Review

Warum tut man sich das nochmal an?
Möglicherweise weil man seit seiner frühesten Jugend ein großer Fan von Judy Garlands zauberhafter Reise in das magische Land Oz ist oder eventuell auf Musicals wie "Wicked" steht. Da hofft man immer noch, daß aus Hollywood mal wieder etwas so Naives, Knallbuntes kommt, das den Zuschauer mit seinem Charme und seinen Bilder verzaubern kann.
Momentan hat der Zauberer von Oz mal wieder Hochkonjunktur und so kommt nach "Tin Man" jetzt "The Witches of Oz" als Weihnachtsspecial geflogen, eine volle 160minütige Breitseite für alle Fans von Dorothy, der Vogelscheuche, dem Zinnmann und dem furchtsamen Löwen.

Just abendprogrammkombatibel auf 102 Minuten zusammengekürzt, war das Epos jetzt schon mal im Vorweihnachtsprogramm zu bewundern - und was blieb ist Grund genug, vom Kauf der längeren Fassung abzuraten, auch wenn das Ergebnis nicht ganz so schauerlich schlecht ist, wie etwa die eigentliche Hollywood-Fortsetzung "Return to Oz".
Orientiert hat man sich jedoch trotzdem an den beiden Kinofilmen, also den Stil beibehalten - nicht eine völlige Abkehr wie bei "Tin Man", sondern eine modernisierte Chimärenversion, die zwischen den Welten, zwischen Oz und dem modernen New York changiert. Oder noch besser und billiger: die fast ausschließlich in New York spielt, weil das billiger ist.

Das Rezept für so einen Zweiteiler ist da recht bewährt: man miete sich eine Heerschar recht bekannter Darsteller aus der zweiten Reihe und sorge so für einen permanenten Wiedererkennungseffekt. Dann mische man verschiedene Teile der Geschichte, ordne sie neu an und sorge dafür, das letztendlich das Gleiche dabei herauskommt.
Das bedeutet, von Kansas geht die Reise für die Oz-Autorin Dorothy diesmal in eine andere Art der Smaragdstadt, nämlich in den Big Apple, wo zu ihrer erfolgreichen Kinderbuchreihe auch noch ein rowlingesker Filmdeal droht. Natürlich steckt eine ganz fiese Verschwörung dahinter, denn die böse Hexe aus Oz (die vom Eimer Wasser offenbar doch nicht lethal geschmolzen war) will mit ihrer kopftauschenden Kollegin diesmal die Macht über das magische Land erringen und das funktioniert nur mittels eines magischen Buches. Dazu wiederum braucht man einen Schlüssel und der ist, ohne das die Verantwortlichen es wissen, in mehrere Teile aufgeteilt worden.

Bis man diesem Plan aber endlich erfährt, dauert der Film schon einiges an Laufzeit, man muß das Mysterium des Prologs
durcharbeiten, in dem eine junge Dorothy im Jahr 1899 per Wirbelsturm verschwindet (passenderweise summieren sich schon in der Erscheinung des Kindes so viele Anachronismen, daß es den ganzen Spaß verdirbt); man muß durch die offensichtlichen Ränke rund um den Hollywooddeal und die scheußlich chargierende Agentin durch und darf sich an einer abstrakten Form von Liebesgeschichte zu einer Zufallsbekanntschaft in Gestalt von Billy "Pippin" Boyd abarbeiten. Häppchenweise werden Informationen verteilt und verschiedenen Neubewertungen unterzogen und irgendwann nach der Hälfte hat auch der Dümmste begriffen, daß man hier a) eine Parade aller verfügbaren bekannten Figuren vorgesetzt bekommt und b) der Reiz darin besteht, zu raten, wer denn nun als welche Figur enttarnt wird.
Es dauert endlos, bis man endlich sämtliche bekannten Requisiten ins Spiel und in Position gebracht hat, um dann reichhaltig die beiden bisherigen Filme zu zitieren und dann kriegt man auch noch Christopher Lloyd in einer schrillen "Verrückter Hutmacher"-Parodie als Zauberer präsentiert. (Die Nähe zu "Alice im Wunderland" ist manchmal überdeutlich, wenn sich einige Figuren nur in Limericks unterhalten oder die böse Hexe vollkommen sinnfrei zum letzten Gefecht ein Gedicht aus dem Lewis-Caroll-Klassiker zitiert.)

Gut, man hat schon Schlechteres gesehen und das Malen nach Zahlen wird vielleicht ein paar Fans schon wegen des flüchtigen Mitspielniveaus begeistern, aber alles läuft dann doch auf einen ziemlichen Nepp heraus, wenn man endlich eine große Überraschung erwartet. Stattdessen ziehen die Figuren von Oz schließlich in den Straßen der US-Metropole zur finalen Schlacht aus und dürfen alle mal mehr, mal weniger gelungene Masken in die Kamera halten (ordentlich: Vogelscheuche; schlecht: Löwe; Terminator-Cameo: Zinnmann). Der Maskenbilder klebte offensichtlich auf Wunsch an den Originalentwürfen aus dem 39er-Klassiker, nur die Slipper hat man dann doch buchgetreu in Silber gelassen - was das finale Trickspektakel aus dem Computer jetzt aber auch nicht eben wirklich zauberhaft macht.

Was die Darsteller anbetrifft: Paulie Rojas als "Dorothy" hat sich bestimmt über ihre Hauptrolle gefreut, muß aber so aufgesetzt mit "Wow"-Faktor agieren (oder chargieren), daß es irgendwann nur noch ärgert. Eliza Swenson chargiert als böser Gegenpart, während Mia Sara wenigstens ein bißchen Spaß mit ihrem Kopftausch hat. Neben ordentlichen Cameos wie das von Lance Henriksen ist Lloyd total over the top, aber das ist immer noch besser als die irritierte Belanglosigkeit, die Billy Boyd darstellen muß, während um ihn herum das Fantasyland explodiert. Und alles ist besser als die depperten Winzlinge, die von Ethan Embry und Sean Astin unglaublich witzlos präsentiert werden.
In der kurzen Version ist "Witches of Oz" also unglaublich vollgepackt mit Figuren, Gesichtern, Tricks, aber die Geschichte kommt nicht ins Rollen und die Auflösung macht keineswegs deutlich warum und wieso man überhaupt so kompliziert vorgegangen ist. Die Vorstellung, davon 160 Minuten durchstehen zu müssen, kann wirklich nur mit einer Feiertagsdepression in Verbindung gebracht werden.

Was schade ist, denn der Aufwand ist beträchtlich, die Tricks sind ordentlich für eine TV-Produktion und die Ausstattung und Kostüme haben zumindest teilweise einiges an handwerklichem Können und Einfallsreichtum erkennbar gemacht. Nur das Skript ergeht sich in wenig erkenntnisreichen Wendungen und Verschlingungen und scheint sich zeitweise sogar in sich selbst zurückzudrehen. Ich mag ein wenig puristisch sein, doch ich könnte mir die Vorlage in einer modernisierten Version durchaus gut vorstellen, hier jedoch hat man einfach nur versucht, die Figuren aus dem Fleming-Klassiker in eine moderne Umgebung zu drücken und zu hoffen, daß der Culture Clash mit seinen vielen Überraschungsenttarnungen schon seine Wirkung tun wird. Mag sein, daß das manchmal funktioniert, ein funktionsfähiges Ganzes wird nicht daraus. (4/10)

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