwiegersohn-hafte Seiten wie Arroganz, Berechnung, Manipulation, Narzissmus und ein nicht zu unterschätzendes Alkoholproblem.
Man ahnt schnell, dass dieser ölige Siegertyp irgendwann auch einmal ins Straucheln kommen muss. Als ihm ein befreundeter Kautionsvermittler den ersehnten großen Fisch zuschanzt, sonnt sich Haller in dem unerwarteten Erfolg und wittert den großen Zahltag. Zumal der Fall glasklar erscheint: Louis Roulet (Ryan Phillippe), Sproß einer steinreichen Maklerfamilie, wird wegen Vergewaltigung und versuchtem Mord an einer Prostituierten angeklagt, beteuert aber vehement seine Unschuld. Auch die Staatsanwaltschaft scheint nur wenig gegen ihn in der Hand zu haben. Vieles deutet auf eine inszenierte Aktion seitens des Opfers, um den gut betuchten Playboy auszunehmen.
Dass Roulet, der sich die teuersten Anwälte der Stadt leisten könnte, ausgerechnet einen zwielichtigen Strafverteidiger wie Haller engagiert, ist zumindest ungewöhnlich. Aber als Mick erste Zweifel an den wahren Absichten seines Mandanten beschleichen, ist es bereits zu spät ...
The Lincoln Lawyer ist ein clever konstruierter Gerichtsthriller, der seine raffinierten Plottwists geschickt vorbereitet und an den richtigen Stellen die Spannungsschraube anzieht. Regisseur Brad Furmann inszeniert unaufgeregt und entspannt und lässt seinem bis in die kleinsten Nebenrollen namhaften Cast (u.a. William H. Macy, Marisa Tomei, Josh Lucas sowie Michael Pena) ordentlich Entfaltungsmöglichkeiten. Der Film lebt regelrecht von Blicken, Gesten und brillant geschriebenen Wortgefechten. Darüber hinaus zeigt er ein schäbiges „Hinterhof-L.A.", abseits von Glamour, Kommerz und Nadelstreifen, das bestens zum garstigen Ton des Films passt.
Natürlich hat sich Hollywood schon häufiger mit den Grauzonen des amerikanischen Rechtssystems beschäftigt, sich dabei aber meist auf strahlende (Anwalts-)Helden und/in spektakuläre(n) Fälle fokussiert. Der Mandant - so der nichtssagende deutsche Verleihtitel - setzt weniger auf den ritterlichen Kampf für die Gerechtigkeit, sondern lässt zwei Manipulateure des Systems gegeneinander antreten und ein taktisches Duell austragen, bei dem keineswegs sicher scheint, wer letztlich aus dem undurchsichtigen Morast aus Erpressung, Gewalt und lange zurückliegenden Deals als Sieger hervorgeht.
Moral, Gewissen, Berufsethos und Gerechtigkeitssinn werden jedenfalls einer harten Probe unterworfen, alles in allem eine eher ungewohnte Situation für den „Lincoln Lawyer". Wenigstens ist er aufgrund seines unkonventionellen Arbeitsalltags an Flexibilität und plötzliche Kehrtwendungen gewohnt. Sicherlich nicht die schlechtesten Waffen in einem wahrhaft diabolischen Katz-und Maus-Spiel.