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Kaum ein anderer Blockbuster-Regisseur der Gegenwart dürfte derartig polarisieren wie Zack Snyder: Für eine Gruppe war das “Dawn of the Dead” Remake ein gelungen modernisierter Zombie-Streifen, wohingegen die andere lediglich ein seelenloses Machwerk sah, welches nicht im Geringsten den Geist des Originals atmete. Während “300” von seinen Fans als stilvoll inszeniertes Action-Feuerwerk gefeiert wurde, kam von der Gegenseite lediglich pure Verachtung angesichts der inhaltlichen Leere und des faschistoiden Gedankenguts. Selbst der in eine viel seriösere Richtung gehende und zu großen Teilen gelobte “Watchmen” wurde noch mit genügend negativer Kritik bedacht. All diese Zwists verblassen jedoch angesichts der enormen Zwiespältigkeit, mit der Snyders neuster Film aufgenommen wurde: Selten war die Schere zwischen Liebe und Hass dermaßen weit geöffnet wie bei “Sucker Punch”.

Nach dem Tod der Mutter ist Baby Doll (Emily Browning) den Gelüsten ihres grausamen Stiefvaters ausgesetzt. Als sie ihre hilflose Schwester beschützen will, bringt sie die Kleine versehentlich um. Ihr Vormund lässt sie darauf in eine psychiatrische Klinik einweisen. Da Baby Doll all dies nicht ertragen kann, flüchtet sie sich in eine nicht unbedingt angenehmere Traumwelt - ein Freudenhaus unter der Leitung des sadistischen Blue (Oscar Isaac), welcher die Jungfräulichkeit seines neuen Mädchens für viel Geld verkaufen will. Bevor dies jedoch geschehen kann, plant sie zusammen mit Sweet Pea (Abbie Cornish), Rocket (Jena Malone) und zwei weiteren Gefangenen die Flucht. Ihre Komplizinnen sollen für den Ausbruch wichtige Gegenstände klauen, während Baby Doll die Belegschaft des Etablissements mit ihrem hypnotischen Tanz ablenkt…

Erstmals verzichtet Zack Snyder auf eine Vorlage (sei es nun in Form eines Films oder Comics) und darf somit seiner eigenen Fantasie freien Lauf lassen. All die Kritiker, welche bei “Inception” die fehlende Surrealität in den Träumen bemängelten, müssten bei “Sucker Punch” theoretisch voll auf ihre Kosten kommen: Während Baby Dolls primärer Zufluchtsort, das Bordell, ebenfalls eher trist erscheint, bietet ihr tranceartiges Abtauchen in die Tänze eine Vielzahl illustrer Absurditäten. Seien es nun Gatling schwingende Riesen-Samurai, untote Wehrmachtssoldaten oder Orks und Drachen - die thematisch abwechslungsreichen Missionen sind auf eine spaßige Art abartig abgehoben. Die Gefechte gegen diese Fantasy-Schergen sind astrein inszeniert. Snyder arbeitet exzessiv mit stilvollen Zeitlupen sowie ausschweifenden Kamerafahrten, die die opulente Action imposant einfangen. Höhepunkt dieser optischen Eleganz stellt das genüssliche Auseinandernehmen einer Roboter-Armee dar, welches ohne augenscheinlichen Schnitt daherkommt. Dass die Schlachten zutiefst CGI-geschwängert und daher mit einem einer gewissen Videospiel-Ästhetik versehen sind, ist keineswegs von Nachteil, unterstreicht es doch die gewollt unwirkliche und überzogene Atmosphäre. Eyecandy vom Feinsten - ebenso stumpf wie hochgradig unterhaltsam.

Die große Frage ist nun: Hat der Film neben diesen bombastischen Collagen noch etwas zu bieten? Die Antwort darauf lautet: Ja, mehr als gedacht. Wer einen reinrassigen Action-No-Brainer erwartet hat, dürfte angesichts des Gesamtprodukts positiv überrascht (oder wahlweise angenervt überfordert) sein. Das Szenario dient nicht nur als Aufhänger für die starken Action-Einlagen, sondern weiß zudem eine intensive Rahmengeschichte zu transportieren. Auch wenn die Komplexität nie den Grad das bereits angesprochenen “Inception” erreicht, sind die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Wahrnehmungsebenen doch interessant zu beobachten. Trotz mangelnder charakterlicher Tiefe kann durch das atmosphärisch-düstere Setting sowie die dunkle Dramatik ein beklemmendes Bild eines psychisch völlig fertigen Mädchen gezeichnet werden. Dies ist nicht zuletzt dem tollen Soundtrack zu verdanken, welcher die finstere Stimmung perfekt untermalt - die grandios inszenierte Eröffnungssequenz zu einem “Sweet Dreams“-Cover sei ebenso wie die Einweisung zu einer “Where is my mind?”-Neuinterpretation als Beispiel angebracht. Die eigentliche Handlung präsentiert sich eher schlicht, schlägt jedoch ein paar nicht erwartete Haken und langweilt somit keineswegs.

Schauspielerisch dürfen drehbuchbedingt keine Glanzleistungen erwartet werden. Dennoch meistert jeder seinen Part im anständigen Maße und kann die jeweils eher eindimensionale Rolle mit den erforderlichen Eigenschaften auskleiden. Sei es nun Oscar Isaac als schmieriger Boss, Scott Glenn als charismatische Vaterfigur oder Emily Browning und ihre Mädchen-Truppe mit dem Wechselspiel von betroffen-betrübt und kämpferisch-cool. Der Vorwurf, der Film würde nur mit Sex und Gewalt ködern, stellt sich dabei als absolut gegenstandslos heraus. Die Darstellerinnen geben sich vergleichsweise ziemlich züchtig, und auch der Blutzoll hält sich schon allein aufgrund der übernatürlichen Wesen stark in Grenzen (siehe bspw. die Zombie-Soldaten, welche Dampf statt roten Lebenssaft versprühen). Stattdessen präsentiert Snyder eine Vielzahl von Bildern und Motiven, dessen Interpretation gern gesehen, für den Filmgenuss aber nicht zwangsläufig notwendig ist (Stichwort: Stellung der Frau und Befreiung aus männlicher Unterdrückung, welche durch das Bordell so vortrefflich illustriert wird).

Fazit:Sucker Punch” spaltet die Massen - womöglich auch, da der gern missverstandene Streifen mehr ist als eine hohle Aneinanderreihung von lasziven Action-Szenen. Wenn es kracht, geschieht dies auf bombastische und irrwitzig-absurde Art und Weise. Doch auch die Passagen zwischen diesen surrealen Spektakeln können trotz dünner Figuren überzeugen - einer beklemmend düsteren Atmosphäre sowie einer aufgrund verschiedener Wahrnehmungsebenen interessanten Erzählstruktur sei Dank. Der von Snyder tadellos inszenierte und mit einem tollen Soundtrack unterlegte Film mag vielleicht nur eine begrenzte Anzahl von Zuschauer unterhalten - diese dafür aber prächtig!

9/10

[bezieht sich auf den Extended Cut]

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