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Es klingt ja erstmal nach einer guten Idee: eine „Alice im Wunderland"-Adaptation mit düsteren Fantasy-Elementen, die auf drei metaphorischen Erzählebenen gleichzeitig abläuft. Wenn aber Regisseur Zack Snyder sein Werk selbst beschreibt, können einem schon erste Zweifel kommen: „Alice im Wunderland mit Maschinengewehren." Und das Ergebnis bestätigt genau dies - wo der Literaturklassiker bei aller Verrücktheit noch inhaltliche Stringenz aufwies, ist „Sucker Punch" eine endlose Aneinanderreihung komplett sinnfreier Action-, Kampf- und Effektepisoden.

Die Story, sofern es eine gibt, ist dabei lediglich hauchdünnes Mittel zum Zweck: Die junge Baby Doll (Emily Browning) wird von ihrem Stiefvater in die Irrenanstalt verfrachtet, wo sie lobotomisiert werden soll (wir schreiben die 60er). Hier flüchtet sie in eine Fantasiewelt: ein Bordell, aus dem sie mit einigen Mitgefangenen ausbrechen will. Dazu muss sie regelmäßig tanzen. Und diese Tänze werden als martialische Schlachtspektakel inszeniert. Erzählebene drei ist also reine Metapher - und das ist das Problem.

Denn so überbordend vor Effekten, Tempo, hektischen Schnitten, verwackelter Kamera, heftigen Feuergefechten und Horden von Gegnern diese Sequenzen auch ausfallen mögen - sie erzeugen nicht das geringste Quäntchen Spannung. Im Gegenteil sind sie enorm langweilig, weil eben so ausufernd und endlos. Denn da man von Anfang an weiß, dass hier nichts real ist, kann man auch schwerlich mit irgendwem mitfiebern; es besteht ja keine echte Gefahr. Die Kampfszenen, die Baby Dolls Tänze symbolisieren (die man selbst nie zu Gesicht bekommt), wollen dabei vor allem visuell punkten, wirken aber eher wie die Fieberfantasie eines Zehnjährigen: Steampunk-Universen voller Nazi-Zombies, mechanischer Kämpfer und feuerspeiender Drachen. Mittendrin die Mädels, die als hemmungslose Männerfantasien zelebriert werden, allen voran Baby Doll: In ihrem bauchfreien Outfit mit Minirock, hohen Strümpfen und High Heels (!) stellt sie den Bild gewordenen feuchten Traum eines jeden Pubertierenden dar - sogar ihre roten Wangen strahlen noch puren Sex aus. So bedenkenlos wurden Frauen in postmodernen Filmen selten als reine Angaff-Objekte inszeniert. Dass sie eigentlich brutale Kämpferinnen sein sollen - geschenkt. Eine derart sexistische Alt-Männer-Fantasie ist selbst für einen Zack Snyder-Film unterste Schublade.

Neben diesem absoluten Griff ins Klo sorgt „Sucker Punch" auch mit allerhand absurden Details immer wieder für unfreiwillige Lacher - seien es dämliche Dialoge oder der eher lächerliche Zusammenwurf der Fantasiewelten, in dem quasi alle Elemente verwurstet werden, die dem Drehbuchautor wohl aus allerhand Comics noch im Gedächtnis waren. Einen tieferen Sinn ergibt das zu keinem Zeitpunkt, auch wenn die pathetische Stimme aus dem Off am Anfang und am Ende etwas anderes behauptet: „Du hast alle Waffen, die du brauchst. Jetzt kämpfe!" Eine solche Ansprache möchte dem Film gern den tragischen Unterton der eigentlichen Grundstory verleihen - junge Mädchen, die auf verschiedene Weise ausgebeutet und deren Leben zerstört werden sollen. Doch davon bleibt innerhalb der schwachsinnigen Abenteuer-Story nichts übrig. Auch fallen viele der Spezialeffekte eher mau aus, was in einem Film, der so offensichtlich nur auf Spezialeffekte ausgelegt ist, wirklich peinlich rüberkommt.

Es gibt nur zwei einsame Höhepunkte in diesem kruden Machwerk: Das ist zum einen der kongeniale Soundtrack, der immer wieder mit düster-hypnotischen Coverversionen berühmter Songs eine zumindest stellenweise großartige Atmosphäre entwirft. Und das ist zum anderen die radikale Auflösung, die zwar durchaus Hoffnung aufbaut, aber von einem Happy End so weit entfernt ist, wie es eine Hollywood-Produktion nur sein kann.

Diese beiden Elemente retten „Sucker Punch" vor dem Totalabsturz. Trotzdem ist er selbst im Werk eines Zack Snyder, von dem man ja wahrlich keine tiefgehenden Storys gewohnt ist, ein übler Tiefpunkt, der mit dem Fehlen einer sinnvollen Story und ekelhafter sexistischer und gewaltrelativierender Inszenierung für Aufstoßen sorgen kann. Originelle Fantasy sieht weiß Gott anders aus.

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