Wer an die nordwestliche US-Stadt Seattle im Zusammenhang mit Musik und den 1990er-Jahren denkt, dem kommt zumeist als allererstes der Begriff Grunge in den Sinn – die Bezeichnung jenes gitarrenmusikalischen Hypes, an deren Speerspitze die unerreichten NIRVANA standen und der bereits Mitte jenes Jahrzehnts industriell endverwertet und ausgebrannt war. Regisseur Doug Pray riskierte für sein 1996 veröffentlichtes Dokumentarfilm-Debüt „Hype!“ einen Blick hinter die Kulissen und zeichnete die Entwicklung jenes schnell international gewordenen Phänomens nach.
Anhand Prays Film wird deutlich, dass es sich bei Grunge um kein industriegezüchtetes Retortenprodukt handelte, sondern eigentlich um einen unnötigen und unzulässig verallgemeinernden Oberbegriff für seit den 1980ern tief im Untergrund verwurzelten Punkrock und Alternative Rock, der seit der Punk-Explosion und der Ausdefinierung des Hardcores seine individuelle, natürliche Entwicklung genommen und eine Vielzahl an Bands hervorgebracht hatte, die neben den genannten auch 1970er-Hardrock-, Doom- und Metal- sowie Blues- und Noiserock-Einflüsse etc. mitbrachten, aufnahmen oder verarbeiteten. Die sich neben massenweise energiegeladenen Konzertausschnitten und ähnlichen Aufnahmen ausschließlich aus Originalaussagen zahlreicher Szene-Protagonisten zusammensetzende Dokumentation holt etwas weiter aus, wenn sie zu berichten weiß, dass Seattle lange Zeit als irgendwie ab vom Schuss und uncool galt und gerade auch für tourende Bands häufig wenn überhaupt nur zweite Wahl war, so dass sich rebellische musikinteressierte Kids geradezu gezwungen sahen, selbst etwas auf die Beine zu stellen – klassische Voraussetzungen für einen individuellen DIY-Untergrund also. Diesbzgl. war auch in Seattle zuerst der „klassische“ (wenn man so will) Punk da, den Pray aufgreift und dazu Bilder ekstatischen Seattle-Publikums zeigt, die an London anno ’77 erinnern.
Wie so viele andere US-Städte auch, hatte auch Seattle im Laufe der Jahre seinen eigenen Sound entwickelt und wie fast überall, wo sich eine potente Szene gebildet hatte, gab es neben Musikern auch Fanzine-Schreiber, DJs, Konzertveranstalter – und kleine Plattenlabels. Diese verhalfen den Bands zu Veröffentlichungen in geringen Auflagen und trugen neben etwaigen Auswärtsgigs und kleinen Tourneen dazu bei, ihre Popularität überregional zu steigern. Die Seattle-Szene hatte das große Glück, mit „Sub Pop“ über ein besonders engagiertes, umtriebiges Label zu verfügen, dessen hervorragende Arbeit Pray skizziert. Die Einladung eines britischen Musikjournalisten durch die Sub-Popper war dann so etwas wie der Ursprung des Seattle- bzw. Grunge-Hypes, denn dieser schwärmte nach seiner Rückkehr in den höchsten Tönen von der agilen, kreativen Musikszene, die er in Seattle vorgefunden hatte.
