"Du hast alle Waffen die du brauchst. Jetzt kämpfe!"
Nach dem Tod ihrer Mutter bleiben Babydoll (Emily Browning) und ihre Schwester allein mit ihrem Stiefvater zurück, der es auf das Erbe abgesehen hat. Das Testament bevorzugt jedoch die beiden Töchter. Verärgert bedrängt er immer wieder die beiden Mädchen. In einer Konfliktsituation erschießt Babydoll versehentlich ihre Schwester. Ihr Stiefvater nutzt die Gelegenheit und lässt sie in eine Nervenheilanstalt einliefern. In 5 Tagen soll sie einer Lobotomie unterzogen werden. Um der harten Realität zu entfliehen, phantasiert sie sich in eine Traumwelt, in der sie mit ihren vier Leidensgenossinnen Sweet Pea (Abbie Cornish), Rocket (Jena Malone), Blondie (Vanessa Hudgens) und Amber (Jamie Chung) an einem Plan zur Flucht arbeitet. Sie erlebt diese Traumwelt als Edel-Bordell, in dem sie von Blue Jones (Oscar Isaac) zur Mitarbeit in Madame Gorskis (Carla Gugino) Tanzshow gezwungen wird, bis in 5 Tagen ihr erster Freier antritt. Während der Tänze taucht sie noch weiter ab und gelangt in groteske Phantasiewelten, in denen sie sich mit brachialer Waffengewalt unter Anleitung eines weisen Mannes (Scott Glenn) zu behaupten versucht.
Zack Snyder ("300", "Watchmen") setzt in seiner erstmals selbst erstellten Geschichte auf ein aufreizendes sowie charakterloses Mädchen-Quintett und erhält dadurch bereits im Vorfeld die Kritik ein sexistisches, machohaftes und lächerliches Werk zu präsentieren. Tatsächlich erregt es keinerlei Emotion, wenn eine der Protagonistinnen ablebt und nutzt bis dahin ihre visuellen Reize. "Sucker Punch" ist allerdings keine pure Reduktion auf weibliche Formen, sondern eine scharfsinnige Beobachtung zur Vereinnahmung der Frau durch eine von Männern entworfene Popkultur und somit einer der mutigsten und ehrlichsten Filme der letzten Jahre.
Das Intro zeigt direkt, wie die ureigene Faszination von "Sucker Punch" funktioniert. Zu einer neu gemischten Version von "Sweet Dreams" verläuft die Vorgeschichte von Babydoll ohne irgendwelche Dialoge. Musik und Bildsprache erzählen kurzgefasst die Rahmenhandlung, ohne dass irgendwelche Fragen aufkommen. Diese inszenatorische Form nutzt Snyder mehrere Male und erzeugt damit ein enormes Tempo. Langweile kommt hier also nicht auf, jedoch nutzt sich die Inszenierung mit der Zeit mangels Abwechslung ein wenig ab.
"Sucker Punch" hat seine Priorität auf optischer Reizüberflutung und immens ausufernden Actionsequenzen. Völligst unkompliziert ist der Film allerdings nicht. Der schlicht gehaltene Anspruch entsteht durch eine Verschachtelung sowie Verknüpfung der Realität und den verschiedenen Traumebenen. Die Lobotomie äußert sich folgerichtig als drohende Entjungferung durch einen Elite-Kunden in Babydolls Bordellvision, die Beschaffung der Utensilien zur Flucht als Aufgabenstellungen in virtuosen Welten.
Während man die Gestaltung des Edel-Bordells noch locker als bodenständig bezeichnen kann, sind die Visionen der dritten Traumebene jenseits der Realität. Geschickt fädeln sich diese in die Tanzszenen von Babydoll und kombinieren den Kampf ihrerseits mit der riskanten Beschaffung eines benötigten Werkzeugs. Snyder bedient sich dabei allem was das filmische und videospieltechnische Zeitgeschehen beeinflusst hat und kombiniert diese Elemente miteinander.
Die enorm detailreich präsentierten Welten strecken sich von japanischer Historie, Weltkriegsszenario, klassischen Fantasy Schlachtfeldern bis zu futuristischem Technikzeitalter. Der Wiedererkennungswert von bekannten Marken, wie "Der Herr der Ringe" oder der "Final Fantasy" Spielereihe ist dabei kaum zu übersehen. Und so ist es auch kaum ein Wunder, dass "Sucker Punch" wie ein Videospiel wirkt. Die Aufgabenstellung ist einfach und knapp, die düstere Optik stets dominiert von graubraunen und kalten Farben. Die rockige Auswahl an bekannten Songs, wie “Where is my Mind” oder “White Rabbit”, passt zur gebotenen Bilderflut, die durch viel Einbindung von Slow-Motion übersichtlich bleibt.
Die Effekte sind auf hohem Niveau. Gerade der Ausbau der Welten könnte protziger nicht sein. Diverse Luftvehikel wie Zeppeline oder Bomber bevölkern den Luftraum während auf dem Boden eine Vielzahl animierter Orks oder Roboter Kugeln, Feuer oder Schwerthieben ausweicht. Hohe, weite Sprünge und ein immenses einstecken von Schlägen suggerieren einen surrealen Eindruck. Ebenso die Trefferdarstellung in Form von Licht, Staub oder Gas, die gleichzeitig einen augenzwinkernden Blick auf angewendete Zensurpolitik wirft.
Die Charakterentwicklung ist aufs minimalste beschränkt, was auch die Möglichkeiten der Darsteller beeinflusst. Diese werden nämlich kaum gefordert. Die Performance von Emily Browning ("Der Fluch der 2 Schwestern"), Abbie Cornish ("Candy"), Vanessa Hudgens ("High School Musical"-Reihe), Jena Malone ("Donnie Darko") und Jamie Chung ("Dragonball Evolution") beschränkt sich also auf die häufig kritisierte rein visuelle Präsenz. Ein wenig schade ist es, dass dabei auch erfahrenere Schauspieler, wie Scott Glenn ("Das Schweigen der Lämmer"), in ihren Fähigkeiten eingeschränkt werden.
"Sucker Punch" ist ein audiovisuelles Erlebnis und spricht primär Videospieler an, die mal nicht interaktiv agieren, sondern von zeitgemäßer Optik und jeder Menge brachialer Action berieselt werden wollen. Wer sich traut auch hinter die Fassade zu sehen, entdeckt zusätzlich ein schlichtes Drama um ein misshandeltes Mädchen, das sich seiner Fantasie bedient um Freiheit zu erlangen. Die Verknüpfungen der stimmungsvollen und effektreichen Traumwelten zueinander und der realen Welt ist durchdacht. Weniger jedoch das Charakterdesign, das neben Klischees auch noch die Darsteller in ihre Schranken verweist.
Der titelgebende hinterrückse Schlag in die Magengrube äußert sich im übrigen nur durch einen tritt ins Gemächt. Leider nicht ganz so überraschend und effektiv wie eine wirkliche Wendung die unerwartet kommt. Knappe ...
9 / 10