Review

Achtung: das Review enthält zahlreiche Spoiler.

"Das allmähliche Herannahen des Schicksals, der Bild für Bild sichtbar heranrückende Konflikt, läßt eben die bange, schwüle Stimmung entstehen, die viel schrecklicher sein kann, als die größte plötzliche Katastrophe. [...] So wird die Überraschung einer neuen, ungeahnten Gefahr nie so unheimlich wirken wie eine, die immer wiederkehrt, die man darum immer erwartet, die dadurch eigentlich immer zugegen ist und die so zum verfolgenden, unentrinnbaren, geheimnisvollen Fatum wird."[1]
Zwar legte Balázs mit diesen Worten den Schwerpunkt auf die in den Filmbildern zu sehende Anbahnung einer Gefahr, und weniger auf eine durch Konventionen und Seherfahrungen erahnbare Gefahr, aber letztlich kann man mit diesen Worten auch letztere und ihre Faszination wunderbar beschreiben: und gerade der Slasherfilm mit seinen lange Zeit sehr festgefahrenen Konventionen lebte gerade davon, dass das Publikum im Grunde immer ahnte, was geschehen würde und bloß noch schaulustig der Bestätigung dieser Ahnung entgegenfieberte.

Doch mit Wes Cravens "Scream" (1996) änderte sich einiges: die Regeln wurden im Film selbst von den Figuren reflektiert, die der Film dann bestätigte oder gegen sie verstieß - ein unberechenbares Spiel mit den ärgsten Klischees der Filmgeschichte. "Scream" funktionierte gerade deswegen so gut, weil der Film den Zuschauer ernst nahm (bzw. weil Craven und Williamson, die Verantwortlichen hinter dem Film, die Zuschauer ernst nahmen) und ihm klar machte, dass er weiß, dass der Zuschauer weiß, wie die Klischees lauten. Mit "Scream 2" (1997) weiteten Craven und Williamson das Spiel auf die Sequels und ihre Regeln aus, mit "Scream 3" (2000) wollten Craven und Kruger dann entsprechend dem Konzept der Trilogie auf den Grund gehen und zugleich die Reihe abschließen.
Dass eine erfolgreiche Slasherserie endgültig ruhen soll, war zwar nicht sehr wahrscheinlich - aber immerhin hat man tatsächlich über 10 Jahre die Finger von Ghostface, Sidney, Gale und Dewey gelassen und sich damit das Recht erworben, das Melken einer gewinnbringenden Reihe unter Zuhilfenahme der letzten unerwarteten Überraschung gehörig durch den Kakao zu ziehen. Und auch der Remake- und Reboot-Wahn, der gerade das Genre des Horrorfilms in den letzten Jahren so arg durchzog, wie kaum jemals zuvor, wird zur Zielscheibe von "Scream 4", für den sich wieder Craven und Williamson verantwortlich zeigen.

