„Paradise lost (and found)"
Eine genaue Beobachtungsgabe für die kleinen Dramen, Glücksmomente und oft seltsam verschlungenen Wege des alltäglichen Lebens, fein ausgearbeitete Charaktere die wirklich lebensecht wirken sowie eine entspannte und dennoch fesselnde Erzählhaltung gehören nicht gerade zur Basisausstattung auch des anspruchsvolleren Hollywoodkinos. Regisseur Alexander Payne hat schon mehrfach (Sideways, About Schmidt) bewiesen, dass diese Einschätzung zumindest auf ihn nicht zutrifft. Dementsprechend groß war die Erwartungshaltung hinsichtlich seines neuesten Films, zumal er sich fünf lange Jahre dafür Zeit gelassen hat.
Für seine Anhänger jedenfalls dürfte sich das lange Warten gelohnt haben. The Descendants ist in vielerlei Hinsicht ein typischer Payne. Mit viel Sympathie für seine Figuren und einem untrüglichen Gespür für die richtige Balance zwischen Komik und Tragik erzählt er eine anrührende Geschichte, die in den Händen eines weniger fähigen Filmemachers eine Steilvorlage für triefenden Kitsch und/oder ebenso bedeutungsschweres wie unverdauliches Betroffenheitskino abgegeben hätte. Schließlich geht es um eine zerrüttete Familie, die aufgrund eines tragischen Unglücksfalls droht vollends auseinander zu brechen.
Auf den ersten Blick sieht alles noch recht freundlich aus. Matt King (George Clooney) ist ein erfolgreicher Anwalt, der mit seiner Frau und ihren beiden Töchtern auf Hawaii lebt. Als Treuhänder verwaltet er ein seit Jahrhunderten im Familienbesitz befindliches Stück Land, das bei einem Verkauf mehrere hundert Millionen Dollar einbringen könnte. Bei genauerem Hinsehen zeigt die glänzende Fassade allerdings einige Risse.
Matt ist ein Workaholic und verbringt nur wenig Zeit mit seiner Familie. Die 17-jährige Alex (Shailene Woodley) ist auf einer teueren Privatschule, wo sie mehr durch rebellisches Verhalten als durch ansprechende Leistungen auffällt. Ihre jüngere Schwester Scottie (Amara Miller) steht ihr da in nichts nach und hält den örtlichen Kindergarten gehörig auf Trab. Als Matts Frau nach einem Schnellboot-Unfall ins Koma fällt, sieht er sich plötzlich mit dem lange verdrängten familiären Chaos konfrontiert.
Sein Plan das lange Zeit vernachlässigte Familienleben wieder neu zu ordnen wird allerdings jäh zerstört, als er erfährt, dass seine Frau nicht mehr aus dem Koma erwachen wird. Beinahe gleichzeitig findet er heraus, dass sie eine Affäre mit dem Immobilienmakler Brian Speer (Matthew Lillard) hatte, von der Freunde, Nachbarn und auch seine Tochter Alex wussten. Hin und her gerissen zwischen Wut, Trauer und Fassungslosigkeit beschließt Matt mitsamt seinen Töchtern dem Nebenbuhler hinterher zu reisen und zur Rede zu stellen ...
Es ist dies die erstaunlichste Leistung Alexander Paynes aus dieser im Kern tieftraurigen Geschichte ein anrührendes Drama zu destillieren, das durchaus auch positive Emotionen wie Hoffnung, Warmherzigkeit und Heiterkeit transportiert. Immer wieder bricht er die Tristesse durch skurrile Situationen auf, die die teilweise heftigen emotionalen Tiefschläge etwas abfedern. Vor allem Alexs scheinbar unsensibler Freund Sid sorgt hier immer wieder - wenn auch unfreiwillig - für schmunzelnde Belustigung.
Herzstück des Films und hauptverantwortlich für den fein austarierten Stimmungs- und Gefühls-Cocktail ist die Beziehung zwischen Matt und seiner älteren Tochter Alex. Im Verlauf der Handlung nähern sich der zunächst als Ersatzelternteil Beschimpfte und die aus Vernachlässigung Aufsässige immer mehr an und schaffen es, die schwere familiäre Krise gemeinsam zu meistern. Die 17-jährige Alex reift in diesen wenigen Wochen vom verzogenen Teenager zur verantwortungsvollen, tatkräftigen Tochter und Schwester und füllt damit die schmerzliche Lücke, die ihre Mutter hinterlassen hat. Eine grandiose darstellerische Leistung der unbekannten Shailene Woodley, die es immer wieder schafft, neben dem ebenfalls großartig aufspielenden George Clooney Akzente zu setzen.
Wie schon bei About Schmidt mit Jack Nicholson gelingt es Payne auch hier mit George Clooney einen beliebten Hollywoodstar gegen sein Image zu besetzen, ohne seinem Film zu schaden. Im Gegenteil. Clooney torpediert gekonnt sein Womanizer- und Coolness-Image und glänzt als trotz seiner Fehler jederzeit sympathischer Mensch wie Du und Ich. Man ist sich nie sicher, ob er sich nicht von den zahlreichen und geballt auftretenden Schicksalsschlägen unterkriegen lässt. Man spürt wie sich Verzweiflung und Tatkraft ständig abwechseln und ihn letztlich nur seine neu entdeckte Verantwortung als Vater sowie Alexs Unterstützung über Wasser halten. Die sonst für Clooney so typische Abgeklärtheit und Souveränität weicht einer würdevollen Hilflosigkeit, die den Star erheblich menschlicher wirken lässt als gewohnt.
Und da ist sie wieder, die punktgenaue Beobachtung menschlicher Schwächen, Stärken und Emotionen, die The Descendants zu einem rundum überzeugenden, weil lebensnahen Drama machen. Regisseur Alexander Payne hat erneut deutlich gemacht, dass er einer der wenigen Filmemacher ist, die Komik, Tragik und Dramatik zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügen können, ohne dabei das wahre Leben artifiziell zu verfremden, oder gar lächerlich zu machen. Gefühlskino ganz ohne Kitsch sieht man nicht alle Tage, schon gar nicht in Form von (trotz der Thematik erstaunlich) verdaulicher Unterhaltung.