Review

Nie war der Straßenstrich stylischer

In 12 Episoden & nur 83 Minuten von einer Dame mit gebrochenem Herzen zu einer Prostituierten bei einem schief gelaufenen Drogendeal... so schnell kann das bei Godard gehen! Diese experimentelle, dialogschwere Charakterstudie zerreißt mich innerlich: einerseits war die Coolness & Kunst Godards nie purer, Frankreichs Melancholie & Traurigkeit selten spürbarer. Andererseits ziehen sich die Minuten & eigentlich kurzweiligen Episoden doch oft wie Kaugummi - weil man einfach von Filmen zusammenhängende Geschichten erwartet. "Vivre sa vie" zwingt dich zum Mitdenken, Meinung bilden & ist eigentlich ein Stilfindungs-Experiment, kein richtiger Film. 

Natürlich gibt es umwerfende Bilder, einen einzigartigen Stil der sogar Tarantino nachweislich beeinflusste, eine der schönsten Hauptdarstellerinnen aller Zeiten & einen Melodie zum Träumen - aber fesseln oder gar unterhalten, konnte mich der Film extrem wenig. Wäre ich müder gewesen, wären die Augen schnell zu geklappt. Und das bei solchen ikonischen Bildern & einem so wichtigen Film - eine Schande, aber die Wahrheit. Mehr Kunstwerk denn Film, mehr Style-Fixstern als Erzählung. Aber in die Kategorie "Style over Substanc" würde ich ihn dann auch nicht stecken, dafür reichen philosophische Dialoge & traurige Blicke & Momente von Nana zu tief. Aber trotz seinem enormen Einfluss & coolen Stilmitteln, wirkt der Film doch arg artsy & auch antiquiert, es fehlt die emotionale Verbindung. Seiner Zeit weit voraus & doch ein so klares Kind der French Wave der 60s. Schweres Ding!

Trotz einer Protagonistin zum Verlieben & dutzender Gesichtsnahaufnahmen, litt ich nur selten mit ihr, fürchtete auch kaum um sie. Selbst das überraschende Finale wirkte so leider eher unfreiwillig komisch. Bei Filmen der französischen Nouvelle Vague, ärgert es mich auch immer mehr denn je, dass ich kein Französisch kann. Denn selten gingen Worte, Stimmung & Zugang so Hand in Hand, Bild in Bild. Verzögerte Untertitel oder schwammige Bruchstücke verzerren & schaden so leider - denn das Ganze scheint spontan & durchkomponiert gleichzeitig, mit einem hypnotischen Rhythmus & einer fesselnden Schönheit.

Fazit: alles, nur keine klassische Erzählung oder Geschichte. Wer sich in die 12 Episoden aus dem Abstieg & Leben der Nana S. fallen lässt, erlebt einen Höhepunkt der Nouvelle Vague! Anstrengend, aber es kann sich lohnen!

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