Der Film beginnt [Achtung: Spoiler!] mit einem Dialog über fehlende oder vorhandene Qualitäten der "Saw"-Reihe (2004-2010), ehe ein Anruf die Unterredung zweier junger Frauen unterbricht, die nun beide jeweils einem "Ghostface"-Mörder zum Opfer fallen. Es folgt die Titeleinblendung "Stab 6", über den dann sogleich zwei Zuschauerinnen streiten: das zum Klischee gewordene Spiel der postmodernen Bemühungen nerve, und ohnehin sei die "Stab"-Reihe nach den drei Original-Teilen immer schlechter geworden sowie durch und durch vorhersehbar. In ihren Ausführungen kommt jedoch eine von beiden nicht sehr weit, die andere sticht sie urplötzlich kaltblütig nieder. Es folgt die Titeleinblendung "Stab 7" - und wieder lassen sich zwei junge Frauen über einen Horrorfilm aus (worin liegt schon der Sinn, "Stab 6" in "Stab 7" als fiktiven Film einzuführen - das mag sich schon bei "Halloween III: Season of the Witch" (1982) der eine oder andere gefragt haben, während Cravens "New Nightmare" (1994) solch ein Konzept hervorragend meisterte). Und erneut muss der Zuschauer zum Zeuge eines Verbrechens werden, ehe dann der richtige Titel, "Scream 4" erscheint.
Dass sich das Spiel mit Selbstreflexion und Metaebene nach "Scream" seinerzeit auch durch einige andere Titel zog (am deutlichsten sicherlich im reichlich missratenen "Urban Legends: Final Cut" (2000)), greift Craven hier selbstbewusst auf, und wird beweisen, dass man nicht nur den konventionellen Slasherfilm, das Sequel und die Trilogie, sondern auch den reflektierenden Metafilm mit den Mitteln der Metaebene und der Reflexion spaßig, spannend und (relativ) gehaltvoll abhandeln kann. Dabei läuft "Scream 4" im Endeffekt ab, wie man es erwartet hat: alte und neue Klischees (Jungfrauen werden nun auch umgebracht - oder doch nicht? - und Schwule sind mittlerweile auf der sicheren Seite - oder doch nicht?) werden bedient und zurückgewiesen, ebenso alle denkbaren Reflexionen über diese Klischees, und einmal mehr herrscht die pure Unberechenbarkeit, die dem Zuschauer deutlich vor Augen führt, dass er zwar alles zurecht ahnt, aber damit dennoch nicht immer Erfolg haben wird.

Dennoch hat sich das Genre (und nicht nur das Genre allein) zwischen Cravens "Scream"-Trilogie und dem Wiedereinstieg "Scream 4" gehörig geändert und diese Entwicklung bringt der Film spielerisch mit hinein - und nicht nur, weil er gemäß der neuen Welle des Terrorfilms der mit leichtem Abstand härteste Beitrag der Reihe ist. Als "Stab 6"-Titelsequenz wird "Scream 4" den Begriff des Torture-Porn bereits ins Spiel bringen, Häme richtet sich aber weniger gegen die explizite Wunddarstellung dieser Filme, sondern eher gegen die zahllosen Plottwist-Sequels, die die "Saw"-Reihe als populärster Beitrag dieser Entwicklung ("Saw" hat sicherlich die erste Dekade des Horrorfilms im 21. Jahrhundert dominiert) hervorgebracht hat.
In einer anderen aussagekräftigen Szene wird ein potentielles Opfer des blutigen Treibens am Telefon das Gros an Horrorklassiker-Remakes der letzten Jahre runterleiern, um ihrem Freund in solch einem Horrorfilmquiz das Leben zu retten: ironischerweise selbst eine Art "Reboot" von Cravens "Scream", wo der an den Stuhl gefesselte Freund außerhalb des Hauses vor dem Pool noch sein Leben lassen musste, weil in "Friday the 13th" (1980) nunmal Jasons Mutter und nicht Jason der Täter war.
Diese "Selbststilisierung" des späten Sequels "Scream 4" zum "Remake/Reboot" der Originalreihe wird auch zum Ende hin nochmal überdeutlich aufgenommen werden: erneut stecken gleich zwei Schuldige hinter der Ghostface-Maske und stechen sich selber ab, um die Schuld von sich zu lenken.
Doch - gottseidank - bleibt die Würde des Originals (die vielen Filmfans so teuer und heilig ist) unangetastet, während "Scream 4" diesem durchaus weitestgehend gerecht wird: und so kann dann auch am Schluss die bereits schwerverletzte Sidney die übriggebliebene Täterin (deren Motivation es in Facebook-Zeiten, in denen Fans mehr zählen als wahre Freunde, ist, sich zur einzigen Überlebenden des von ihr veranstalteten Massakers zu machen, um jene 15 Minuten Ruhm zu erleben, mit denen Sidney seit damals leben kann oder muss) mit dem Hinweis, dass ein Remake sich niemals mit dem Original anlegen solle, außer Gefecht setzen.