Daraus resultierte ein Hype, wie es ihn seit den SEX PISTOLS und Malcolm McLaren nicht mehr gegeben hatte, nur größer, globaler, schlimmer. Die Musikindustrie, die längst den New Wave beerdigt hatte, beim Hair-/Glam-Metal/Sleaze-Rock mit Ausnahme von GUNS ‘N ROSES seine Felle davonschwimmen sah und sich mit nur schwer vermarktbaren Entwicklungen wie Death Metal bzw. zunehmend autark agierenden und selbst die Regeln diktierenden festen Größen à la IRON MAIDEN, METALLICA oder AEROSMITH konfrontiert sah, stürzte sich auf Seattle, verhalf solch erfahreneren, unterschiedlichen Bands wie NIRVANA, SOUNDGARDEN, PEARL JAM und ALICE IN CHAINS zu ungeahnter Popularität und versuchte schließlich alles unter dem neu geschaffenen Genre-Begriff Grunge zusammenzufassen und mit einer bestimmten Attitüde, einem Lebensgefühl zu verbinden, das es möglichst teuer an die Konsumenten zu verkaufen galt. Und längst nicht nur die Musikindustrie wollte daran mitverdienen, auch Modelabels, die Lifestyle-Branche etc. griffen ab, was aus den verwirrten ‘90er-Teenies herauszuquetschen war. Dies machte auch vor den Szene-Protagonisten selbst nicht halt, die sich zunehmender Ausbeutung in vielerlei Hinsicht ausgesetzt sahen (und wie im Falle Kurt Cobains u.a. daran zerbrachen), sondern es neben vielen Nachahmern und Trittbettfahrern mit einer kommerziellen Karikatur dessen zu tun bekamen, was jahrelang ihr alles andere als hipper Alltag gewesen war: Flanellhemden wurden plötzlich trendy, wer einen Cobain’schen Anti-Haarschnitt trug, wurde zum Mädchenschwarm und Millionen nichtsnutziger verwöhnter Teenies fühlten sich in ihrem pubertären Selbstmitleid dem manisch-depressiven NIRVANA-Bandkopf seelisch nahe. Der DIY-Geist, der die Szene einst ausgemacht hatte, wurde gänzlich missverstanden oder gar nicht erst zur Kenntnis genommen; einer meiner idiotischen Mitschüler kopierte sogar die Zeichnung auf einem von Cobain auf einem Foto getragenen T-Shirt 1:1 auf sein eigenes. „Hype!“ zeichnet die immer absurderen Auswirkungen des Hypes eindrucksvoll und komprimiert ebenso nach wie die negativen Folgen der massiven Einflussnahme der Industrie, die die Szene für sich vereinnahmte, durchkaute, aussagte, wieder ausspuckte und beinahe zu Tode ritt – anhand des Beispiels Grunge stellvertretend für viele andere Bereiche echter Underground-Kultur.
Apropos NIRVANA: Diese finden zwar Erwähnung, ihre Bedeutung wird genannt und Cobains Tod thematisiert, doch der Fokus liegt angenehmerweise einmal nicht auf dieser erfolgreichsten aller sog. Grunge-Bands. Dennoch fällt auch anhand des wenigen hier berücksichtigten Materials der Band auf, das Kurts Stimme gewissermaßen durchaus den höchsten Wiedererkennungseffekt aufwies und die „Nevermind“, Zweitwerk der Band, einfach originell produziert worden war, über saustarke Singalongs verfügte und darüber hinaus viel, viel Energie und Atmosphäre besaß. Insofern wirkt es schon irgendwie folgerichtig, dass ausgerechnet NIRVANA von allen am stärksten durch die Decke gingen.
„Hype!“ bietet von selbigem einmal abgesehen einen ungeschönten und dennoch oder gerade deshalb hochgradig faszinierenden Blick auf die Punk- und Alternative-Szene Seattles insbesondere von Ende der ‘80er bis Mitte der ‘90er, der zugleich ein Füllhorn interessanter Musik über die auch heute noch bekannten Künstler hinaus offenbart. Da bekommt man schnell Lust, nicht nur die NIRVANA-B-Seiten mal wieder aufzulegen, sondern sich gleich den „Hype!“-Soundtrack zu besorgen, die Namen aus der zweiten oder dritten Reihe wieder- oder erstmals für sich zu entdecken und einmal tief einzutauchen – insbesondere in die Zeit kurz vor dem großen Hype. Schade ist lediglich, dass Doug Pray mit „Hype!“ zwar auf Musik und Attitüde, jedoch so gut wie gar nicht auf die lyrischen Inhalte der Seattle-Bands eingeht. Und wie er es schaffte, einen Dokumentarfilm über harte Musik in Seattle zu drehen, ohne auch nur mit einer Silbe die Prog-Metaller QUEENSRŸCHE zu erwähnen, weiß wohl nur er allein. Davon einmal abgesehen ist ihm mit „Hype!“ jedoch ein äußerst gehaltvoller und vor allem wichtiger Dokumentarfilm für ausnahmslos alle pop- und subkulturell interessierte Klientel gelungen, unabhängig vom jeweils eigenen Musikgeschmack.