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Das Zack Snyder seine Hauptfigur "Baby Doll" nannte, verdeutlicht zwei wesentliche Faktoren des Films - zum Einen drehte er erstmals einen Film nach seiner eigenen Idee und selbst verfasstem Drehbuch, zum Anderen verweist er damit gleich auf die erotische Komponente seines Films. Mit dem Namen zitiert er Carroll Bakers Rolle aus dem gleichnamigen Film von 1956, die darin die verführerische Unschuld personifizierte - eine sehr junge Frau, die die Männerphantasien anregt, aber gleichzeitig unberührt bleibt.

Konsequenterweise versah Snyder "Baby Doll"-Darstellerin Emily Browning nicht nur mit den selben optischen Attributen - blasser Teint, blondes Haar mit Zöpfen, helle Kleidung - sondern versetzte das gesamte Geschehen gleich in die 50er Jahre. Damit lässt sich auch leichter begründen, warum Baby Doll sofort in der Irrenanstalt landet, als sie versehentlich ihre kleine Schwester erschießt. Tatsächlich hatte sie es auf ihren bösen Stiefvater abgesehen, dem sie damit noch einen Gefallen tat, da er damit beide Stieftöchter los ist, die das Vermögen seiner Frau geerbt hatten. Der Begriff "Irrenanstalt" ist nicht übertrieben für die Institution, in die Baby Doll eingeliefert wird, denn das burgartige Gebäude entspricht dem Klischee einer Anstalt, indem missliebige Mädchen derart geheilt werden, dass sie danach keine Belastung mehr für ihre Umwelt darstellen - sollten sie die Behandlung überlebt haben.

Mit dieser Vorgeschichte endet die Handlung prinzipiell, die sich auch bei der Vorstellung der weiteren Charaktere keine besondere Mühe gibt. Das ist auch nicht notwendig, da sich das Geschehen fast ausschließlich aus einer subjektiven Sicht abspielt. Snyder wählte dafür den typischen Verdrängungsmechanismus eines Opfers, dass die Realität in ein Fantasiegebilde umwandelt, um sie ertragen zu können. Wirkten schon die ersten Zeitlupen artigen Szenen überhöht, aber noch im realen Raum stattfindend, wandelt sich die finstere Anstalt in ein Edel-Bordell, in dem die Mädchen unter der Leitung der Puff-Mutter (Carla Gugino), bei der es sich real um die Psychotherapeutin handelt, den Männern vortanzen, bevor sie ausgewählt werden.

Baby's vier Kolleginnen verkörpern alle einen optisch eigenständigen Typ, der ihre weitere Charakterisierung vernachlässigbar werden lässt - Vanessa Hudgens als schwarzhaarige "Blondie", Jamie Chung als orientalische Schönheit "Amber", Jena Malone als kurzhaarige "Rocket" und Abbie Cornish als ihre ältere und vernünftige Schwester "Sweet Pea". Mehr erfährt man nicht über sie und mehr braucht man nicht zu wissen, denn sie Alle verfolgen nur einen Plan - die geplante Entjungferung der Baby Doll in fünf Tagen zu verhindern, indem sie bis dahin gemeinsam fliehen. Dafür benötigen sie vier Gegenstände, die nur organisiert werden können, wenn Baby Doll ihren Tanz vorführt, der alle Männer in ihren Bann zieht.

Wer angesichts der hübschen Darstellerinnen, der figurbetonten Kleidung und der Bordell-Atmosphäre auf anzügliche Details hofft, wird enttäuscht werden. Zack Snyder gelingt es unter der äußerlichen Attraktivität jede vordergründige Erotik zu vermeiden - weder gibt es laszive Bewegungen oder Gespräche, keinerlei Nacktheit, noch irgendeinen Tanz zu sehen, obwohl dieser ständig im Mittelpunkt steht. Denn wenn Baby Doll zu tanzen beginnt, dann verschwindet sie in andere Sphären, erst allein, dann mit ihren Mitstreiterinnen, um dort die Dinge auszufechten, die sie auch in der Irrenanstalt erlebt. Spätestens beim Anblick dieser Welten, weiß der Betrachter, wessen Fantasien in Baby Doll's Gehirn herum spuken - die von Zack Snyder.

Ob es sich um riesige Schwertkämpfer handelt, eine Drachenburg oder deutsche Soldaten im Krieg - Zack Snyder tischt hier einen optischen Overkill aus Film-, Comic- und Computerspielwelten auf, der keinen Zweifel an der künstlichen Überhöhung des Geschehens lässt. Wirkliche Spannung können diese Gefechte kaum erzeugen, da sie nur der Fantasie entspringen, zudem auf satirische Elemente und konkrete Gewalt verzichtet wird, aber Snyder kombiniert diese Bilder zu einer treibenden Musik, die ähnlich staunen lassen sollen wie Baby Doll's Tanz. Tatsächlich steigert er sich noch, als er bei einer futuristischen Zug-Szene die Fantasie zu brechen beginnt, die zudem von der Cover-Version des Beatles-Songs "Tomorrow never knows" begleitet wird, der damals schon moderner klang, als die meisten aktuellen Songs.

Während die fünf Mädchen insgesamt sehr zurückhaltend und niemals vulgär agieren, liegt es vor allem am Wärter / Zuhälter Blue (Oscar Isaac) hier den typischen Bösewicht zu verkörpern. Er darf je nach Situation brutal sadistisch oder weinerlich enttäuscht agieren, um gar nicht erst den Eindruck zu hinterlassen, hier handele es sich um eine reale Charakterisierung. Damit fügt er sich in ein Gesamtbild ein, das so voller Klischees und bekannten Storyelementen ist, dass der Film letztlich keine Erwartungshaltung befriedigt.

"Sucker punch" bietet haufenweise Action, die nur im luftleeren Raum stattfindet, erzeugt Hass, ohne diesen zum Ausbruch kommen zu lassen, und stellt schöne Frauen in den Mittelpunkt, ohne sie voyeuristisch zu missbrauchen. "Sucker punch" bietet keine klassische Genre - Ware, sondern ist Zack Snyders persönliche Fantasie, die sich - losgelöst von irgendeiner Comicvorlage - endlich ohne Ideologie oder sonstigen Anspruch frei entfalten kann. Er schafft damit ein Spiegelbild des aktuellen Anspruchs an Unterhaltung im Kino, nicht ohne auch die Leere dahinter erahnen zu lassen, aber auch mit einer ganz privaten männlichen Vorliebe für die verführerische weibliche Unschuld (8/10).

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