Ebenso, wie "Scream 4" also Schlüsselszenen des zum Genreklassiker gewordenen "Scream" reinzseniert, knüpft er aber freilich auch an "Scream 3" an. Auch im Film ist eine gute Dekade vergangen, als Sidney während einer Tour für ihr aktuelles Buch in ihre Heimatstadt zurückkehrt, wo Gale und Dewey mittlerweile Seite an Seite leben: alle stehen sie fester im Leben als noch vor Jahren und eignen sich daher - und gerade auch, weil mit Campbell, Arquette und Cox glücklicherweise die gleichen Gesichter von damals (nur deutlich gealtert) vor der Kamera stehen - hervorragend als Identifikationsfiguren für ein Publikum, das seinerzeit mit den Originalteilen groß geworden ist. Dieser Umstand bewirkt einen großen Pluspunkt des vierten Teils, insofern den Fans von damals so ganz nebenbei, beiläufig und unauffällig, ihr eigenes Altern, ihre eigene Entwicklung vor Augen geführt wird - dieses beinahe familiäre Wiedersehen mit den Rollenfiguren und denselben Darstellern aus der Zeit 1996-2000 enthält eine sehr eindringliche, intensive Note mit einem Hauch Melancholie, wie man es in Filmreihen nur ganz selten geboten bekommt (etwa in der immer schwächer gewordenen "Phantasm"-Reihe (1979-1998) oder jüngst in den "Harry Potter"-Verfilmungen (2001-2011), bei denen ein junges Publikum gleichzeitig mit ihren Filmhelden und deren Darstellern heranreifen konnte).
"Scream 4" ruft ganz nebensächlich das Verstreichen der Lebenszeit ins Gedächtnis und enthält damit einen Aspekt, der weit über das Genre hinausgeht. Dass man als Film im Film dann etwa einen "Shaun of the Dead" (2004), der mittlerweile auch wieder volle 7 Jahre zurückliegt, auf heimischer Mattscheibe gezeigt bekommt, unterstützt solch eine Wirkung noch zusätzlich. Vor diesem Hintergrund gewinnen die Filmposter, die einen Lehrraum schmücken und von Cravens Original "The Hills Have Eyes" (1977) bishin in die Gegenwart reichen, noch eine Bedeutung, die über reinen Zitat-Charakter hinausgeht: sie werden zum Abbild einer (Film-)Geschichte, in welcher das eine das andere hervorbringt und von ihm abgelöst wird, die zum Bild für das Leben an sich wird - etwas kommt, altert, bringt neues hervor und vergeht langsam.

Doch dieser Aspekt ist eher ein erfreuliches Nebenprodukt und keinesfalls das Hauptanliegen der Filmemacher: um dem Genre trotz aller Brüche, Erneuerungen etc. gerecht zu bleiben und eben einen spannenden und spaßigen Slasherfilm abzuliefern, kommt eine ganz neue Generation von Opfern (und Tätern) hinzu, die das Morden im Teenie- und Schul-Milieu ermöglicht (auch hier spielt der Aspekt der Alterns nochmal hinein, wenn Gale etwa von einer jüngeren Verehrerin als deren Idol in den 90ern bezeichnet wird, oder wenn Dewey die Tragödie der einen Generation als Komödie der nächsten umschreibt). Das droht gerade Dewey und Gale manchmal etwas als Stars der Reihe an den Rand zu drängen, der Fokus scheint sich ein wenig von ihnen abgewandt zu haben; das trägt mit dem etwas angedrehten Härtegrad der Mordszenen und dem gegen Ende erwirkten Verdacht, mit diesem späten Teil würde man womöglich einige der tragenden Hauptakteure der Reihe nun doch tatsächlich sterben lassen zu einer düsteren Atmosphäre bei, die teilweise den Humor des Ganzen überflügelt - dem Beginn aus "Scream", der mit Drew Barrymores Tod seinerzeit noch etliche Kinozuschauer vor den Kopf stieß, kommt "Scream 4" gegen Ende damit näher als dem humoristischen Slasherspaß, mit dem man die Reihe vor allem verbindet. Ein Gefälle vom Komischen zum Düsteren ist in der Entwicklung dieses dritten Sequels nicht zu übersehen (auch wenn hier im Finale etwa einmal mehr humoristisch mit dem erneut aufstehenden, vermeintlich toten Killer gearbeitet wird).

