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Die seichte Psyche des Genies

Eine Mordserie erschüttert Amerika. Ein Serienkiller namens Buffalo Bill (Ted Levine) treibt sein Unwesen. Er jagt Frauen, häutet und tötet sie, um sie danach in den nächstbesten Fluss zu schmeissen. Jack Crawford (Scott Glenn) vom FBI setzt alles daran, den Verrückten zu finden. Dafür greift er zu ungewöhnlichen Massnahmen. Er bittet die Auszubildende Clarice Starling (Jodie Foster) um Mithilfe. Sie soll Dr. Hannibal Lecter (Anthony Hopkins) aufsuchen, seines Zeichens ebenfalls Serienmörder. Der ehemalige Psychiater wird im Gefängnis dauerüberwacht und soll Clarice Einsichten zum Geisteszustand Buffalo Bills geben. Clarice begibt sich auf emotionales Glatteis. Sie muss Dr. Lecter mehr offenbaren, als sie eigentlich will. Doch um Buffalo Bill zu schnappen, muss Claire vielleicht mehr aufgeben, als nur ihren Verstand.

Jonathan Demmes The Silence of the Lambs (1991) gilt als Meilenstein des Psychothrillers. Er gewann fünf Oscars – darunter für den besten Film – und popularisierte die Figur des intelligenten Kannibalen Hannibal Lecter, erdacht vom US-amerikanischen Autor Thomas Harris. Das Drehbuch stellte die »Psychoanalyse« des Täters ins Zentrum. Der Verbrecher ist nicht nur eine unbekannte Grösse, ein Schrecken im wabernden Dunkeln; er ist vielmehr jemand (oder »etwas«), das erforscht werden will – und zwar mit den Methoden des FBI.[1] The Silence of the Lambs verklärte die Nebenfigur Lecter zum eigentlichen Star des Filmes; der genial gestörte Verbrecher als ein verführerischer Anziehungspunkt, wie es vor ihm schon Dracula und Norman Bates (Psycho, 1960) waren; und nach ihm der Joker in seinen diversen Erscheinungsformen. Dabei muss man rückblickend eine gewisse Ernüchterung zugeben. Was Anthony Hopkins in seiner oscarprämierten Rolle als Dr. Lecter veranstaltet, ist eher Overacting, als irgend etwas anderes. Hopkins’ Mimik ist manieriert, grenzt teilweise ans unfreiwillig Komische. Und der Film kann bis zuletzt nicht beweisen, dass Lecter nun tatsächlich ein Genie ist.

Zum Glück hat The Silence of the Lambs mehr zu bieten, als Hopkins’ überbewertete Performance. Viel spannender ist die Rolle der Clarice Starling, authentisch verkörpert von Jodie Foster. Als auszubildende Agentin muss sie sich gegen eine Welt durchsetzen, die von Männern dominiert ist. Sie liefert sich nicht nur einen intellektuellen Schlagabtausch mit dem patriarchalischen Lecter, sondern auch einen physischen mit dem pseudo-transsexuellen Buffalo Bill. Hinzu kommt, dass sie als Frau beim FBI hervorsticht – sie muss sich auf eine Art beweisen, wie es ihre männlichen Kollegen nicht müssen. Clarice ist eine bemerkenswerte weibliche Heldin; vor allem deshalb, weil Demme sie an keiner Stelle auf ihre Weiblichkeit reduziert. Die Hintergrundgeschichte mit dem Unschuldslamm wirkt forciert, gibt aber immerhin etwas symbolischen Subtext.

Die Jagd nach dem verbrecherischen Monstrum Bufallo Bill fällt dafür stereotyp aus. Die psychologischen Erklärungsmuster, die uns hier vorgesetzt werden, sind dürr. Die Story selbst ist alles andere als prickelnd, aber die Umsetzung ist fraglos bestechend. Jonathan Demmes Inszenierung macht aus dem spärlichen Plot eine atemlos spannende Angelegenheit. Er lässt die Kamera abstossend nahe an Lecters und Bills Gesicht kleben. Das Publikum hat keine andere Wahl, als dem »Bösen« ins Gesicht zu sehen. Die Eröffnungsszene, die Clarice bei ihrem morgendlichen Work-out zeigt, ist ein wunderschönes Charakterportait, das ohne Worte auskommt. Bei den beiden Psychos geht Demme dann in die Vollen und verzichtet auf jegliche Subtilität. Das hat einen Effekt, hinterlässt aber oftmals einen billigen Nachgeschmack, da es arg manipulativ wirkt – im Falle von Buffalo Bill schon voyeuristisch. Etwas leisere Töne hätte The Silence of the Lambs gut getan. Die Verhandlung zwischen Lecter und der US-Senatorin ist comichaft überzeichnet. Auch die Schlusspointe muss man platt nennen. Sie ist fast schon eine Trivialisierung des Verbrechens.

Allzu oft setzt Demme auf die Sensationslüsternheit des Publikums, wirkliche Erkenntnisse und kluge Botschaften vermittelt er nicht. Trotzdem. Mit seinen formalen Qualitäten kann der Film durchaus punkten. Die Gespräche mit Dr. Lecter entwickeln eine bedrohliche Sogkraft, der man sich kaum zu entziehen vermag – auch wenn man sie leicht als prätentiös durchschaut. So ist The Silence of the Lambs solides Spannungskino, das den Oscarregen 1991 nicht unbedingt verdient hat, aber trotzdem einen bedeutenden Markstein im Subgenre des Serienmörderfilms gelegt hat.

7/10

[1] Penner, Jonathan/Schneider, Steven Jay: »Slasher und Serienmörder«. In: Duncan, Paul/Müller, Jürgen: Horror Cinema. Köln: Taschen 2017, S. 24.

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