Als Thomas Harris in seinem Roman Der rote Drache Hannibal Lecter zum ersten Mal in Erscheinung treten lies, war ihm wohl nicht einmal im Ansatz klar, welche Ausmaße diese Figur in der Literatur und modernen Filmlandschaft einnehmen würde. Mit jenem so sophistisch gerissenen wie psychopathischen Mörder, der seine Opfer auch des Öfteren verspeist, wurde ein Archetyp des Horrorfilms bzw. des Thrillers erschaffen, dessen Einfluss kaum zu überschätzen ist. Sinnbildlich wurde in der Figur Hannibal Lecter der Dualismus von Abscheu und Faszination grandios erschreckend vereint und genüsslich zelebriert.
So sehr man Anthony Hopkins für seine Darstellung in Das Schweigen der Lämmer gratulieren möchte (für ihn schien der Erfolg wohl Segen und Fluch gleichzeitig gewesen zu sein), die gesamte Raffinesse und Klasse des Filmes erklärt sich damit nicht. Man muss dafür wohl den Bogen zu Drehbuchautor Ted Tally und Regisseur Jonathan Demme schlagen, der mit starken Bildern und mutigen Entscheidungen, wie Horrorelemente zwar wohldosiert, aber dennoch deutlich einzusetzen, einen modernen Klassiker schuf.
Mithilfe des diabolisch zwielichtigen und kannibalistischen Psychiaters ermittelt das FBI gegen den vielfachen Frauenmörder „Buffalo Bill“ (Ted Levine). Die noch Auszubildende Clarice Starling (Jodie Foster), die als intellektueller sowie emotionaler Anreiz Lecter wichtige Informationen entlocken soll, gerät eher zufällig in diese Welt aus kalten Ermittlungsalltag und dem morbiden und grausamen Wahnsinn, denen sie anhand immer deutlicher werdender Täterprofile begegnet. Jodie Fosters Spiel zwischen distanzierter Kühle und waghalsiger Neugier, die sie immer tiefer in eine Welt aus krankhafter Morbidität und schwüler Gewalt führt, gleicht sich fast nahtlos mit der Erwartungshaltung des Zuschauers. Etwa der Moment wenn Starling im Hochsicherheitstrakt unterwiesen wird und darauf immer tiefer den beklemmenden Gang nebst Schwerkriminellen voranschreitet bevor sie den eingangs von Gefängnisdirektor Dr. Chilton (Anthony Heald) als übermenschliche Bestie ikonisierten Hannibal Lector begegnet. Hier verdichtet sich der Spannungsmoment aus Erwartung und Furcht zu packender und dennoch subtiler Suspense. Jene Szenen wirken niemals marktschreierisch, sondern ermöglichen auch eine exakte Psychologisierung der Protagonistin. Gerade die immer intimer werdenden Gespräche zwischen ihr und Lecter lassen neben ihrem von traumatischen Erlebnissen gezeichneten Profil Lecter als ein gieriges vampirähnlichen Wesen erscheinen, dass sich an den intimen Offenbarungen seiner Opfer labt und sie gekonnt, fast übernatürlich als Waffe gegen sie nutzt.
Der Fokus liegt trotz Lecters Präsenz bei „Buffalo Bill“. Nach und nach lässt Demme uns in die rotbraune Welt des wahnhaften Mörders eintauchen, dessen Faible für nachtaktive Insekten sowohl durch seine Taten (die morphologische Umwandlung des Geschlechts), als auch durch sein Erscheinungsbild ausgedrückt wird. Mit den Stielaugen seines Nachtsichtgeräts lauert er geduldig seinen Opfern in schützender Finsternis auf. Die Szenen, die sein höhlenartiges Versteck zeigen, umschwirrt von den von ihm fetischisierten Insekten, fangen eine beunruhigende, nahezu organisch, pulsierende Atmosphäre ein, die an die Filme eines David Cronenbergs erinnern lässt.
Clarice Starling, die wie eine verloren gegangene Alice inmitten eines morbiden Wunderlands umherirrt, lässt trotz aller nachvollziehbarer Belastungen, eine tiefe Faszination für diese Welt erkennen. Am Deutlichsten wird dies, wenn sie für das Monster Lecter bewundernde Blicke zulässt und sogar romantische Gefühle zwischen ihnen durchschimmern. Oftmals wirkt Lecter wie ein Conferencier einer diffusen, ins Unterbewusste durchdringenden, makabren Psycho-Horrorshow, der mit Starling bzw. dem Zuschauer des Filmes ein williges, sensationsgieriges Opfer gefunden hat. Schließlich kulminiert Starlings Intelligenz und Neugier mit tödlicher, direkter Gefahr in dem intim beängstigenden Duell mit „Buffalo Bill“, sinnigerweise in einem labyrinthartig durchwundenem Keller.
Sicherlich kann man sich an der Charakterisierung von Buffalo Bill als Frauen hassende Psychotunte stoßen. Dieser kriminalisierende Blick auf Homosexuelle bzw. Transsexuelle will dem eigentlich überaus intelligenten Drehbuch einfach nicht stehen. Letztlich haben die Kritiken gegen diese einseitige Darstellung bestimmt auch dazu beigetragen, dass Regisseur Jonathan Demme eine Art des filmischen Widerrufs mit Philadelphia erbrachte.
Das Schweigen der Lämmer bleibt auch im Vergleich zum ähnlichen, wenige Jahre später erschienen „Seven“, der sich zu oft in seinem artifiziellen Stil verirrte, ein hervorragender Thriller, dessen dichte Psychologisierung und unglaublich beklemmende Spannung seinesgleichen sucht. Mit dem Abstand von über 20 Jahren, kann diesem Film endgültig und ohne große Befürchtungen sein Klassikerstatus anerkannt werden.