"Das Unerwartete ist das neue Klischee."
Genau zum 15. Jahrestag des Woodsboro-Massakers kehrt Sidney Prescott (Neve Campbell) aufgrund einer Marketing-Aktion für ihr verfasstes Buch in die Kleinstadt zurück. Zunächst wird sie von ihren damaligen Leidensgenossen, dem Sheriff Dewey Riley (David Arquette) und der einstigen Journalistin Gale (Courteney Cox), herzlich begrüßt und findet eine Unterkunft bei ihrer Tante Kate Roberts (Mary McDonnell) und Cousine Jill (Emma Roberts), die mit ihrem aufdringlichen Ex-Freund, Trevor Sheldon (Nico Tortorella), zu kämpfen hat. Doch schon kurz nach Sidney's Ankunft ereignet sich eine Mordserie, die genau den Ablauf der Morde vor 15 Jahren imitiert. Dewey und die übereifrige Deputy Judy Hicks (Marley Shelton) tappen im Dunkeln, während sich Gale mit den Schülern Charlie Walker (Rory Culkin) und Robbie Mercer (Erik Knudsen) verbündet, um den Mörder zu fassen. Parallel verschanzt sich Sidney mit ihrer Verwandtschaft und Jill's Freundin Kirby (Hayden Panettiere) zu Hause und muss mitansehen, wie im Nachbarhaus Olivia Morris (Marielle Jaffe) ermordet wird.
1996 lieferte Regisseur Wes Craven ("Verflucht", "Red Eye") mit "Scream - Schrei!" den Grundstein zur Wiederbelebung der Teenie-Slasher und löste damit eine regelrechte Welle an vergleichbaren Filmen aus. Selbst Horrorfilme mit explizierterer Darstellung von Gewalt oder subtilerer Herangehensweise orientierten sich an Craven's Weckruf. Nach zwei spürbar schwächeren Teilen verschwand die Reihe jedoch wieder aus den Lichtspielhäusern, nicht aber ohne von Parodien immer wieder zitiert zu werden.
Nach nun über 10 Jahren Abstinenz versucht Craven erneut die klassischste Variante des Horrorfilms durch "Scream 4" zu profilieren. Wie bereits seine Vorgänger ist auch der vierte Teil der Serie ein einziger Kommentar zum Horrorkino. Der Film ist nicht nur der selbstreferentiellste Teil der Reihe, sondern auch der cleverste. Es gab wohl kaum einen Horrorfilm in den letzten Jahren, der so spitzzüngig nicht nur mit einem ganzen Genre, sondern auch mit einer ganzen Generation abrechnet. Dabei übernimmt "Scream 4" ganz offensichtlich ganze Brocken des Erstlings.
"Scream 4“ ist im Herzen ein Kind der 90er, das sich auf dem Spielplatz des modernen Zeitgeists tummelt. Allein die ersten zehn Minuten eichen den Zuschauer auf die metaphysische Selbstfindungsreise durch die moderne Pop- und Medienkultur. Dass sich daher wenig verändert hat, mag Fans erfreuen. Denn ihnen wird genau das geboten, was sie schon an den Vorgängern liebten. Einen selbstreferenziellen Humor, zahlreiche Anspielungen auf mittlerweile etablierte Horrofilm-Reihen mittels neu erfundener oder realer Zitate, eine überraschende Auflösung, Gastauftritte bekannter Gesichter, Insidergags und schräge Figuren, deren cineastisches Wissen ihnen im Notfall dann doch nichts nutzt.
Das herausstechendste Merkmal ist die Modernisierung, die "Scream 4“ durchmachen musste. Die heutige Generation Highschool-Schülern lässt sich via Facebook und Twitter auf undurchsichtige Freundschaften ein, spielt mit Hilfe von Apps grenzwertige Scherze und filmt zudem gerne via Livestream ins Internet. Dies stellt zumindest für jüngere Generationen und Personen mit Umgang dieser Werkzeuge einen nachvollziehbaren Einstiegspunkt dar, auch wenn dieser gerne persifliert wird. Denn "Scream 4“ ist bemüht dem Cineasten immer wieder einen Lacher abzuringen und kratzt schon beinahe nervig an einer Parodie.
An die Handlungsglaubwürdigkeit darf man keine allzu hohen Ansprüche stellen, denn diese ist nicht immer nachvollziehbar. Die beliebte Figur des Ghostface, die einmal mehr den Platzhalter für den zu erratenen Mörder bildet, schlägt meist immer dann zu, wenn es der Zuschauer erwartet. Von daher hält sich auch der Schrecken in Grenzen. Ein wenig höher geschraubt wurde jedoch die Freizügigkeit an visueller Tötungsdarstellung. Recht detailliert bebilderte Schlitzwunden und heraustretende Eingeweide bilden die absolute Speerspitze. Und nein, nackte Körperkulturen gibt es auch diesmal nicht zu bestaunen.
Bis zum Schluss hält sich "Scream 4“ an seine selbst erstellte Regel Unerwartetes zu bieten und mit den gewöhnlichen Konventionen des Genres zu brechen. Umso ernüchternder ist das aufgesetzte Ende, denn hier bietet der Film ein altbekanntes Schema.
Das Wiedersehen mit bekannten Figuren ist erfreulich, auch wenn diese ein nur rundimentäres Profil erhalten. Ebenso erfreulich ist die bekannte Besetzung durch Neve Campbell ("Wild Things"), Courteney Cox ("Bedtime Stories", "Crime is King") und David Arquette ("Die Grauzone").
Äußerst zweckmäßig werden Emma Roberts, Hayden Panettiere ("Die Eisprinzessin"), Mary McDonnell ("Independence Day"), Marley Shelton ("Planet Terror", "Sin City") und Marielle Jaffe eingesetzt. Sehenswerte Leistungen bietet hier aber, wie erwartet, niemand.
"Scream 4“ erweist sich somit als überraschend frisches Reboot der Reihe selbst. Anlehnend an den ersten Teil scheinen eine Menge Sequenzen bekannt. Diese stehen durch den modernen Zeitgeist, Medienkritik und Genrezitate jedoch in völlig neuem Kontext und erweisen sich als enorm spannend. Das Wiedersehen mit bekannten Figuren und Schauspielern ist stimmig, ebenso die vorhersehbaren, sich aber nicht ganz an das Genre haltenden Morde. Der gröbste Aussetzer findet sich zum Schluss, wo der vierte Teil sehr aufgesetzt und einfallslos endet.
8 / 10