Ein bitterer Beigeschmack wohnt (im positiven Sinne) auch der Motivation der Täterin bei, der Fans nach ihren Worten mehr bedeuten als Freunde - Cravens Kommentar auf soziale Netzwerke wie Facebook samt den Versuchungen einer entsprechenden Selbstinszenierung und Ich-Bezogenheit wird zwar nicht gänzlich ohne zynische Komik dargereicht, aber die Fässer der Geltungssucht und der Vermarktung des Unglücks anderer sind mit der Aufklärung am Ende dennoch geöffnet: Sidney profitiert von ihrem ungewollten Ruhm, eine Beraterin überstrapaziert diesen Umstand noch über ein erträgliches Maß hinaus, Gale möchte sich einmal mehr eine Mordserie zunutze machen, der inzwischen aufgestiegene Dewey kann sich ebenfalls bei ordentlicher Verrichtung seiner Arbeit des Ruhms sicher sein - die Inszenierung einer Mordreihe an Verwandten und Bekannten, um als vermeintlich überlebendes Opfer zu Ruhm zu gelangen, ist da nur die konsequente Überspitzung einer Vermarktung von Unglücksfällen.
Diese Vermarktung letztlich ist aber nicht nur Thema dieses Films, sondern vor allem Thema eines ganzen Genreumkreises: "Scream 4" ist kein Serienkiller-Thriller, der die (im Internet bisweilen ganz besonders bizarren Auswüchse) eines verantwortungslosen Umgangs mit Katastrophenmeldungen oder menschlichem Leid anprangert (das einem zum finanziellen Gewinn oder auch bloß zur entsprechend abgebrüht-coolen Selbstinszenierung verhilft), sondern die eigenen Strukturen indirekt thematisiert: was Knut Hickethier im Hinblick auf das Genre des Kriminalfilms, dem "Scream 4" eben auch angehört, anführt - dass nämlich "die heimlichen Bedürfnisse der Zuschauer [...] nach einem Ausbruch aus der Ordnung, nach dem Ausleben von geheimen Wünschen und dem Beschäftigen mit dem Unerlaubten"[2] angesprochen werden - wird hier angesprochen und mit einer moralischen Bewertung dieses Umstandes konfrontiert.
Sicherlich ist es ein himmelweiter Unterschied, ob ein Künstler Mord und Toschlag zu Unterhaltungszwecken imaginiert, ob ein Journalist/Autor mit realen Verbrechen Sensationsjournalismus betreibt oder ob jemand für seinen eigenen guten Ruf mordet - aber diese drei Vermarktungsmöglichkeiten von Gewalt bietet der Film damit letztlich an und reiht sie so zu einer Entwicklung aneinander, die den damals in "Scream" angeschnittenen möglichen Bezug von realer und gestellter Gewalt erneut auf andere Art und Weise betrachtet. Stand in "Scream" noch die Nachahmungstheorie um gewalttätige Kunstwerke zur Diskussion, geht es hier um das moralische Bewusstsein desjenigen, der - wie auch immer - von Gewalt berichtet bzw. eigenen Nutzen aus ihr zu ziehen vermag.

"Scream 4" beginnt hemmungslos albern, wird in der Folge durchaus düsterer, besitzt einen melancholischen Anstrich, setzt sich spielerisch mit Genre-Filmgeschichte, Vergänglichkeit und Moral auseinander - und ist nicht nur das beste Sequel der Reihe (deren dritter Teil leider viel zu oft unterschätzt wird), sondern auch einer von Cravens besten Filmen neben seinen Klassikern "Last House on the Left" (1972), "The Hills Have Eyes", "Nightmare on Elm Street" (1984), "The Serpent and the Rainbow" (1988), "New Nightmare" und "Scream".
7,5/10


1.) Béla Balázs: Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films. Suhrkamp 2001; S. 90.
2.) Knut Hickethier: Das Genre des Kriminalfilms. In: Ders. (Hg.): Filmgenres. Kriminalfilm. Reclam 2005. S. 11.



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