Diesmal werden keine Gefangen gemacht!
Ein Jahrzehnt ist ins Land gezogen, seit die von Wes Craven initierte und äußerst erfolgreiche "Scream"-Trilogie mit dem dritten Teil auslief. Aus einer doppelbödigen Semi-Parodie von Horrorfilmklischees war ein Labyrinth von Metaebenen geworden, in dem die Figuren Klischees und Wendungen, Standards und roten Heringen ausgesetzt waren, um schließlich sich selbst in Form von Schauspielern zu begegnen, die sie selbst in Filmen im Film verkörperten - während ständig der Ghostface-Killer blutdurstig und mit langem Messer seine Opfer suchte.
Doch jeder Spaß hat irgendwann ein Ende, bis eine neue Idee, vielleicht sogar eine neue Zeit eine weitere Fortsetzung wieder möglich machte. Doch "Scream 4" ist nicht star-wars-like der Start in eine zweite Trilogie, wie die Slasherfans es vielleicht vermuten mögen oder möchten - "Scream 4" ist eher eine Grabsteininschrift, eine Mischung aus wehmütigem Blick zurück und cleverer Selbstentlarvung, das Beste aus mehreren Welten und vielleicht zu viel auf einmal, um es wirklich gut verarbeiten zu können.
Cravens neueste Arbeit, wieder geschrieben vom Ausgangsautor Kevin Williamson, erfuhr jedoch nach großem Vorabhype keinen großen Erfolg an der heimischen (US-)Kinokasse, was eindeutig unfair zu bewerten ist, sich jedoch nach Ansicht ohne Weiteres erklären läßt.
Randvoll gefüllt mit erzählerischen und selbstreferenziellen Themen bietet "Scream 4" unter der Oberfläche einer erneuten Mordserie des dunkel gewandeten Killers von Woodsboro wieder viele wunderbare Meta-Ebenen, in diesem Fall aber weniger cineastisch gefärbt (auch wenn sich herausstellt, daß die "Film-im-Film"-Reihe "Stab" inzwischen zu phantastischem Wildwuchs depperter Autoren verkommen ist), sondern eher elipsenförmig an den Ausgangspunkt zurückkehrend. Diesmal scheint der Killer (die Killer?) die Morde des Originals, die tatsächlichen Ereignisse in "Scream" nachzuarbeiten, ohne sie nachzustellen, der grobe Trend, der vage Aufbau des Originalfilms zieht sich als roter Faden durch die Geschichte, just als Daueropfer Sidney Prescott (Neve Campbell, sichtlich gealtert) für ihre Buchpräsentation wieder mal in der Stadt ist. Dewey Riley und Gale Weathers sind inzwischen verheiratet, sie versucht sich als Autorin, er ist endlich der lokale Sheriff - und prompt geht die Schlitzerei wieder von vorn los.
Die bekannte Startszene mit dem unbekannten Anrufer rund um das Thema "Lieblingshorrorfilm" ist auch hier wieder im Einsatz, aber nicht gedoppelt, sondern inzwischen verdreifacht, was den Startopfern Gelegenheit gibt, einen Film im Film im Film zu betrachten - und einen wunderbaren Moment, in dem Dauerblondchen Kristen Bell Anna Paquin abschlachtet.
Anschließend endlich in der (realen?) Handlung angekommen, exerzieren die ersten echten Opfer schließlich sogar gleich noch ein paar bereits zerkaute Klischees erneut durch, ehe sie gewaltsam ausscheiden: die Teenager von heute, so sagt es Craven recht direkt, kennen die Horrorfilme, sie kennen die Regeln, teilweise sind sie sogar Fans. Was also bleibt dem Film übrig, als alle Regeln außer Kraft zu setzen. Keine Regeln, das war auch schon der Tenor des dritten Films, doch jetzt sind die Opfer und alle die es werden wollen, den halben Film damit beschäftigt, zu erklären, welche Klischees sie gerade benutzen und wie man ihnen ausweichen könnte, um ihnen dann doch zu unterliegen.
Stattdessen ist die Allmachtspräsenz der Medien stets gegenwärtig, die moderne mediale Welt hat Woodsboro erreicht, ständig klingeln Handy oder I-Phones, wird mit Mails gearbeitet oder per Video-Online-Blog das Geschehen gleich direkt ins Netz versendet. Doch die stete Erreichbarkeit wandelt sich zum Fluch, als der Täter sich als genauso kundig herausstellt, stets die Telefone von handelnden Figuren nutzt oder den modernen Zwang, ans Telefon gehen zu müssen, schamlos ausnützt. Zeitweise stehen die Medien sogar im direkten Widerstreit miteinander - in einer geschickten Reprise von Teil 1 versucht Gale Weathers mittels vier mobiler Kameras eine Teenagerparty zu überwachen, wird jedoch vom Killer mittels einer Webcam übertölpelt und prompt direkt vor sein Messer gelockt.
Für die Zuschauer entwickelt sich so ein geschickter Spaß, sofern man die drei Vorgänger, speziell das Original gesehen hat, denn die lose Nachstellung der Abfolge der originalen Morde läßt natürlich ein schönes "Finde die Gemeinsamkeiten"-Spiel zu, das ein bißchen von der dritten Aufwärmung des Killerwhodunits ablenkt.
Doch wer ein wenig hinter die Kulissen schaut und schließlich den Tenor und die Aufklärung des Falls kennengelernt hat, spürt deutlich, daß hier nicht mehr ein Kind der Liebe neugeboren wurde, sondern Craven und Williamson offenbar in gut einem Jahrzehnt ein wenig alterszynisch geworden sind. Gewollt oder ungewollt: die Meinung über die hier agierenden Figuren ist auf Seiten der Filmemacher offenbar nicht mehr sonderlich gut. Ohne platte Überzeichnungen bieten zu wollen, präsentiert der Film seine Teenager und jungen Karrieristen inzwischen als dauervernetzt und sensationsgeil, auf der steten Jagd nach Aufmerksamkeit und 15 Minuten Ruhm, oberflächlich und viel zu sehr von sich selbst und dem eigenen Wissen überzeugt. Kein Wunder also, wenn sich das für die relativ unbelesene Bande als fataler Trugschluß herausstellt.
Wirkliche positive Züge oder Charaktere weiß der Film nicht zu zeigen, bzw. werden nicht herausgearbeitet; die Prognose für die "next generation" des Horrorfilms ist offenbar so negativ, daß die Horde von Filmteenagern hier zumeist nur Rahmenbedingungen für typisches Slashermaterial bieten dürfen: zwei Filmclubnerds, drei Mädels von der Schule (eine davon Sidneys Cousine), ein mysteriöser Galan, der die Billy-Rolle des Originals nachstellt.
Tiefe oder spürbare Sympathie ist keinem zu eigen, also kann man zurecht annehmen, daß sie so gut wie alle dem Killer zum Opfer fallen oder es selbst sind. Williamson spart sich die Ausarbeitung der Figuren, die einem niemals so ans Herz gehen wie die rückblickend etwas überzeichneten Charaktere aus dem Original.
Wozu auch - schließlich hat man ja immer noch das Survival-Trio aus den ersten drei Filmen, die auch jetzt offenbar so etwas wie Sympathieträger sind, denen nicht zuviel geschehen darf, schließlich haben sie sich mit Blut und Wunden um das verdient gemacht, was die jüngste Generation jetzt glaubt, perfekt theoretisch zu beherrschen.
Craven und Co. bevorzugen eindeutig die Dreieinigkeit Campbell, Cox und Arquette, wobei mal positiv zu konstatieren ist, daß die Figur, die bisher am stärksten durch den Fleischwolf gedreht wurde, diesmal am wenigsten abbekommt.
Die Auflösung erfolgt schließlich in bester Tradition und hat durchaus ein paar Überraschungen zu bieten, die ankündigungsgemäß in einem übersteigerten zweiten Showdown enden, der die wichtigsten Themen des Films noch einmal aufgreift.
Dennoch haben Craven und Williamson eine große Chance verpaßt, ihre eigene Schöpfung für das langsam warm werdende Millenium fit zu machen, indem sie sozusagen Erben heranzüchten. Egal, ob es Herablassung, Zynismus oder einfach nur Spott ist, der diese Figurendegeneration begünstigt hat, für den jungen, halbwegs aufgeweckten Zuschauer mit Spaßauftrag fehlt es so in diesem Film eindeutig an einer Identifikationsfigur, um die man mitleiden kann.
Zu brav, zu grobschlächtig, zu unterentwickelt, zu klischeehaft, das sind die typischen Attribute und angesichts des Tätermotivs wird auch noch der letzte Keim einer Chance zur Verbindung zwischen Figur und Zuschauer zertreten, stattdessen setzt die Produktion wieder auf die "Scream"-Allstars, von dem das dvd-kundige Publikum sowieso annehmen kann, das es auch im vierten Teil keinen ernsthaften Schaden nehmen wird. Aber so gut passen 18jährige Zuschauer und ca. 40jährige Stars auch wieder nicht zusammen, daß man damit Blockbustermassen bewegen könnte.
Wie gesagt: das heißt nicht, daß "Scream 4" nicht voller Ideen, Dopplungen oder innerfilmischer Bezüge wäre, vom Durchkauen von Genrestandards bis zur leierartigen Aufsagerei aller möglichen Kinohorrorfilme der letzten zehn Jahre.
Der Bodycount ist gleichzeitig enorm hoch, das Blut spritzt gleich literweise (und vermeidet überdeutliches CGI), allein wirklich narrative und atmosphärisch beklemmende Situationen lassen sich aus der Woodsboro-Kulisse kaum noch herauspressen, was nach dem "Starter" gerade das erste Drittel etwas hüftsteif wirken läßt. Später steigt der Unterhaltungsfaktor wesentlich an, jedoch paart sich mit der Enthüllung des Tätermotivs gleichzeitig die leise Enttäuschung über mangelhaft ausgeformte Charaktere, die dann alle am Wegesrand verbluten dürfen.
"Scream 4" ist dennoch gut geraten, ein mehr als ordentlicher Film, der das weiterentwickelt, was die Trilogie vor gut 10 Jahren liegen ließ und noch ein paar interessante Ansätze zusätzlich entwickelt. Anstatt aber gleichzeitig nach innen zu wachsen und einen neuen Figurenkreis aufzubauen, den man selbstständig mittels scharfer Klinge auf das Nötigste einreduziert hatte, wachsen nur die Metaebenen nach außen weiter, erschöpft sich die Kreativität in Varianten des selbstentworfenen Spiels. In der letzten Szene entlarvt sich dann die Menagerie der medialen Allmacht selbst, wenn sie über Ereignisse berichtet, die just hinter den Mauern des Krankenhaus, vor dem sie steht, gerade komplett umgeworfen wurden.
So wird aus einem Wachstums- und Entwicklungsprozess ein Klassentreffen alter Kumpels, nur in brandneuer Kulisse und mit neuester Technik, Schulterklopfen und wissendes Kichern inclusive. Das ist ein bißchen überheblich und arrogant, wenn auch geschickt - doch so oberflächlich die portraitierten Kids auch sein mögen, sie spüren genau, wenn man sie ablehnt oder sich über sie hintergründig moniert, egal ob man damit recht hat oder nicht. (7/10)